3. Auf Herrn Henrich Scherls mit Jungfrau Annen Sophien Grünewalds Hochzeit

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Paul Fleming: 3. Auf Herrn Henrich Scherls mit Jungfrau Annen Sophien Grünewalds Hochzeit (1624)

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Freie, was vor nicht gefreit,
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was vor hat gefreiet, freie!
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Itzund sagt die neue Zeit,
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daß man sich nun auch verneue.
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Billich, daß die kleine Welt
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sich nach Art der großen hält.

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Zwar es kan sich wol so gut
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ein Mal wie das ander' lieben;
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wenn es aber Alles tut,
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soll es denn der Mensch verschieben,
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der zu der vergünten Tat
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gleiches Recht und Anspruch hat?

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Neulich war die Erde Braut.
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Itzund liegt sie in den Wochen.
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Laub und Blumen, Saat und Kraut
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haben die Geburt gebrochen,
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und die reiche Fruchtbarkeit
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wird noch täglich ausgestreut.

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Freie, was sich nehmen kan!
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Junge Leute sollen lieben;
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alte geht es gleichsfals an,
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die es ja so sehnlich üben.
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Wer es hindert und verbeut,
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der tut wider Billigkeit.

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Unsre junge Manschaft kriegt,
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kömt um Jugend, Leib und Leben.
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Wie manch schönes Bild erliegt,
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seit wir in dem Jammer schweben,
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der uns halb hat umgebracht
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und noch täglich dünner macht!

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Amor fleugt durch freie Luft
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mit der Mutter offnem Schreiben,
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ruft und schreiet, schreit und ruft,
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daß man nicht soll einsam bleiben.
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Wer mir, spricht er, itzt ist Feind,
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mit dem ist kein Gott nicht Freund.

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O wie wol vermählt ihr euch,
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ihr zwei unbefleckten Münde!
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Das erfreute Sternenreich
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unterschreibt die beiden Bünde.
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Hymen, den es abgesandt,
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schlägt durch die gepaarte Hand.

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Seid nun froh und braucht der Gunst,
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die der Himmel euch vorstattet,
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Teilt die fruchtgefüllte Brunst,
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die ihr oft im Wundsche hattet!
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Was inkünftig folget drauf,
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das mengt schon der Sternen Lauf.

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Mich bedünkt, als seh' ich schon,
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was der nächste Morgen giebet,
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wie der angenäme Hohn,
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der mit Fröligkeit betrübet
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und folgt auf die erste Nacht,
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unsre Braut halb zornig macht.

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Die Verächterin der Zucht
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überfärbt die Milch der Wangen.
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Seht, seht, wie sie Ausflucht sucht,
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die sie doch nicht will erlangen!
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Sie verträgt mit halbem Glimpf
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ihrer Freunde süßen Schimpf.

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Memnons Mutter, Tithons Frau
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kömt so schamrot auch geschlichen,
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wenn das Kind der Nacht, der Tau
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ihr den Purpurmund bestrichen,
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weil sie meint, die muntre Welt
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wisse, was sie heimlich hält.

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Schöne, schämt euch nicht so gar,
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euer Blumwerk abzustatten
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und das goldgefärbte Haar
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mit dem Netze zu umschatten,
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in dem Amor, der es stellt,
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die zu kühnen Jungfern fällt!

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Sie weist den noch fremden Jäger
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auf die Spur, der er sich traut.
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Sie schlägt auf ihr
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daß er für den heißen Tag
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Rast und Schatten nehmen mag.

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Jaget wol! Wir warten drauf,
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was ihr werdet fangen balde.
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Wahr ists, Wild hält sich nicht auf
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in so einem zahmen
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Nun wir warten, wie gesagt,
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bis ihr wol habt ausgejagt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Fleming
(16091640)

* 05.10.1609 in Hartenstein, † 02.04.1640 in Hamburg

männlich, geb. Fleming

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller und Arzt

(Aus: Wikidata.org)

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