17. Auf Herrn Martin Münsterbergers seines geliebten Söhnleins sein Absterben, von Astrachan nach Moskow gesandt

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Paul Fleming: 17. Auf Herrn Martin Münsterbergers seines geliebten Söhnleins sein Absterben, von Astrachan nach Moskow gesandt (1624)

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Teurer Freund der ersten Zeit,
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die mich Rußland hieß durchziehen
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und auf Weiters was bemühen,
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das mich mehr als sehr nun reut,
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ist's so, wie mir kömmt zu Ohren,
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daß dein Söhnlein ist verloren?

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Allzuwahr! Erbarm es Gott!
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Er, des Vatern anders Herze
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und der Matter süßer Schmerze,
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er, der traute Sohn, ist tot.
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Ihres Wundsches ganzes Hoffen
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hat des Würgers Pfeil getroffen.

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Billich tust du, daß du zagst,
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doch so tust du auch hingegen
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wie die frommen Priester pflegen,
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daß du auch von Troste sagst,
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den dir Gottes Buch verehret
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und nun seinen Lehrer lehret.

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Alles ist mehr nichts als nichts,
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Leben, Ehre, Kunst, Vermügen;
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es entgeht uns, eh' wirs kriegen;
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eh' wirs fassen, so zerbrichts;
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es verschwindet, eh' wirs nützen,
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Winden gleich und schnellen Blitzen.

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Muß es denn gestorben sein,
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ei, so ist es balde besser.
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Der Verzug macht Strafe größer,
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vom Verschube wächst die Pein.
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Der ist klug, der allen Fällen
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allzeit sich gefaßt kan stellen.

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Tröste dich und deinen Trost,
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der dir in den Armen weinet!
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Sprich: Der Böses gut doch meinet,
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der hat über uns gelost.
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Unser Leben frei zu bürgen,
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läßt sich unser Liebstes würgen.

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Iederman, der wirds gestehn:
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Jahre häufen Schuld und Sünde.
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Wol geschiehet einem Kinde,
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das mit Mute hin kan gehn
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und den Richter fein darf fragen:
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Hast du was auf mich zu sagen?

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Und woher entsteht der Graus?
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Alten ist das Sterben bitter.
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Kinder fallen wie die Ritter,
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die den Tod nur spotten aus.
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Wert ists, daß man das verlachet,
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das nichts fühlt und fühlen machet.

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Wen der Höchste herzlich meint,
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den versetzt er jung von Jahren
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in der Engel reine Scharen.
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Lachen ist es, das ihr weint,
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denn auch ihr begehrt zu kommen,
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wo er hin ist aufgenommen.

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Weiß er schon nichts von der Welt
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und von Gottes Wundern drinnen,
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er hat itzt den Himmel innen,
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welcher Alles in sich hält,
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gegen den das Tun der Erden
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ganz für nichts geschätzt mag werden.

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Gleichwol habt ihr ihn gehabt,
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ist er schon hinweg getragen.
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Saget, was ihr habt zu sagen,
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euer bleibts, was ihr vergrabt.
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Und was heißen doch wir Toren,
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was uns selbsten sucht, verloren?

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Euer Sohn, der gieng voran,
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euch die Bahne nur zu brechen
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und die Stelle zu besprechen,
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da er stets bei euch sein kan.
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In des Himmels hohen Thronen
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solt ihr ewig bei ihm wohnen.

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Gott, der weiß, wenn, wo und wie
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wir dem Knaben folgen sollen
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und für unsren Wucher zollen.
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Die geliebte Seele, die
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hat in einem Augenblicke
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Welt und Not und Tod zurücke.

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Wol dir, kleiner Freund, für dich!
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Ich bin fertig dir zu folgen,
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will es Gott, noch von der
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die mich lange stößt von sich,
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daß die Meinen mich empfangen,
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wo sie vor mir hin sind gangen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Fleming
(16091640)

* 05.10.1609 in Hartenstein, † 02.04.1640 in Hamburg

männlich, geb. Fleming

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller und Arzt

(Aus: Wikidata.org)

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