16. Auf Frau Elisabeth Paulsens in Revel Ableben

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Paul Fleming: 16. Auf Frau Elisabeth Paulsens in Revel Ableben (1624)

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Soll ich trösten oder klagen?
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Was denn tu' ich erstlich nun?
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Hier ist Jammer, da Verzagen,
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dort ein schmerzlichs Kläglichtun,
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und wir sehn auf allen Seiten
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Tod und Ohnmacht auf uns streiten.

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Kind und Mutter sind erblichen,
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ihrer Jugend Glanz wird greis,
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sie sind todfarb' angestrichen,
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Händ' und Herzen werden Eis.
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Wir auch sterben hin mit ihnen,
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die wir itzt ihr Grab bedienen.

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Hier stehn die verweinten Alten;
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beider Herzen sind zerstückt
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und durch einen Hieb gespalten:
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zwei der Liebsten sind entzückt,
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zwei der Liebsten aller Lieben,
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Kind und Kindskind, sind geblieben.

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Wie des Atlas Töchter gehen
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um des Sternenochsens Häupt,
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wenn sie unumnebelt stehen
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und kein Südwind sie vertreibt,
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wie die sieben hellen Kerzen,
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die sich in dem Arkas herzen,

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also stunds um uns noch gestern;
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heute streut sichs in die Luft.
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Zweimal drei erblaßte Schwestern
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gehn und ächzen um die Gruft;
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sie, voll Tränen, sehn von fernen
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ihren Teil stehn in den Sternen.

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Der Betrübtste der Betrübten
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ist alleine nur nicht hier.
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Die sich vor so einig liebten
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sind geteilt nun für und für,
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bis auch er wird hingelangen,
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wo die Liebste hin ist gangen.

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Wahr ists, daß sein furchtsams Herze
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manch betrübter Traum erschreckt,
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wenn ihn der geheime Schmerze
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aus dem schweren Traum' erweckt,
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und das traurige Gesichte
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schwebt stets vor dem Augenlichte.

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Ursach' ist vollauf zu weinen,
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wenn wir sehn, was vor uns liegt,
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doch so sollen wir nicht scheinen
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als mit Zagen unvergnügt
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und den Heiden uns vergleichen,
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die kein Trost nicht kan erweichen.

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Meine Freunde, klagt mit Maßen!
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Sie sind, wo man ewig bleibt,
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da wir sie doch müssen lassen.
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Tut doch, was ihr feste gläubt:
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welche selig sind gestorben
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sein und bleiben unverdorben.

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Sterben und geboren werden
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ist das alte Tun der Welt.
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Dieses ist der Brauch der Erden,
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das sie Ewigs nichts nicht hält.
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Was die Zeit vor hat geboren,
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wird mit ihr durch sie verloren.

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Laßt dem Himmel seinen Willen,
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gebt ihm gütlich, was er gab!
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Diß muß doch die Erde füllen,
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was nicht gerne will ins Grab.
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Das ists, das wir einig wissen,
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daß wir einmal sterben müssen.

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Wie Viel' sind ihr hingefahren,
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wo auch diese zogen hin,
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in den sechsthalbtausent Jahren;
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Alle waren, was ich bin.
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Alle wurden so zu Erden,
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wie wir alle werden werden.

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Zwar es ist ein großer Schmerze,
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doch gedenkt des Schöpfers auch!
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Er, das liebe Vaterherze,
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hält stets diesen seinen Brauch,
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daß er die auch herzlich liebet,
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die er herzlich hat betrübet.

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Feind der Welt, du kanst den Seelen
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ganz mit keiner Sichel zu!
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Für die Leiber sind die Hölen,
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aber, schöner Himmel, du
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bist, alswie du heißest Meister,
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Herr und Wirt auch unsrer Geister!

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Weil die frommen Leichen rasten
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und in ihren Kammern ruhn,
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abgetan von allen Lasten,
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die uns stets den Tod antun,
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unterdeß sind ihre Seelen,
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wo man weiß von keinem Quälen.

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Die erfreuten Seraphinnen
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streichen ihre Zären ab,
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und ein Teil der Cherubinnen
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gehn als Wächter um das Grab,
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daß das schlummernde Gebeine
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ganz behalte was ist seine.

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Was uns zeitlich wird genommen,
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soll einst ewig unser sein,
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wenn der große Tag wird kommen,
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der schon itzund bricht herein;
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denn so wollen wir stets küssen,
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das wir itzt stets mangeln müssen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Fleming
(16091640)

* 05.10.1609 in Hartenstein, † 02.04.1640 in Hamburg

männlich, geb. Fleming

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller und Arzt

(Aus: Wikidata.org)

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