14. Auf Herren Timothei Poli neugebornen Töchterleins Christinen ihr Absterben

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Paul Fleming: 14. Auf Herren Timothei Poli neugebornen Töchterleins Christinen ihr Absterben (1624)

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Ists denn wieder schon verloren?
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War es doch kaum recht geboren,
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das geliebte schöne Kind!
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Ja! So bald es vor ist kommen,
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so bald ist es auch genommen.
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Schaut doch, was wir Menschen sind!

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Etwan wie ein Tausentschönlein,
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das gemalte Lenzensöhnlein,
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mit dem frühen Tag' entsteht,
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welches, wie es mit ihm wachet,
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mit ihm scheinet, mit ihm lachet,
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so auch mit ihm untergeht:

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also hastu dich verborgen,
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Blümlein, um den sechsten Morgen,
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liegest tot nun hingestreckt,
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und hast durch das schnelle Scheiden
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deinen frommen Eltern beiden
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ein sehr langes Leid erweckt.

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Klagt, Betrübte, wie ihr sollet!
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Sie ist doch, wo ihr hin wollet.
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Uns ist übel, ihr ist wol.
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Ihr Geist, der ist voller Prangen;
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nur ihr Leib ist hingegangen,
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wohin Alles ist und soll.

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Wo selbst die Natur hin stehet,
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wo die große Welt hin gehet,
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dem eilt auch die kleine zu.
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Sterben und geboren werden
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ist das stete Tun der Erden;
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nur ihr Tod ist ihre Ruh'.

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Babels Mauren sind versunken,
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Rhodus sein Koloß ertrunken,
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Nilus Werke giengen ein.
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Sterblich waren alle Wunder
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wie die Meister, wie itzunder
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wir und künftig Alle sein.

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Assur wurde teil den Persen,
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diß dem Griechen. Dessen Fersen
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folgte nach die ewge Stadt.
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Doch, wie ewig sie gewesen,
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kan man hören, sehn und lesen:
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Schein ists, was sie Ewigs hat.

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Alles wird darum geboren,
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daß es wieder sei verloren.
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Nichts bleibt allzeit, was so ist.
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Alles, was sich angefangen,
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gehet stets in dem Verlangen,
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daß es seinen Tod erkiest.

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Sterben ist der Weg zum Leben;
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Phönix wird es Zeugnüß geben,
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selbst sein Vater, selbst sein Kind.
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Soll es morgen wieder tagen,
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so wird Heute hin getragen,
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wo viel' tausent' Gestern sind.

55
Es ist Alles Gottes Gabe.
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Alles, was ich itzund habe,
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hab' ich vormals nicht gehabt;
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der irrt, der es ewig gläubet.
59
Wucher ists, so lang' es bleibet,
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was uns unsern Sin erlabt.

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Als Gott sie euch überreichet,
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habt ihr euch mit ihm vergleichet,
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daß sie dennoch seine sei.
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Daß er, wenn er auch nur wolte,
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sie hinwieder nehmen solte,
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mußtet ihr ihm stellen frei.

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Und die Warheit rauß zu sagen:
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Neid ists, daß wir sie beklagen.
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Wol dir, o du kurzer Gast!
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Wol dir, die du in sechs Tagen
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eines ieden Alters Plagen
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gänzlich überstanden hast!

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Kleine Tochter, sei nun seelig
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und zeuch uns auch stets allmälig
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nach dir auf und Himmel an,
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daß auch wir der Zahl der Frommen
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in die du bist aufgenommen,
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balde werden zugetan!

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Diesen Korb voll Anemonen,
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der der Frost stets soll verschonen,
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streuen wir auf deine Gruft.
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Schlafe ruhsam in dem Kühlen!
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Um dich her soll ewig spielen
84
die gesunde Maienluft.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Fleming
(16091640)

* 05.10.1609 in Hartenstein, † 02.04.1640 in Hamburg

männlich, geb. Fleming

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller und Arzt

(Aus: Wikidata.org)

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