12. An Herrn Martin Christenien über Ableben dessen Vatern, Mutter und Schwester

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Paul Fleming: 12. An Herrn Martin Christenien über Ableben dessen Vatern, Mutter und Schwester (1624)

1
Liebster nach dem Liebsten du,
2
o du meiner Freunde Seele,
3
gieb doch, Bruder, gieb doch zu,
4
daß ich mich mit dir auch quäle,
5
der du in viel Toden stirbst
6
und in keinem doch verdirbst!

7
Ach! was ist das Leben doch,
8
in dem nichts als Sterben lebet?
9
Ärger ist es, ärger noch
10
als der Tod, der vor uns schwebet,
11
der, wie sehr man nach ihm greift,
12
stetigs weicht und von uns läuft.

13
Über das so große Leid,
14
das der ungestüme Würger
15
nun so eine lange Zeit
16
gegen dich und seine Bürger
17
ausgeübt und noch hält an,
18
war dein größtes nicht getan.

19
Dein Raub aus so mancher Not,
20
dein Trost, deiner Jugend Freude,
21
Alles ist auf einmal tot,
22
ihm zur Ruh' und dir zu Leide.
23
Deine Liebsten von der Welt
24
hat das strenge Recht gefällt.

25
Drei auf einmal ist zu viel:
26
Vater, Mutter, Schwester fallen.
27
Was ist deiner Hoffnung Ziel,
28
du Betrübtster unter Allen?
29
Eine Gruft hat sie und dich
30
und den andern Dich auch, mich.

31
Wie ist aber ihm zu tun?
32
Was so hin ist, kömmt nicht wieder.
33
Wol dem, der in sich kan ruhn,
34
der läßt seine Segel nieder,
35
wenn das Wetter hat sein Spiel
36
und der Wind nicht fugen wil.

37
Laß den Zeiten ihren Lauf!
38
Was der Himmel heißt geschehen,
39
das hält man vergebens auf.
40
Auf den Höchsten muß man sehen,
41
der uns dreifach oft betrübt,
42
weil er uns auch dreifach liebt.

43
Tröste dich und schau auf mich!
44
Ich verzeihe mich der Meinen.
45
Heute trifft das Elend dich;
46
ich vielleicht muß morgen weinen,
47
bevoraus weil ich forthin
48
weit von euch, ihr Lieben, bin.

49
Mutter
50
Vater, Mutter, Schwester, Freunde,
51
mein! erlaubet diß doch mir,
52
das ihr mehr wündscht eurem Feinde,
53
daß ich ferner Länder Zier
54
unserm

55
Ist mir Gott und Glücke gut,
56
daß ich mit gelehrten Küssen,
57
wie mein
58
euch hinwieder soll begrüßen,
59
denn soll meiner Verse Lust
60
auch bei Fremden sein bewußt.

61
Meint nicht, wie der Pöfel spricht,
62
Mitternacht sei ganz ohn' Ehren,
63
Persien, das habe nicht,
64
was uns könne Weisheit lehren!
65
Denkt, daß in der Barbarei
66
Alles nicht barbarisch sei!

67
Meine Poesie steht hier
68
und verpflichtet sich bei Treuen:
69
dermaleins soll ihre Zier
70
nur zu eurer Lust gedeien;
71
euer ists, was sie begehrt
72
und in fremder Welt erfährt.

73
Du indessen denk an dich,
74
o du Herze voller Sorgen,
75
denk an dich und auch an mich
76
und an jenen lieben Morgen,
77
da dein Leid und meine Pein
78
erst soll recht betauret sein!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Paul Fleming
(16091640)

* 05.10.1609 in Hartenstein, † 02.04.1640 in Hamburg

männlich, geb. Fleming

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller und Arzt

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.