10. Auf Herrn Christof Schürers, Phil. et Theol. Stud., Leichbegängnüß

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Paul Fleming: 10. Auf Herrn Christof Schürers, Phil. et Theol. Stud., Leichbegängnüß (1624)

1
Preis der Jugend, Lob der Stadt,
2
Zier des Stammes und der Deinen,
3
Wohnhaus mancher Wissenheit,
4
Vieler Freude vor, nun Leid,
5
o du Ursach unserm Weinen,
6
das kein Endmal weiß noch hat!

7
War nun diß des Himmels Schluß,
8
daß er dich mit Gaben schmückte,
9
die sonst nicht gemeine sind,
10
und doch allzu gar geschwind'
11
in den Ort der Stille schickte,
12
welchem Alles werden muß?

13
Phöbus sah dich günstig an,
14
die gelehrten Kastalinnen
15
zeigten dir den Helikon,
16
Plato hieß dich deinen Sohn,
17
und Porphyr wird zeugen können,
18
was er schon an dir getan.

19
Wer dich sahe, liebte dich
20
hoch um Schönheit, mehr um Tugend,
21
so vor billich Allem geht,
22
ob sie gleich zurücke steht
23
bevorab bei unsrer Jugend,
24
so für sie mehr liebet sich.

25
Itzo war es fast nun Zeit,
26
daß du deiner Reisen Zügel
27
ließest schießen durch die Welt,
28
da dir schon war fürgestellt
29
durch der Sinnen schnelle Flügel
30
was sich hoch hält weit und breit,

31
als vor diesem denn getan
32
dein so weit gewes'ner Bruder.
33
Keiner wird berühmt und groß,
34
welcher liebt der Mutter Schoß
35
für die Reisen, Pferd' und Ruder.
36
Wer nichts wagt, der wird kein Man.

37
Dieses war dein Wundsch und Sin.
38
Dem nur war es nicht versehen,
39
der sein Ja zu Allem spricht,
40
wenn es uns soll fehlen nicht.
41
»nein«, sagt' er: »diß soll geschehen!«
42
und gab dich den Parzen hin.

43
Wie der kecke Rosenkopf
44
seinen jungen Hals erhebet,
45
weil der Blumen Wirt, der West,
46
ihn noch mit sich bulen läßt,
47
bald doch vor dem Nord erbebet
48
und hängt ab den welken Knopf:

49
so war deines Lebens Zier,
50
junger
51
war ein kurzer Blumenschein,
52
der bald kömt und bald geht ein.
53
Nur dein feuriges Gemüte
54
funkelt noch bei uns nach dir.

55
Und was ist es Neues doch
56
in der frischen Jugend sterben?
57
Polyxene ward nicht alt;
58
Alexander ginge bald;
59
mancher Held muß zeitlich erben
60
für den Dank ein finster Loch.

61
Wol dem, der nicht lang' ist hier!
62
Argie kunt' ihren Kindern
63
etwas Bessers bitten nicht.
64
Was dir hie zu kurz geschicht
65
und uns deucht dein Recht zu mindern,
66
das ersetzt der Himmel dir.

67
Neunmal hat nun Phöbe gleich
68
ihre Hörner eingezogen
69
und die Nächte blind gemacht,
70
seit die gabe gute Nacht,
71
der du itzt bist nachgeflogen
72
in das lichte Sternenreich.

73
Wo der blanke Milchweg sich
74
in den Himmelsfeldern zeiget,
75
da eilt sie entgegen dir
76
mit so sehnlicher Begier.
77
Schaue, wie sie sich dir neiget,
78
wie sie sieht so gerne dich!

79
küsse die entfärbten Wangen
80
und den halb noch toten Mund
81
deines Bruders, der itzund
82
dir gleich kömmt entgegen gangen
83
in den nochgestirnten Saal!

84
Hier ist der, der dich so sucht
85
und noch nirgends hat gefunden,
86
bis er selbst verloren sich.
87
Der so ist erbläst auf dich,
88
kan genießen dieser Stunden
89
seines Suchens süßen Frucht.

90
Selge zwei, ihr habet euch
91
und schwebt in den heilgen Flammen!
92
Wir gehn irre doch allhier,
93
bis ein iedes, gleichwie ihr,
94
mit den Seinen kömmt zusammen
95
in das euch itzt eigne Reich.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Paul Fleming
(16091640)

* 05.10.1609 in Hartenstein, † 02.04.1640 in Hamburg

männlich, geb. Fleming

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller und Arzt

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.