8. Auf Jungfrau Beaten Marien Möstels Begräbnüß an die betrübten Eltern

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Paul Fleming: 8. Auf Jungfrau Beaten Marien Möstels Begräbnüß an die betrübten Eltern (1624)

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Freilich, freilich müßt ihr klagen,
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ihr betrübten Herzen ihr,
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daß fast inner zweier Tagen
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euch ein zweifach Leid stößt für,
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da ein einzigs dieser beiden
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mehr kränkt als sonst hundert Leiden.

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Und ach! wär' es doch noch blieben
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bei dem einen nur allein,
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das euch hat von uns getrieben
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und nicht ließe sicher sein,
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das des schönen
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nunmehr setzt in Furcht und Trauren.

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Weil ihr großer Not entgehet,
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so fallt ihr in größre Strick',
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nun ihr seht, wie vor euch stehet
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nur auf einen Augenblick
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lebend, frisch, krank und erlegen
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eurer Ehe süßer Segen.

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Satten Fug habt ihr zu zagen
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bevoraus um letzten Fall,
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doch ihr müsset selbsten sagen,
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daß es nichts hilft überall.
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Blos auf den nur muß man sehen,
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der diß Alles läßt geschehen.

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Gott der pflegets so zu machen,
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reißt oft unser Liebstes hin
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und will sogestalter Sachen
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uns ihm nach und zu sich ziehn,
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weil wir stets die Sinnen haben
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da, wo unser Schatz vergraben.

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Tauret mich die frische Jugend,
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ihrer Schönheit sondre Zier
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und die nicht gemeine Tugend,
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die so schöne schien herfür,
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so vergeßt auch nicht beineben,
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wie sie sind der Flucht ergeben!

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Kaja wäre nicht verdorben,
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wehrte Tugend letzter Not.
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Helene lebt' ungestorben,
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hülfe Schönheit für den Tod.
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Und was soll hier Schönheit tügen?
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Sie sagt selbst ihr Unvergnügen.

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Ie subtiler ausgeschmücket
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den beleibten Wind, sein Glas,
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uns Venedig überschicket,
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ie geschwinder bricht auch das;
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und ie zärter ist der Faden,
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ie behender nimmt er Schaden.

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Wenn die keuschen Lilgen prangen
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und in höchstem Schmucke stehn,
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weil noch auf ihr' hellen Wangen
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die gelinden Westen wehn,
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sind sie frisch auch funden worden
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gegen einen strengen Norden.

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Kränket euch ihr plötzlichs Ende,
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daß sie nicht gab gute Nacht,
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wer kan wider Gottes Hände,
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der ja alles gut sonst macht?
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Ohne Pein ist sie verschieden;
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das geschicht nicht einem Ieden.

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Kein behender Tod ist böse
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als der auf die Bösen fält.
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Daß auch uns Gott bald erlöse,
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ist der höchste Wundsch der Welt.
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So vielmehr ist sie genesen,
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weil sie niemals krank gewesen.

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Oder schmerzt euch ihr Erliegen
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und die Art des Todes mehr?
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Seht doch, wie durch itzigs Kriegen
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manche Stadt liegt tot und leer!
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Und was ist ein Mensch zu nennen
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gegen dem, das einst soll brennen?

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Als sie noch am Eiteln klebte,
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war ihr Eitels nicht gemein.
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Selig war sie, weil sie lebte;
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solte sie es itzt nicht sein?
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Itzt, da sie nun ewig bleibet,
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wo man seligs Leben treibet,

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wo die großen
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neben greiser Ewigkeit
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und in jener Zeit bestehen,
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so doch kennet keine Zeit?
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In die Scharen aller Frommen
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ist sie herrlich eingenommen.

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Laßt Gott euren Sinn sich geben
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und verwirrt euch nicht zu sehr!
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Gönnet ihr das ander' Leben
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und gedenkt um so viel mehr,
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weil Gott zweifach euch betrübet,
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daß er euch auch zweifach liebet!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Fleming
(16091640)

* 05.10.1609 in Hartenstein, † 02.04.1640 in Hamburg

männlich, geb. Fleming

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller und Arzt

(Aus: Wikidata.org)

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