53. An Herrn Hartman Grahman, Fürstl. Holstein. Gesandten Leibarzt, geschrieben in Astrachan 1638. In welchem der Verlauf der Reise nacher Moskaw und Persien meistenteils angefüret wird

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Paul Fleming: 53. An Herrn Hartman Grahman, Fürstl. Holstein. Gesandten Leibarzt, geschrieben in Astrachan 1638. In welchem der Verlauf der Reise nacher Moskaw und Persien meistenteils angefüret wird (1624)

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Gott, Bruder, und denn du, ihr beide habts getan,
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daß ich nun wieder wol zurücke ziehen kan.
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Euch geb' ich allen Preis für meine ganze Habe,
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für Leben, Glück und Stand. Euch brech' ich Palmen abe,
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zünd' Öl und Weirauch an und sag' euch einen Dank,
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der mit der alten Welt fast anfängt einen Zank,
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wil länger stehn als sie. Bis hieher bin ich wilde
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zu klagen umb mein Leid. Hier wird mein Wehmut milde,
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der mich fast durch hat bracht, mein Wehmut umb die Zeit,
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die ich hier richte bin ganz ohne Nutzbarkeit.

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Fort werd' ich Alles mir aus meinem Sinne schlagen.
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Ich falle, wo ich mag, es muß mir doch behagen.
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Komm' ich denn da und da und dort nicht wieder hin,
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so weiß ich, daß ich da vorhin gewesen bin.
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Ein Weiser fraget nicht, wo, wie und wenn er stirbet.
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Er weiß, daß dieser Leib gleich überall verdirbet.
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Ein Tod, der ist es nur, der tausentfältig kömt
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und ihrer tausent wol auf tausent Arten nimt.
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So gilts ihm auch stets gleich; er hält sich allzeit fertig;
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wird er gefordert auf, so steht er gegenwärtig;
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weiß, daß so bald er hat zu leben hier erkiest,
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er auch schon alt genung zum Tode worden ist.
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Kein graues Haar macht alt. Vom Geiste muß es kommen,
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das von der Weisheit wird für Alter angenommen;
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so grob hat keiner noch der Rechenkunst gefehlt,
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als der sein Alter nur von seinen Jahren zält.
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Ich habe satt gelebt. Diß bleibt mir ungestorben,
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was ich durch Fleiß und Schweiß mir habe nun erworben,
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den Ruhm der Poesie, die
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zu allerersten hat in Hochdeutsch aufgebracht.
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Ich schwör' es, Vaterland, bei Kindespflicht und Treuen:
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dein Lob ists, welches mich heißt keine Mühe scheuen.
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Ich könte ja so wol, als etwan jener tut,
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auch umb die Ofenbank mir wärmen Blut und Mut,
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nach Wundsche stehn geehrt, mich meines Wesens wehren
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und meiner Eltern Gut in stiller Lust verzehren,
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wie schlecht und klein es ist. So hast dus auch nicht Not,
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daß ich für Gott und dich mich lasse schlagen tot
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in einer tollen Schlacht. Ich habe nichts gelernet,
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das groß von weitem sieht und nur alleine fernet,
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bin leichtem Scheine feind. Ich bin von Jugend her
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der Wissenschaften Freund, die ich nicht ohngefehr
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und obenhin nur weiß. Apollo hieß mich trinken
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aus seiner Kastalis. Sobald ich fühlte sinken
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in mich den milden Rausch, der voll an Nüchternheit
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und satt an Hunger macht, der nach der Weisheit schreit,
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da stank mir alle Lust, da haßt' ich alle Liebe,
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die außerhalb der Kunst mich so an etwas triebe,
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das gut scheint und nur scheint. Ich trug für manchen Sieg
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schon manchen Lorberkranz. Als aber gleich der Krieg,
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erbarm' es Gott, der Krieg, mit welchem wir uns Deutschen
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von so viel Jahren her nun ganz zu Tode peitschen,
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mein
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die niemand schelten kan und ich mir oft gesucht.
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Ganz einem Vogel gleich, der fluck ist auszufliegen
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und gleichwol noch nicht traut, schaut, wenn et Luft kan kriegen;
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die Eltern, die sind aus, der Habicht ohngefehr
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setzt auf das bloße Nest aus freien Lüften her;
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die Not erweckt den Mut: er reißt sich aus den Nöten,
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fleugt hier und da umbher und traut sich sichern Stäten.
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Mein Bleiben war nicht mehr. Zudem war dieß mein Rat:
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was gilt bei uns ein Man, der nicht gereiset hat?
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Ich gab mich in die Welt, da ich zur guten Stunde
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dich, Bruder, und mit dir ein gutes Mittel funde,
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in Aufgang einen Zug, auf den die ganze Welt
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nun Aug' und Ohren hat. Der
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der Vorsicht werter Sohn, verschicket' Abgesandten
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in
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doch aber kanten nicht. Die trauten dir ihr Heil,
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das du nächst Gott erhältst, und ließen mich ein Teil
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auch ihrer Sorgen sein. Wer priese dieses Stücke
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zur selben Zeit an uns nicht vor ein sonders Glücke?
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Wir schifften durch den Belt und brachten
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was unsers Fürsten Rat wolt' haben hier getan,
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das damals zwar nicht nein zu unsrer Sachen sagte,
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doch, daß es sich mit uns hierüber mehr betagte,
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ganz wäre mit uns eins, so wandten wir uns um
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und holten über diß des Herzogs klare Stimm'
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und seinen ganzen Sinn. Da wär' es bald geschehen,
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daß wir dich unter uns mehr hätten nicht gesehen:
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der große
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den dein Verhängnüß doch zu der Zeit widerrief;
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es gunt' uns länger dich. Kamst derowegen wieder,
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erfüllt mit Seelenangst, mit Furcht durch alle Glieder,
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die dir die See gebar. Du kamst in
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die nachmals dich und mich noch mehr verbunden hat.
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Wir ließen
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und übergaben uns dem wolgebähnten Merzen.
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Wir flogen gleichsam fort und zogen groß und klein
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in Rußlands größte Stadt noch selben Monat ein.
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Ganz
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Sein Zaar verhört' uns bald, gab sicheres Geleite
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durch sein so langes Land und zeugte klar und frei,
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wie lieb ihm unser Fürst und dieser Handel sei.
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Wir schrieben gute Nacht ein ieder an die Seinen
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und letzten uns vermischt mit Lachen und mit Weinen,
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halb furchtsam und halb froh. Wir traten in das Kahn
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und sungen
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So schwummen wir dahin mit Nymphen ganz umbsprungen.
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Die klare
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Die Schwester der Napeen, die
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sagt' uns der
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der kühne
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das durch ganz Reußen hoch und seltsam ward gepriesen,
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uns ganz am Mute gleich, nahm uns mit Freuden auf
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und wagte sich mit uns auf unsern weiten Lauf,
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der anfangs langsam fuhr, gehemmt von falschen Gründen.
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das laute
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Das edele
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wolt', als wie auch
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Samara tanzt' uns nach mit ihrem reinen Flusse.
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sah' uns von fernen zu.
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das
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Der strenge
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lief umb die Ufer her nicht halb so wild und kühne,
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warf Pfeil' und Bogen hin und neigte seine Brust.
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So hatt' auch kein
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Wir kamen unversehrt an
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das, alsobald es uns mit treflichem Getöne
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vor seinen Mauren hört', aus Haus und Toren lief
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und überlaut »Glück zu« in unsre Salven rief.
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Der Flaggen hoher Flug, der Blitz der Falkenetten,
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der Stücken Donnerschlag, das Jauchzen der Trompetten,
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der Spiele voller Lärm vermengten Furcht und Lust,
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so daß man Scherz und Ernst fast nicht zu scheiden wust'.
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Der flüchtige
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erschrak und fiel zu Pferd' aus seinem Schilf und Horden,
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und, als er endlich sah' uns freundgesinnten Feind,
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erzürnt' er, daß es nicht zum Treffen war gemeint.
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Von hieraus wiesen uns die Tartrischen Silenen,
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als welche Buhler sind der Kaspischen Sirenen,
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in das berühmte Meer. Sie, Amphitrite, stund,
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bot unserm
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So bald diß der
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da kam er Rasens voll recht an uns angeschwommen,
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reizt' auf sein grünes Salz, ruft Äoln aus der Kluft.
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Da stritten wider uns Grund, Wetter, See und Luft.
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Wir flogen Himmel an und Hellen ab mit Schrecken;
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die Seen kamen ganz das schwache Schiff zu decken
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und spielten häufig ein. Die Schlupe, die gieng fort,
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das feste Rohr sprang ab, der Mast schlug über Bord.
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Der ungetreue Grund ließ hier die Anker schlippen,
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von dort her schreckten uns,
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Kein Helfen half uns mehr, wir stürzten auf das Land.
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Da starb das edle Schiff an der
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am Sande
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mit welchen erstlich wir das Persien beschritten!
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Die Ufer über uns, der Furcht und Wunderns voll,
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empfiengen uns mit Trost und sprachen alles wol.
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die angenehme Lust der quellenden Najaden,
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da Pan zu Feld und Tal und Berge ruft und pfeift
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und nach der Dryas hier, dort nach der Syrinx läuft,
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wie prächtig nahms uns an, wie blies es die Posaunen,
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wie sprungen umb uns her die bockgefüßten Faunen,
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da uns Lyäus selbst, der Herzog einer Schaar,
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die umb die Häupter grün in vollem Winter war,
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gar weit entgegenkam! Bei diesem Ebenteuer
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war ganz der Tag voll Lust, die Nacht voll Freudenfeuer.
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Latona macht ihr Licht zum vierten Male voll,
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es deucht uns kurze Zeit; wir waren allzeit wol,
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bald auf Dianens Jagd, bald bei Osiris Festen.
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Itzt waren sie bei uns, itzt waren wir bei Gästen.
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Nach diesem suchten wir das edel
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das unser
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an Heiligtümern reich, erbaut in reichen Gründen,
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an Gartenlust geziert, durchweht von vielen Winden,
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das uns neun Wochen fast zu so viel Tagen macht'.
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In Einem aber uns wird ewig sein verdacht,
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daß, Bruder, dir dein Tod schon vor den Lippen lebte,
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und dein verhauchter Geist dir auf der Zungen schwebte
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und wolte nun hindurch. Dein Gott und deine Kunst
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und unsre Nötigkeit entriß dich dieser Brunst,
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die dich hier wieder kreischt. Gott aber sei gepriesen,
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der sich auch dißmal uns so gnädig hat erwiesen,
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dich dir und uns geschenkt! Und diß beweist nun viel,
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daß er den Deinen dich ganz wieder geben will.
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Von daraus stiegen wir hoch auf des
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wiewol begleitet nicht von unsern schönen Stücken;
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hier ist kein Weg für sie. Da traf uns redlich ein,
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daß höchste Berge da, wo tiefste Täler sein.
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Der strenge rote Strom schoß zwischen seinen Klüften
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hin, schnellen Pfeilen gleich und Blitzen in den Lüften.
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Wir klommen Tag und Nacht die krummen Klippen an,
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halb furchtsam und halb froh. Worauf uns denn
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entgegen freundlich trug zur Labung seine Früchte.
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Bald trat uns
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das ebne Sultanie, das viel der ewgen Stadt
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an alter Trefflichkeit der Bäue gleiches hat.
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Drauf sahen wir
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in der der groß'
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eh' denn er sein
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und mehr als er gehabt in seine Hand bekam;
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das treffliche
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umb welcher Berge man die schönsten Marmor brechen
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und weit verschicken sieht, die große, reiche Stadt,
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die Wein und Brot und Gold und Lust die Fülle hat.
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Hier sahn wir Indien uns selbst entgegen rennen;
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Cythera sung uns ein, ließ Schauspiel' uns ernennen,
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trug Königswasser auf; und weil wir waren schwach,
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so wars ihr Lust mit uns zu haben Ungemach.
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darmit dein Bachus kan der Vorsicht Sinn berauben,
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die mich verführten auch? Und Kom, wo laß ich dich,
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allda ich selbsten bald gelassen hätte mich,
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schon jenem auf der Spur? Auch, Bruder, dir zu Danke
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erwähn' ich dieses hier. Hier stunden fast im Zanke
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die Götter über uns, ob auch der Müglichkeit
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wol könte müglich sein uns alle selbter Zeit
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zu führen weiter fort. Der heiße Hundsstern brante,
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als Titan durch das Haus des starken Löwens rante.
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Die wilde Glut schlug aus, sie schlug in unser Blut,
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es war umb einen Schlag, da lag uns Blut und Mut.
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Die Häupter waren krank, die Glieder schwach und müde.
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Auch du, o aller Arzt, inmitten Krieg und Friede,
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inmitten Furcht und Trost, vergaßest fast dein Tun,
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erfuhrest, was es heißt: Arzt, hilf dir selbsten nun!
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Wir mußten gleichwol fort, wir ließen
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sein Sandfeld ausgeschwemt und seine schöne Brücke
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und seinen Wunderberg. Wir kehrten Tag in Nacht
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und wieder Nacht in Tag. Du, eine halbe Tracht
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des lastbaren Kamels, hast damals satt empfunden,
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wie wol euch Kranken war, wie übel uns Gesunden.
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die zwar viel Gift gebiert, doch auch viel Goldes zeugt.
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Das bergichte
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der Sperber obgesiegt, allda noch seine Zier
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und deine Schande steht, ließ seine Bäche gehen
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und die gekühlte Luft verstärkter auf uns wehen.
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Das Ziel war nun vor uns, der Berg, der war erstiegen,
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wir sahen
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die königliche die, die, wie man mir bringt ein,
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von hundert Pforten soll genennet worden sein.
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Was aber trägt sich zu? Wir waren kaum empfangen,
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kaum von den Pferden ab in unser' Zimmer gangen,
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als der
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uns alle sich verschwur auf eins zu bringen üm.
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Der Sturm stieß auf das Haus, in welchem wir verschlossen
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mit voller Raserei stets auf einander schossen.
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Uns drungen Mord und Raub, und war die höchste Zeit,
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daß durch des Königs Hand zerrissen ward der Streit.
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Nim meinen Dank auch hier, o Gott, für deine Gnade,
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daß mich auf diese Zeit befallen hat kein Schade!
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Da mich Verlust und Tod in allen Winkeln sucht',
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so hast du mich geführt in einer sichern Flucht,
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selbst in dein Haus versteckt. Ihr acht erschlagnen Brüder,
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fallt willig, wie ihr tut, legt Wehr und Leiber nieder!
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Muß ja denn euer Tod für unser Leben sein,
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so nehmt das selge Feld mit andern Helden ein!
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Der treffliche
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macht' uns ein köstlichs Mahl und ließ uns wol geschehen,
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nahm unsern
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was er ihm legte vor, war alles wol getan.
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Erinnre, Bruder, dich, wie manche süße Stunden
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uns umb den
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wenn jener von Schiras so in den Jaspis sprang
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und uns zugleich in Mund und Stirn' und Seele drang.
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Entsinn dich gleichfalls auch der Ursach' unsrer Freuden,
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die meistens traurig war! Gedachten wir an Leiden,
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so dachten warlich wir an dich auch, roter Wein,
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als der du einig uns nicht lässest mühsam sein.
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Wenn Sorgen stehen auf, und die und die Gedanken
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sich über dem und dem bald so, bald anders zanken,
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so ist Eleusius der beste Schiedeman,
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wenn sonst nichts auf der Welt die Geister stillen kan.
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So hat uns auch das Haus der Herren
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der
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der
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(
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trüg' er ein deutsches Kleid, für Landsman solten heißen,
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wie vielmal hat er uns die lange Zeit verkürzt
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und froh und frei mit uns die Schalen umbgestürzt!
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Bald stillten unsern Sinn die königlichen Jagden,
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bald der
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des großen Kanzlers Mahl, der Gärten teurer Preis,
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der Bäue Trefflichkeit, der Wasserkünste Fleiß,
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des Königs Schimpf und Ernst, die Weise zu regieren,
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des Adels hoher Stand, das Muster im Turnieren,
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so vieler Völker Schar, so mancher Waren Wahl
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und so viel Anders mehr in ungezählter Zahl.

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Ich war gesonnen zwar den
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und was Seleukus hier, dort Ctesiphon erbauen,
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was er vor Altes weist von jener großen Stadt.
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Mir lag
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mich deucht', ich liefe schon von
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die See um
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Der Wind, der trug mich wol vor
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Bald war ich um den
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bald, strenger
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daß ich solt' hinter mich und so mich kehren umb.
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Mein Anschlag aber fiel, wie weislich ich ihn faßte;
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wie fleißig ich auf ihn zu Nacht und Tage paßte,
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so must' ich Andre sehn glückselger sein als mich;
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des Andern Schluß gieng vor, der meine hinter sich.
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Ein Weg muß sehr gut sein, den man soll zweimal machen.
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Den aber muß ich tun, wie wenig er von Lachen,
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wie viel er Weinens hat: doch spricht mich diß zur Ruh',
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daß ich ihn noch mit dir und meinesgleichen tu'.
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Sind iemals Freunde Not, so sind sie Not im Reisen;
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ihr Beisein ist vor Gold und Schätzen weit zu preisen.
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Sie mindern die Gefahr, halbiren den Verdruß
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und sind einander selbst für Wagen, Stab und Fuß.

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Steh ewig,
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und werde nimmermehr den Feinden eine Beute,
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reut alles Unkraut aus, geh über
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das deinen Adel schimpft, mach alles wie
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das deine Stärke trutzt! Wir wollen dein Behagen
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und deine Trefflichkeit mit uns zu Hause tragen
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und streuen in die Welt. Habt itzt nun gute Nacht,
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ihr Freunde, die ihr uns oft habet froh gemacht!

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Mit diesem kränzten wir
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der Taurus Bruder ist. Wir warfen Weirauchkörner
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den Göttern in die Glut und wandten von
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uns in ein Nordenland, da ewig Blumen blühn,
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da Sand und Dürre stirbt, da Frucht und Fülle lebet,
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da stetigs ein Lenz nur umb Tal und Hügel schwebet:
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in Persiens sein Mark, das treffliche
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das Rom und Frankreich trutzt und Spanien schimpfen kan, –
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hier hat es die Natur mit Bergen rings verschlossen,
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hier mit der strengen See, die rühmlich heißt, umbgossen –,
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das lustige
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das seinen trucknen Durst im
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Das reichdurchfloßne Tal, die stets besäten Felder,
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das immergrüne Haar der unverletzten Wälder
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folgt uns bis in
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und gleichwol Wild und Vieh und Menschen unterhält.
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sein leimicht Wasser wälzt und breit wird zwanzig Ruten,
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floß unter unserm Fuß' als wie gezähmte hin.
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Das ewige
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für dem die Skythen noch erschrocken sich verkriechen,
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das jung für Alter sieht und noch die Mauer zeigt,
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die hier von einer See bis an die ander' reicht,
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ließ sich uns wol durchsehn. Bis hieher ließ sichs trauen.
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Von hieraus hub uns an, zwar nicht umbsonst, zu grauen.
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Wir rückten wachsam fort. Der Völker neue Tracht,
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ja selbst das neue Land, das machte sich verdacht.
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Wie der
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der
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der
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uns ofte blaß gemacht, das denke du hierbei!
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Wie lag sichs vor
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hier des
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Da schwur der
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vor, umb und hinter uns war nichts als eitel Not,
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von innen Qual und Angst, von außen Furcht und Zagen.
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Da hörte man von nichts als Blut und Raube sagen;
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es muste sein gewagt. Was der verhasset' Ort
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mit Pferden nicht versieht, das muß zu Fuße fort.
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und
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uns freundlich überbracht und du auch, o
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mehr durch des Vatern Schuld als deinen eignen Fall
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den Nachbarn hoch verdacht; behersche dein Gebürge,
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nim deiner Täler war, daß kein Feind drinnen würge!
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Ihr Heiden, gute Nacht! Erkennt einst, wer ihr seid!
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Wir setzen nun den Fuß in unsre Christenheit.

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Mit diesem grüßten wir die manlichen
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die sich, zwar Christen nicht, doch christlich herschen lassen.
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Ihr
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hat unsre Wiederkunft von Herzen sehr gepreist.
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Das Sandfeld, das die Flucht der schnellen Tartern kennet
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und von der Sonnen Glut oft lichter Lohe brennet,
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war ietzt nun noch vor uns, der Reise strengster Teil,
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da nichts als Staub und Salz und Salz umbsonst steht feil.
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Zu mangeln zwar gewohnt, nicht aber gar zu darben,
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mußt' ich auch mitte fort; auch selbst die Tartern starben,
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des Landes eigen Volk. Die dritte Nacht brach an,
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ich hatte weder Mahl, noch Schlaf, noch nichts getan.
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Die Erde war mein Pfül, mein Überzug der Himmel,
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der Trunk zerschmolznes Salz, das Essen fauler Schimmel.
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Wie nah' hatt' uns doch da nicht gänzlich umgebracht
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bei Tage Hitz' und Durst, die Mücken bei der Nacht!

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Verzeih mirs, Evian, dem sich der Himmel neiget,
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ich habe mich noch nie so tief vor dir gebeuget
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als vor der
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und einen langen Zug tät aus der Hand der
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aus ihrer süßen Hand. Ich schwere bei den Schalen,
374
daraus ihr Götter trinkt auf euren besten Mahlen:
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der schlechte trübe Trunk durchginge mir das Blut
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mehr als Diespitern sein bester Nectar tut.

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Verzeihs uns, Vaterland, daß wir nicht ehe kommen!
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Es ist kein schlechter Sprung, den wir uns vorgenommen,
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wir tun kein schwaches Werk. Sechs Jahre gehn uns hin.
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Diß, was uns ist Verlust, ist, Mutter, dein Gewin!
381
Durch uns kömpt
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von welchem nun die Post ist überweit geflogen;
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die Völker drängen sich in ungezälter Zahl
384
umb

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Was wird diß, Bruder, dir für Ruhm inkünftig geben,
386
daß wir auf wenge noch noch alle frölich leben,
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auf wenge noch, die teils der Feind warf in das Gras,
388
den wir uns reizten selbst, teils ihr Bedrängnüß fraß.
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Der große
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Zur guten Zeit gesagt, noch Keiner liegt darnieder,
391
den unser Fürst betraut. Des Dankes guter Teil
392
wächst dir hierüber zu, du unsers Lebens Heil,
393
du unsrer Krankheit Tod! Ists auch erhöret worden?
394
So lange reisen wir von Westen aus in Norden,
395
von Nord in Ost und Süd, durch Regen, Hitz' und Schnee,
396
durch Mangel und Gefahr, durch Wald, durch Sand und See,
397
so mancher Krankheit Ziel, so vieler Fälle Scherze;
398
Gott Lob und dir auch Dank, uns kränket noch kein Schmerze,
399
uns frißt noch keine Sucht. Wir trutzen Neid und Not
400
und sind bis hieher noch nichts weniger als tot.

401
Ich habe satt gelebt, wirst du mich nur versichern,
402
mein Bruder, diese Gunst zu tun an meinen Büchern:
403
sie führen an den Ort, da mein' und ihre Zier
404
den Kranz der Ewigkeit auch auf wird setzen dir.
405
Dein Lohn wird dieser sein: sie werden nicht vergehen,
406
die Namen, die allhier mit angezeichnet stehen.
407
Sonst alles Ander' stirbt: was eine Feder schreibt,
408
die Glut und Seele hat, das glaube, daß es bleibt,
409
wenn nichts mehr etwas ist! Ich kan nicht ganz verwesen;
410
mein bester Teil bleibt frisch, wenn dieses mit dem Besen
411
zusammen wird gekehrt. Gesetzt, diß sei nicht viel,
412
doch will ich, was ich hab' und habe, was ich will.
413
Und ob auch dieses hier wird schlecht genung gehalten
414
und minder oft als nichts, so laß die Zeiten walten!
415
Du weist es doch mit mir, daß tausent Andre sein
416
und tausent Andre noch, die allen andern Schein
417
dem Lichte setzen nach. Wer eine Kunst will treiben,
418
der muß bei ihrer Schul' und seinesgleichen bleiben.
419
Wer fremde Herren sucht, der findet fremden Sinn;
420
nicht nur der Leib allein, auch sein Gemüt ist hin.
421
Wir kommen wieder hin zu unsern freien Geistern,
422
da Kunst und Tugend gilt, da Niemand uns darf meistern.
423
Ists Wunder, daß ein Land und Volk die Künste haßt,
424
das, weil es hat gewährt, nicht eine hat gefaßt?
425
Fehlt mir denn gleich der Wundsch und ich soll hier noch fallen,
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so laß mich, wo ich bin, mit meinen Andern allen!
427
Diß nimb nur mit anheim, die Finger voll Papier!
428
Da leb' ich ohne Tod, da bleib' ich ähnlich mir.
429
Diß ist mein Ebenbild. Was, Bild? Mein ganzes Wesen,
430
das du zwar hier noch siehst, dort weit wirst besser lesen.

431
Verlaß die sieche Stadt und tu dich, Bruder, an!
432
Laß sehen, ob ich dich recht frölich machen kan!
433
Lauf, Junger, hol uns her Melonen aus Bucharen,
434
Arpusen von der Rha und andre solche Waren!
435
Du, Ander, eile bald und bring uns auf der Post
436
kalt Bier, gewürzten Meth und jungen roten Most,
437
der Zucker leiden mag! Das Erste, das ich leere,
438
ist, Bruder, daß du lebst, aus diesem weiten Meere,
439
das, wie hier der Hyrkan, viel Flüsse schlingt in sich
440
und keinen Auslauf hat, als welcher fällt in mich.
441
Das Ander' laß ich sein auf dein und meiner Lieben,
442
die sich vielleicht um uns nicht sehr mehr nun betrüben.
443
Das Dritte tu mir nach durch diesen engen Ring,
444
den ich zu guter Letzt von lieber Hand empfing,
445
Gott weiß, worauf und wo! Doch dir ist Nichts nicht fremde,
446
was mir verborgen liegt hier unter diesem Hemde.
447
So, Bruder, trink noch Eins, auf Treue zu bestehen,
448
denn morgen werden wir, wills Gott, zu Segel gehen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Fleming
(16091640)

* 05.10.1609 in Hartenstein, † 02.04.1640 in Hamburg

männlich, geb. Fleming

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller und Arzt

(Aus: Wikidata.org)

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