11
Fort werd' ich Alles mir aus meinem Sinne schlagen.
12
Ich falle, wo ich mag, es muß mir doch behagen.
13
Komm' ich denn da und da und dort nicht wieder hin,
14
so weiß ich, daß ich da vorhin gewesen bin.
15
Ein Weiser fraget nicht, wo, wie und wenn er stirbet.
16
Er weiß, daß dieser Leib gleich überall verdirbet.
17
Ein Tod, der ist es nur, der tausentfältig kömt
18
und ihrer tausent wol auf tausent Arten nimt.
19
So gilts ihm auch stets gleich; er hält sich allzeit fertig;
20
wird er gefordert auf, so steht er gegenwärtig;
21
weiß, daß so bald er hat zu leben hier erkiest,
22
er auch schon alt genung zum Tode worden ist.
23
Kein graues Haar macht alt. Vom Geiste muß es kommen,
24
das von der Weisheit wird für Alter angenommen;
25
so grob hat keiner noch der Rechenkunst gefehlt,
26
als der sein Alter nur von seinen Jahren zält.
27
Ich habe satt gelebt. Diß bleibt mir ungestorben,
28
was ich durch Fleiß und Schweiß mir habe nun erworben,
29
den Ruhm der Poesie, die
30
zu allerersten hat in Hochdeutsch aufgebracht.
31
Ich schwör' es, Vaterland, bei Kindespflicht und Treuen:
32
dein Lob ists, welches mich heißt keine Mühe scheuen.
33
Ich könte ja so wol, als etwan jener tut,
34
auch umb die Ofenbank mir wärmen Blut und Mut,
35
nach Wundsche stehn geehrt, mich meines Wesens wehren
36
und meiner Eltern Gut in stiller Lust verzehren,
37
wie schlecht und klein es ist. So hast dus auch nicht Not,
38
daß ich für Gott und dich mich lasse schlagen tot
39
in einer tollen Schlacht. Ich habe nichts gelernet,
40
das groß von weitem sieht und nur alleine fernet,
41
bin leichtem Scheine feind. Ich bin von Jugend her
42
der Wissenschaften Freund, die ich nicht ohngefehr
43
und obenhin nur weiß. Apollo hieß mich trinken
44
aus seiner Kastalis. Sobald ich fühlte sinken
45
in mich den milden Rausch, der voll an Nüchternheit
46
und satt an Hunger macht, der nach der Weisheit schreit,
47
da stank mir alle Lust, da haßt' ich alle Liebe,
48
die außerhalb der Kunst mich so an etwas triebe,
49
das gut scheint und nur scheint. Ich trug für manchen Sieg
50
schon manchen Lorberkranz. Als aber gleich der Krieg,
51
erbarm' es Gott, der Krieg, mit welchem wir uns Deutschen
52
von so viel Jahren her nun ganz zu Tode peitschen,
54
die niemand schelten kan und ich mir oft gesucht.
55
Ganz einem Vogel gleich, der fluck ist auszufliegen
56
und gleichwol noch nicht traut, schaut, wenn et Luft kan kriegen;
57
die Eltern, die sind aus, der Habicht ohngefehr
58
setzt auf das bloße Nest aus freien Lüften her;
59
die Not erweckt den Mut: er reißt sich aus den Nöten,
60
fleugt hier und da umbher und traut sich sichern Stäten.
61
Mein Bleiben war nicht mehr. Zudem war dieß mein Rat:
62
was gilt bei uns ein Man, der nicht gereiset hat?
63
Ich gab mich in die Welt, da ich zur guten Stunde
64
dich, Bruder, und mit dir ein gutes Mittel funde,
65
in Aufgang einen Zug, auf den die ganze Welt
66
nun Aug' und Ohren hat. Der
67
der Vorsicht werter Sohn, verschicket' Abgesandten
69
doch aber kanten nicht. Die trauten dir ihr Heil,
70
das du nächst Gott erhältst, und ließen mich ein Teil
71
auch ihrer Sorgen sein. Wer priese dieses Stücke
72
zur selben Zeit an uns nicht vor ein sonders Glücke?
73
Wir schifften durch den Belt und brachten
74
was unsers Fürsten Rat wolt' haben hier getan,
75
das damals zwar nicht nein zu unsrer Sachen sagte,
76
doch, daß es sich mit uns hierüber mehr betagte,
77
ganz wäre mit uns eins, so wandten wir uns um
78
und holten über diß des Herzogs klare Stimm'
79
und seinen ganzen Sinn. Da wär' es bald geschehen,
80
daß wir dich unter uns mehr hätten nicht gesehen:
82
den dein Verhängnüß doch zu der Zeit widerrief;
83
es gunt' uns länger dich. Kamst derowegen wieder,
84
erfüllt mit Seelenangst, mit Furcht durch alle Glieder,
85
die dir die See gebar. Du kamst in
86
die nachmals dich und mich noch mehr verbunden hat.
88
und übergaben uns dem wolgebähnten Merzen.
89
Wir flogen gleichsam fort und zogen groß und klein
90
in Rußlands größte Stadt noch selben Monat ein.
92
Sein Zaar verhört' uns bald, gab sicheres Geleite
93
durch sein so langes Land und zeugte klar und frei,
94
wie lieb ihm unser Fürst und dieser Handel sei.
95
Wir schrieben gute Nacht ein ieder an die Seinen
96
und letzten uns vermischt mit Lachen und mit Weinen,
97
halb furchtsam und halb froh. Wir traten in das Kahn
99
So schwummen wir dahin mit Nymphen ganz umbsprungen.
101
Die Schwester der Napeen, die
104
das durch ganz Reußen hoch und seltsam ward gepriesen,
105
uns ganz am Mute gleich, nahm uns mit Freuden auf
106
und wagte sich mit uns auf unsern weiten Lauf,
107
der anfangs langsam fuhr, gehemmt von falschen Gründen.
111
Samara tanzt' uns nach mit ihrem reinen Flusse.
112
sah' uns von fernen zu.
115
lief umb die Ufer her nicht halb so wild und kühne,
116
warf Pfeil' und Bogen hin und neigte seine Brust.
118
Wir kamen unversehrt an
119
das, alsobald es uns mit treflichem Getöne
120
vor seinen Mauren hört', aus Haus und Toren lief
121
und überlaut »Glück zu« in unsre Salven rief.
122
Der Flaggen hoher Flug, der Blitz der Falkenetten,
123
der Stücken Donnerschlag, das Jauchzen der Trompetten,
124
der Spiele voller Lärm vermengten Furcht und Lust,
125
so daß man Scherz und Ernst fast nicht zu scheiden wust'.
127
erschrak und fiel zu Pferd' aus seinem Schilf und Horden,
128
und, als er endlich sah' uns freundgesinnten Feind,
129
erzürnt' er, daß es nicht zum Treffen war gemeint.
130
Von hieraus wiesen uns die Tartrischen Silenen,
131
als welche Buhler sind der Kaspischen Sirenen,
132
in das berühmte Meer. Sie, Amphitrite, stund,
135
da kam er Rasens voll recht an uns angeschwommen,
136
reizt' auf sein grünes Salz, ruft Äoln aus der Kluft.
137
Da stritten wider uns Grund, Wetter, See und Luft.
138
Wir flogen Himmel an und Hellen ab mit Schrecken;
139
die Seen kamen ganz das schwache Schiff zu decken
140
und spielten häufig ein. Die Schlupe, die gieng fort,
141
das feste Rohr sprang ab, der Mast schlug über Bord.
142
Der ungetreue Grund ließ hier die Anker schlippen,
143
von dort her schreckten uns,
144
Kein Helfen half uns mehr, wir stürzten auf das Land.
145
Da starb das edle Schiff an der
147
mit welchen erstlich wir das Persien beschritten!
148
Die Ufer über uns, der Furcht und Wunderns voll,
149
empfiengen uns mit Trost und sprachen alles wol.
150
die angenehme Lust der quellenden Najaden,
151
da Pan zu Feld und Tal und Berge ruft und pfeift
152
und nach der Dryas hier, dort nach der Syrinx läuft,
153
wie prächtig nahms uns an, wie blies es die Posaunen,
154
wie sprungen umb uns her die bockgefüßten Faunen,
155
da uns Lyäus selbst, der Herzog einer Schaar,
156
die umb die Häupter grün in vollem Winter war,
157
gar weit entgegenkam! Bei diesem Ebenteuer
158
war ganz der Tag voll Lust, die Nacht voll Freudenfeuer.
159
Latona macht ihr Licht zum vierten Male voll,
160
es deucht uns kurze Zeit; wir waren allzeit wol,
161
bald auf Dianens Jagd, bald bei Osiris Festen.
162
Itzt waren sie bei uns, itzt waren wir bei Gästen.
163
Nach diesem suchten wir das edel
165
an Heiligtümern reich, erbaut in reichen Gründen,
166
an Gartenlust geziert, durchweht von vielen Winden,
167
das uns neun Wochen fast zu so viel Tagen macht'.
168
In Einem aber uns wird ewig sein verdacht,
169
daß, Bruder, dir dein Tod schon vor den Lippen lebte,
170
und dein verhauchter Geist dir auf der Zungen schwebte
171
und wolte nun hindurch. Dein Gott und deine Kunst
172
und unsre Nötigkeit entriß dich dieser Brunst,
173
die dich hier wieder kreischt. Gott aber sei gepriesen,
174
der sich auch dißmal uns so gnädig hat erwiesen,
175
dich dir und uns geschenkt! Und diß beweist nun viel,
176
daß er den Deinen dich ganz wieder geben will.
177
Von daraus stiegen wir hoch auf des
178
wiewol begleitet nicht von unsern schönen Stücken;
179
hier ist kein Weg für sie. Da traf uns redlich ein,
180
daß höchste Berge da, wo tiefste Täler sein.
181
Der strenge rote Strom schoß zwischen seinen Klüften
182
hin, schnellen Pfeilen gleich und Blitzen in den Lüften.
183
Wir klommen Tag und Nacht die krummen Klippen an,
184
halb furchtsam und halb froh. Worauf uns denn
185
entgegen freundlich trug zur Labung seine Früchte.
187
das ebne Sultanie, das viel der ewgen Stadt
188
an alter Trefflichkeit der Bäue gleiches hat.
192
und mehr als er gehabt in seine Hand bekam;
194
umb welcher Berge man die schönsten Marmor brechen
195
und weit verschicken sieht, die große, reiche Stadt,
196
die Wein und Brot und Gold und Lust die Fülle hat.
197
Hier sahn wir Indien uns selbst entgegen rennen;
198
Cythera sung uns ein, ließ Schauspiel' uns ernennen,
199
trug Königswasser auf; und weil wir waren schwach,
200
so wars ihr Lust mit uns zu haben Ungemach.
201
darmit dein Bachus kan der Vorsicht Sinn berauben,
202
die mich verführten auch? Und Kom, wo laß ich dich,
203
allda ich selbsten bald gelassen hätte mich,
204
schon jenem auf der Spur? Auch, Bruder, dir zu Danke
205
erwähn' ich dieses hier. Hier stunden fast im Zanke
206
die Götter über uns, ob auch der Müglichkeit
207
wol könte müglich sein uns alle selbter Zeit
208
zu führen weiter fort. Der heiße Hundsstern brante,
209
als Titan durch das Haus des starken Löwens rante.
210
Die wilde Glut schlug aus, sie schlug in unser Blut,
211
es war umb einen Schlag, da lag uns Blut und Mut.
212
Die Häupter waren krank, die Glieder schwach und müde.
213
Auch du, o aller Arzt, inmitten Krieg und Friede,
214
inmitten Furcht und Trost, vergaßest fast dein Tun,
215
erfuhrest, was es heißt: Arzt, hilf dir selbsten nun!
216
Wir mußten gleichwol fort, wir ließen
217
sein Sandfeld ausgeschwemt und seine schöne Brücke
218
und seinen Wunderberg. Wir kehrten Tag in Nacht
219
und wieder Nacht in Tag. Du, eine halbe Tracht
220
des lastbaren Kamels, hast damals satt empfunden,
221
wie wol euch Kranken war, wie übel uns Gesunden.
222
die zwar viel Gift gebiert, doch auch viel Goldes zeugt.
224
der Sperber obgesiegt, allda noch seine Zier
225
und deine Schande steht, ließ seine Bäche gehen
226
und die gekühlte Luft verstärkter auf uns wehen.
227
Das Ziel war nun vor uns, der Berg, der war erstiegen,
229
die königliche die, die, wie man mir bringt ein,
230
von hundert Pforten soll genennet worden sein.
231
Was aber trägt sich zu? Wir waren kaum empfangen,
232
kaum von den Pferden ab in unser' Zimmer gangen,
234
uns alle sich verschwur auf eins zu bringen üm.
235
Der Sturm stieß auf das Haus, in welchem wir verschlossen
236
mit voller Raserei stets auf einander schossen.
237
Uns drungen Mord und Raub, und war die höchste Zeit,
238
daß durch des Königs Hand zerrissen ward der Streit.
239
Nim meinen Dank auch hier, o Gott, für deine Gnade,
240
daß mich auf diese Zeit befallen hat kein Schade!
241
Da mich Verlust und Tod in allen Winkeln sucht',
242
so hast du mich geführt in einer sichern Flucht,
243
selbst in dein Haus versteckt. Ihr acht erschlagnen Brüder,
244
fallt willig, wie ihr tut, legt Wehr und Leiber nieder!
245
Muß ja denn euer Tod für unser Leben sein,
246
so nehmt das selge Feld mit andern Helden ein!
248
macht' uns ein köstlichs Mahl und ließ uns wol geschehen,
250
was er ihm legte vor, war alles wol getan.
251
Erinnre, Bruder, dich, wie manche süße Stunden
253
wenn jener von Schiras so in den Jaspis sprang
254
und uns zugleich in Mund und Stirn' und Seele drang.
255
Entsinn dich gleichfalls auch der Ursach' unsrer Freuden,
256
die meistens traurig war! Gedachten wir an Leiden,
257
so dachten warlich wir an dich auch, roter Wein,
258
als der du einig uns nicht lässest mühsam sein.
259
Wenn Sorgen stehen auf, und die und die Gedanken
260
sich über dem und dem bald so, bald anders zanken,
261
so ist Eleusius der beste Schiedeman,
262
wenn sonst nichts auf der Welt die Geister stillen kan.
263
So hat uns auch das Haus der Herren
267
trüg' er ein deutsches Kleid, für Landsman solten heißen,
268
wie vielmal hat er uns die lange Zeit verkürzt
269
und froh und frei mit uns die Schalen umbgestürzt!
270
Bald stillten unsern Sinn die königlichen Jagden,
272
des großen Kanzlers Mahl, der Gärten teurer Preis,
273
der Bäue Trefflichkeit, der Wasserkünste Fleiß,
274
des Königs Schimpf und Ernst, die Weise zu regieren,
275
des Adels hoher Stand, das Muster im Turnieren,
276
so vieler Völker Schar, so mancher Waren Wahl
277
und so viel Anders mehr in ungezählter Zahl.