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Mich dünkt, ich höre noch den Zorn der tollen Wellen,
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den Grimm der wilden Flut, daß mir die Ohren gellen;
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mir ist, als seh' ich noch die angereihte Not,
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die augenblicklich euch gesamten schwur den Tod,
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in einer langen Qual durch zweimal sieben Tage.
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Hilf Gott, was führtet ihr allda für eine Klage!
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Was vor ein Angstgeschrei! Noch war bei aller Pein
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die härtste, daß ihr noch im Leben mustet sein.
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Der Bauer hatte schon das Winterfeld bestellet,
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der Gärtner für den Frost nach Notdurft Holz gefället;
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die Sonne, die verließ nun gleich den Scorpion,
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das unglückhafte Tier. Der abgewandte Mon
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zog seine Hörner ein, wie furchtsam, anzusehen,
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was bei der bösen Nacht euch würde bald geschehen.
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Der Tag war ohne Tag. Die Nacht war mehr als Nacht,
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als die kein edler Stern durchaus nicht lichte macht'.
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Neptun kan keinem gut für seinen Schaden sagen,
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der sich in seiner Flut auf späten Herbst will wagen.
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Er selbst ist nicht sein Herr, wenn Äolus sich regt
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und ihm der Wellen Schaum in seine Haare schlägt.
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Es war zur Abfahrt schon für euch ein böses Zeichen:
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zwei Schiffe kunten sich zu weichen nicht vergleichen.
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Der übergebne Baum lief fast wie taub und blind
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in sein Verderben hin. Das Wetter und der Wind
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versetzt' euch euren Lauf, daß er auf so viel Striche
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nach Norden, seinen Feind, ohn' Acht des Schiffers wiche.
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Der sichre Steuerman tät fast, als ob er schlief',
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bis das verirrte Schiff mit allen Segeln lief
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der Kiel saß auf dem Fels, es schlug der Zorn der Wachten
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Kajüten hoch und mehr. Und was noch mehr erschreckt,
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die Luft war mit der Nacht und Wolken ganz bedeckt.
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Ihr wustet in der Angst nicht, wie euch war geschehen.
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Ein Wort war Aller Wort: Ach, möchten wir nur sehen!
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Der Eine fiel erblaßt auf sein Gesichte hin,
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der Ander rüffe laut: Hilf, Jesu, wo ich bin?
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Der Höchste ließe da so vieler Seelen Flehen,
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so mancher Herzen Angst ihm noch zu Herzen gehen,
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schuf wieder die Vernunft, daß bei so böser Fahrt
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auch das verzihne Schiff noch ganz behalten ward.
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Ihr mustet weiter fort, Gott weiß mit was für Grauen,
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und euer furchtsams Heil der strengen See vertrauen,
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die gleich auf diese Zeit in unerhörter Tat
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so manches kühnes Schiff in sich verschlucket hat.
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Ihr wurdet vor gespart nach einem größern Glücke:
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was euch der Tag gab vor, das zog die Nacht zurücke.
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Der Sturm flog Klippen hoch; der Mast gieng über Bord;
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so must' auch der Meisan von Grund' aus mitte fort.
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So trieb das kranke Schiff mit Tiefen ganz beschlossen,
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mit Wassern unterschwemmt, mit Wellen übergössen,
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des Wetters leichter Ball. Der Grund war unbekant.
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Und täte sich denn auf ein nicht zu fernes Land,
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wer kant' es, was es war? Ihr, wie Verlorne pflegen,
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vergaßt der ganzen Welt, rieft blos nach Gottes Segen
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auf euren nahen Tod. Die Focke war zu schwach
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das schwere Schiff zu ziehn aus diesem Ungemach'.
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Ihr ließet euch so bloß dem feindlichen Gewitter,
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triebt sicher in Gefahr. Kein Tod, der war euch bitter.
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Das Leben war euch leid. Es war in aller Pein
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nur diß der ärgste Tod, nicht straks tot können sein.
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Wir, die wir unser Heil noch ferner mit euch wagen,
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was traf auch uns vor Angst! Was führten wir für Klagen
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in Hargens lieber Stadt, die ofte nach euch sah'
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und ofte mir rief zu: Ach, sind sie noch nicht da?
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Der Weg zum Strande zu ward ach! wie viel getreten!
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Die Kanzeln wündschten euch mit sehnlichen Gebeten.
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Das Rathaus und der Markt, ja, fast ein iedes Haus
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besprachte sich von euch und sah erbärmlich aus.
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Die Zeit war längst vorbei, in der ihr woltet kommen.
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Wir schickten hin und her zu wissen, wie es sei.
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Die Post lief wunderlich, man sagte mancherlei:
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der hätt' euch auf der See gesehn, der gar gesprochen,
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der meinte, hier und da wär' euer Schiff gebrochen.
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Da wär' ein deutsches Pferd, ein solch und solcher Man,
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dort wieder diß und das ans Land getrieben an.
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Wie sicher anfangs wir auf euer Glücke waren,
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so kleinlaut wurden wir, als nichts nicht zu erfahren
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als Trauern von euch war. Die Furcht wuchs mit der Zeit,
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es dachte mancher schon gar auf ein Trauerkleid,
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der traurig schien' um euch. Es war so bald nicht Morgen,
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wir eilten auf den Wall. Wir freuten uns mit Sorgen,
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wenn auf verdachter See ein falsches Segel kam.
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So wurden wir zuletzt' auch unsrer Hofnung gram.
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die manches Schiffes sich hier pfleget zu erbarmen,
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das deinen Scheren zu, o
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da sein gewisser Tod weit von ihm nach ihm fragt.
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Das Land heißt, wie es liegt: hoch in die Luft gestrecket,
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dem stets sein kales Haupt mit Wolken ist bedecket,
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kalt, felsicht, trucken, leer, wild, doch ohn' alles Wild,
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kaum dreier Fischer Stall, ein wahres Ebenbild
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der reichen Armut selbst. Hier waret ihr gesonnen
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zu sehn, was Klotho euch würd' haben abgesponnen,
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Gold oder blasses Blei. Ihr liefet willig an.
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Das soll man gerne tun, was man nicht ändern kan.
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Das Schiff, das obenher von Winden war zerrissen,
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ward von der Fluten Macht nun unten auch geschmissen
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hart an den blinden Glind. Das Rohr sprang plötzlich ab.
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Hier saht ihr euren Tod, hier saht ihr euer Grab.
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Der Kiel ging mors entzwei mit Krachen und mit Schüttern,
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die Planken huben sich mit Zittern an zu splittern.
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Die See brach häufig ein. Das tote Schiff ertrank,
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das leichte Gut floß weg, das schwere, das versank.
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Da war es hohe Zeit sich an das Land zu machen,
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Da saht für euer Heil ihr recht den Himmel wachen;
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ihr sprunget furchtsam aus, des nahen Landes froh.
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Das reiche Gut des Schiffs mag bleiben, wie und wo
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und wem das Glücke will. Ein Man, der Schifbruch leidet,
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schätzt nichts dem Leben gleich, tut, was er dennoch meidet,
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stürzt bloß sich in die See, faßt einen duppeln Mut.
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Bringt er nur sich darvon, so hat er alles Gut.
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Das arme Land erschrak für diesen neuen Gästen,
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halb furchtsam und halb froh. Es hatte nichts zum Besten,
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an allem Mangel reich. So nahmet ihr vorlieb,
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was an, den holen Strand aus eurem Schiffe trieb'
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an Früchten, Brot' und sonst: diß wärte ziemlich lange.
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Es war euch billig auch für nahem Winter bange,
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der euch den Tod auch schwur durch Hunger und durch Frost,
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bis daß uns endlich kam von euch die edle Post.
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Ganz Liefland weinte froh, nachdem es euch vernommen;
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ganz Revel lief euch nach, da es euch sahe kommen.
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Die Kirchen dankten Gott, die Schulen wündschten Heil.
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Was vor nur Seufzen war, ward Jauchzen in der Eil'.
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Diß hat mein teurer Freund mit alles ausgestanden,
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diß alles gibt er hier zu lesen allen Landen,
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sein wahrer Zeuge selbst. Hörts, wers nicht lesen kan!
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Schau, deutsche Christenheit, das wird für dich getan!
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Es hat Gewalt und Neid sich hart an uns gewaget,
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wir haben sie getrost zu Felde doch gejaget.
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So hat der lange Weg beglaubt genung gemacht,
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was List und was Gefahr uns hatten zugedacht.
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Der Höchste hat uns nun erfreut auf allen Schaden,
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hat uns gesund gebracht nach seinen milden Gnaden,
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und in die Kaspersee mit vollen Krügen geußt.
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Der spreche ferner ja zu unsern hohen Sachen,
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der wolle weiter so für unser' Häupter wachen,
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sie führen hin und her! Das edle
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daß diß sein großes Werk so weit nun ist gebracht.
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Was Kaisern ward versagt, was Päbsten abgeschlagen,
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was Königen verwehrt, steht uns nun frei zu wagen.
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Auf, Nordwind, lege dich in unser' Segel ein,
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das wolgefaßte Werk wird bald volführet sein!