44. An Herrn Olearien vor Astrachan der Reußen in Nagaien

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Paul Fleming: 44. An Herrn Olearien vor Astrachan der Reußen in Nagaien (1624)

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Ob hier gleich Niemand fast auf dieses Wesen hält,
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so bist doch du noch da, der dem mein Fleiß gefällt!
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Du sprichst dein Urteil wol, ein rechtgesinnter Richter,
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als der du selbsten bist ein hochgeschickter Dichter!
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Drum treibet mich mein Sinn, zu stellen eine Schrift,
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wo nur die Feder zu mit dem Gemüte trifft,
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die ihren Tod lacht aus, die wider Neid und Zeiten
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für deinen Ruhm und mich ohn' Ende möge streiten.
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Thalia, reiche mir ein taurendes Papier,
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denn seine Schwäche geht dem starken Marmel für!
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Mein Denkmal soll ein Brief, ein Blat sein, voll mit Zeilen,
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das Trutz beut, Jupiter, auch deinen Donnerkeilen,
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das steifer als Demant und Gold im Feuer hält
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und endlich mit der Welt in einen Haufen fält.

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Wie wenig ihrer itzt noch namhaft sind zu machen,
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die etwas Düchtigs tun in dieser neuen Sachen,
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die etwas setzen auf, das sich erschwinge frei,
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das nach dem Himmel schmeck' und Lebens würdig sei:
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du hältst Olympen wert und seine Bürgerinnen,
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die unser' Sprache nun auch zierlich reden können
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und lieber sind als vor, da Rom nur und Athen
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sich durch das schöne Volk so trefflich hört' erhöhn.
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Ihr Lob bleibt ewig stehn, ihr Fleiß ist unser worden,
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hat glücklich sich gewandt von Süden aus in Norden.
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Wir haben wol getauscht. Um unsern Unverstand
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gab sich und seine Kunst das kluge Griechenland,
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die neue Barbarei. Rom ist nun Rom gewesen.
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Das edle Latien wird hochdeutsch itzt gelesen.
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Das Volk, das mit der Faust sonst alle Völker trutzt,
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sieht nun erst, wie viel mehr die Macht der Zungen nutzt.
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Wo würd' Ulyssens Witz, wo Hectors großes Herze,
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so vieler Völker Ernst, so mancher Länder Scherze
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und alles Alte sein? Wo würde Kunst und Fleiß
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und das, von dem man nun auch kaum den Namen weiß,
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vorlängst geblieben sein, wenn nichts wär' aufgeschrieben?
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Wer glaubts, daß wir erst itzt uns fangen an zu üben
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in Manheit und in Kunst? O nein! die alte Welt
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wust' eben das und mehr, als was nun uns gefällt.
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Diß ist es, das sie hat in tiefe Nacht verschlossen,
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diß ist es, das sie hat mit Lethen ganz begossen,
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daß sich kein Geist geregt, der durch der Feder Kraft
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der ritterlichen Faust recht hätte Rat geschafft,
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wie du auch itzund tust. Die hohen Siegesfanen,
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die du hast aufgesteckt dem Helden der Alanen,
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die rühmen dich und ihn. Ich weiß nicht, wo ich bin:
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es kömpt mir gar zu viel auf einmal in den Sin
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von dir, du Sohn der Luft! Der wolgestirnte Himmel
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erschallte durch und durch vom frölichen Getümmel
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der ganzen Göttlichkeit, als deiner Mutter Mund
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dir gab den ersten Kuß. Die fruchtbar' Elster stund
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und drückte dich mit Lust an ihre feuchten Wangen.
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Die blumichten Napeen, die kamen her gegangen
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und satzten einen Kranz dir in das junge Haar,
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das schon zu aller Kunst auch da vorsehen war.
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Es war ein schöner Zank alsbald bei deiner Wiegen:
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es wolt' ein ieder Gott am nächsten bei dir liegen.
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Sie drungen sich um dich. Apollo hauchte dir
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die Künste lieblich ein, der Maien Sohn die Zier
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der Wolberedsamkeit. Uranie, die neigte
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dir ihren Himmel zu. Die Mathesis, die zeigte,
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wie Luft und See und Erd' und alles sich vergleicht,
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bis daß ein Himmelssohn auf Erden wird gezeugt,
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als wie du einer bist. Die tausentmal dich küßte,
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die Suada, legte dich an ihre weichen Brüste.
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Von Kind auf wurdest du mit süßer Kost gespeist,
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die Pindens Volk erhält und vom Parnassen fleußt.
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Du wuchsest lieblich auf. Der Witz kam vor den Jahren.
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Du gingest allen vor, die deinesgleichen waren,
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warst jung an Klugheit alt. Die gütige Natur
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zog nach sich deinen Fleiß auf ihre schöne Spur.
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Wem Phöbus macht ein Herz' aus tüchtigem Geblüte,
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dem leibt er gleichsfals ein ein lebendes Gemüte,
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das Lust zur Weisheit hat, die uns der Himmel leiht,
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durch die es treten kan den Weg der Ewigkeit,
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die du nun hast ereilt. Die Elster ruft der Pleiße
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und die der Parden zu von deinem hohen Fleiße,
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den du gewiesen hast der dreibeströmten Stadt,
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die nicht den letzten Preis von dreien schönsten hat,
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so unser Deutschland rühmt. Ach! daß ichs nun sol nennen,
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das liebe Vaterland, das kaum noch ist zu kennen,
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von Wehmut ungestalt, von Wehmut aller Not,
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in der es ohne Tod nun ist so lange tot,
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sein eigen Schwert und Grab. Diß sahst du so geschehen,
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bis daß du länger nicht der Angst zu kontest sehen.
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Da namest dir den Weg weit in den Aufgang für,
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den Weg, den viel' versucht, und keiner noch vor dir,
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du edles
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Da hast du, mehr als Freund, auch mich mit dir genommen,
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ein Zeuge meines Tuns, das, wie gering's auch ist,
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iedoch mein Deutschland itzt nicht ohne Liebe liest.
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Ich weiß, wie hoch ich dir für dieses bin versessen,
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daß ich nach meinem Tod' auch werde nicht vergessen.
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Kein Dank, der stirbt mit uns. Bei solcher langen Zeit
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hab' ich mich neben dir betrübet und erfreut.
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Dreimal hat Sirius gebrant den Kreis der Erden,
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itzt wils das drittemal nun wieder Winter werden,
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seit wir zusammen tun den schweren, langen Zug,
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den Fama schon vorlängst bis ans Gestirne trug.
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Du bist die rechte Hand der edlen Abgesandten,
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ihr Willen und ihr Sin, den sie in dir erkanten.
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Du hältst das hohe Werk, das auf zwo Schultern ruht,
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und sprichst der deutschen Welt ein einen sichern Mut,
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auf Alles gutes Heil. Inzwischen solcher Sachen,
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die dir den Tag zur Nacht, die Nacht zu Tage machen
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und dich erfordern ganz, so denkst du noch an mich
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und meinen Helikon. »Auf«, sprichst, du, »rege dich!
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Ich liebe deinen Fleiß.« Dank habe deiner Ehren!
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Was soll ich aber dich hier Lieblichs lassen hören
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und des du würdig bist? Ich zwinge meinen Sin.
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Ich weiß nicht, wie ich itzt so laß zum Dichten bin,
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zu Ruhme nicht gedacht. Auch ich hab' um Parnassen
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und sein gelehrtes Volk mich ofte finden lassen,
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hab' allen, Fleiß getan um Phöbus seine Gunst,
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bin Nacht und Tag gerant nach seiner duppeln Kunst,
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des Dichtens und des Heils; auch ich kenn' Amathusen
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und ihr verschlagnes Kind, den listigen Empusen.
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Das Kunstwerk kan auch ich, das Deutschland edel macht,
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das
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das nun fleugt überweit. So hab' ich auch mit Ehren
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um meiner
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so daß Apollo selbst mir bote seine Hand
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und mir der erste Kranz daselbst ward zuerkant,
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der ander' an der
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da alle Gratien mit allen Künsten buhlen.
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Das war zu jener Zeit, da für mein würdigs Haar
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der dritte Lorbeerkranz schon halb geflochten war.

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Ein Geist muß in der Lust der sichern Freiheit leben,
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der etwas Freies tun und an den Tag sol geben,
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muß still' und seine sein und dieses fassen wol,
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was Zedern würdig sein und ewig bleiben sol.
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Sol einer, der da schifft, sein Gut wol übertragen,
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so muß ein guter Wind die leichte Muschel jagen.
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Sol die erstickte Glut recht geben einen Schein,
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so muß sie nach und nach recht aufgefechelt sein.
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Es hätte Maro nicht sein ewigs Buch vollfüret,
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hätt' ihn Augustus nicht mit Ehren so gezieret.
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So hätte Flaccus auch es nicht so weit gebracht,
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wenn sein Mäcenas ihm nicht hätte Lust gemacht.
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Bei uns auch gehts noch so. Der Fürst der deutschen Lieder,
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der
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bis
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daß er auch seinen Tod nun recht hat überlebt.
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Hier muß kein Zwang nicht sein. Die sanften Pierinnen
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sind Hartes nichts gewohnt, sie haben blöde Sinnen,
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tun nichts nicht als mit Lust. Und wenn ein weiser Mann,
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der sie mit Ehren liebt, sie freundlich nur spricht an,
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so stehn sie fertig schon. Nun kanst du leicht ermessen,
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was ich seit jener Zeit von aller Lust vergessen.
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Mein Wundsch ist größer nicht, als ich bin und mein Stand.
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Ich nehm' es willig an, was mir wird zuerkant
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von meines Glückes Hand, das sich noch schlecht erweiset,
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wie weit ich ihm nun bin, wie lange nachgereiset,
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nun meine Jugend mir in ihrer Blüte stirbt
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und mit der Ernte selbst die Hoffnung mir verdirbt.
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Ich traue meinem Gott und lasse mich begnügen,
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der wird es alles wol nach seinem Willen fügen.
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Sol denn das schlechte Tun, des ich zu dieser Zeit
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nicht denken darf noch wil, ja, das mich fast wie reut,
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daß ichs gefangen an, (ich meine Meditrinen,
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mein ander Heiligtum) noch künftig iemand dienen,
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so wird er gnädig auch mir schaffen an die Hand,
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dardurch mir Rat geschieht und Tat wird zugewandt.
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Ich fürchte meinen Gott und ehre meinen Herren,
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der mir nächst ihm gebeut, gewohnt mich nicht zu sperren,
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was er mir auch befielt, auf seinen Dienst bereit,
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auch ehe was zu tun, als er mirs noch gebeut.
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Ich bin von Jugend an in Sanftmut auferzogen,
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von mir ist niemand noch belogen, noch betrogen.
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Viel Wesens mach' ich nicht. Läßt man mir meinen Glimpf,
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so müste mirs sein leid zu bringen einen Schimpf
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auf diesen oder den. Ich aber wil nur schweigen
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und mich auf allen Fall mir ähnlich stets erzeigen.
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Ich kehre mich nicht dran, was jener von mir zeugt,
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der mündlich mich hat lieb und herzlich doch betreugt,
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ein freundgestalter Feind. Mein redliches Verhalten
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wird zeugen, wer ich bin, bei Jungen und bei Alten.
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Mein Sin ist ohne Falsch, in stiller Einfalt klug,
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kan dem auch nicht sein gram, zu dem er wol hat Fug.
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Immittelst will ich mich nur selbst zufrieden sprechen.
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Der Höchste, der es sieht, wird alle Unschuld rächen.
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Ich wil zufrieden sein, wil leben, wie ich sol.
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Was heute nicht ist da, das kommet morgen wol.
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Ich will mich unter mich mit allem Willen bücken,
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bis mein Verhängnüß mich hinwieder wird erquicken.
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Wer weiß, was Honig ist, der Wermut nicht versucht?
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Ie bittrer ist der Stamm, ie süßer ist die Frucht.

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Laß diß ein Zeugnüß sein der ungefärbten Treue,
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die ich dir schuldig bin, o Freund, des ich mich freue
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in dieser Traurigkeit! Es kömpt mit mir dahin,
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daß ich mit mehr nun nicht als Worten dankbar bin,
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an keinem Mangel arm. Du wirst vor Willen nemen,
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bis ich mich meines Glücks nicht mehr so werde schämen,
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von dem du schweigend sagst. So komm doch schöner Tag,
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daß ich mich gegen ihn recht dankbar halten mag!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Fleming
(16091640)

* 05.10.1609 in Hartenstein, † 02.04.1640 in Hamburg

männlich, geb. Fleming

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller und Arzt

(Aus: Wikidata.org)

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