1
Was Orpheus jener Zeit auf Venus Klippen sunge
2
und wie er durch den Witz die starken Saiten zwunge
3
in dem beseelten Ton, daß auch der Thracen Hain'
4
und ungefüßte Klüft' ihm nachgegangen sein;
5
und daß der Linus auch die Thebischen Gefilder,
6
das ungezahmte Land, gemachet hat viel milder
7
durch seiner Harfen Kraft; wie auch Arions Kunst
8
den liebenden Delfin zu einer solchen Gunst,
9
die über Wundern ist, bei Lesbus hat bewogen;
10
und daß das wilde Wild Amphion nachgezogen,
11
im Fall' er Stimm' und Spiel zugleiche tönen ließ, -
12
ist mancher Klügling noch zu gläuben ungewiß.
13
Wie, spricht er, kan es sein, daß Felsen hören können?
14
Und hat der dumme Forst auch die Vernunft der Sinnen,
15
daß er den Ton vernimmt? Drum weiß er nicht, wohin
16
die hohen Schriften sich in ihrer Deutung ziehn.
17
Das strenge Heidenvolk sind die bewegten Klippen,
18
der Wald das wilde Tun der ungeschlachten Lippen
19
und grober Sitten Wust, die durch die kluge Hand
20
und feurige Vernunft der Weisen sich erkannt
21
und sich aus sich verjagt. Diß hat der Kastalinnen
22
geneunte Schwesterzunft so glücklich enden können
23
durch ihrer Musik Macht. Wer ist so taub und blind,
24
daß er der Stimmen nicht ein Ohr und Auge gönnt?
25
Sie hat uns Menschen erst zu Menschen recht gemachet
26
und durch ihr Lieblichsein uns freundlich zugelachet
27
als wir noch waren grob. Was nichts nicht zwingen kan,
28
das bändigt ein Gesang. Wenn Hermes stimmet an,
29
so schläft auch Argus ein. Was kan man bessers finden,
30
wenn uns der Trauermut die lassen Geister binden
31
und ganz umnebeln will, als wenn bei guter Kost
32
man um sich haben kan der Musik süße Lust,
33
der Kummertöterin? Da können deine Gaben,
34
Licinta, dich und uns in voller Wollust laben
35
und uns dir machen gleich, wenn dein bejahrter Wein
36
springt in der Schalen auf, und Einer spielet drein
37
es sei auch was es sei. Die Sing- und Saiten-Schulen,
38
die lernen uns bevor das wolvergunte Buhlen,
39
und wie man sittsam wird. Cytheris und ihr Sohn
40
sind, wo man singt und spielt, nicht gerne weit darvon.
41
Saul raset ohne sie. Misenus muste singen,
42
solt' Hector lustig sein. Wenn
43
so wächst des Sachsens Lust. Wenn
44
läßt hören und mit ihm den künstlichen Tenor,
46
so hoch, wo über uns der Leier Sternen klimmen,
47
durch seinen ersten Preis, die deutschen Vers' empört,
48
weil immer eine Kunst die ander' liebt und ehrt.
49
Wo laß ich aber dich und deine schöne Laute,
51
Apollo Phöbus selbst, der sie vorerst erdacht,
52
der deine schnelle Faust ihr griffreich hat gemacht?
53
Wo lass' ich dich und sie, sie, Fürstin aller Saiten,
54
dich, ihrer Künstler Gott? Wenn du die Traurigkeiten
55
durch deine Kunst bestürmst, so dringt der Helicon
56
auch selbsten sich zu dir, daß ihm dein großer Ton
57
noch mache göttlicher. Du schaffst, daß unsre Sinnen
58
sich weit, weit über uns ans Blaue schwingen können,
59
wo man kein Leid nicht kennt. Der wollustvolle Klang
60
verzäubert uns den Sinn und macht uns sehnend krank,
61
doch durch ein süßes Weh. Wem soll ich dich vergleichen?
62
Ich weiß, an Lieblichkeit muß dir Iopus weichen
63
und Demodokus auch. Was Thamyras gespielt,
64
das stichst du leichtlich hin. Wen dieses Lob vervielt,
65
der komm' und höre dich! Du hast den Preis erworben,
66
daß du nach deinem Tod' auch bleibest ungestorben.
67
Die Kunst verlacht das Grab. Du wirst sein hochgepreist,
68
solange Cynthius der Lauterfinder heißt.