15. An Herrn Johan Klipstein

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Paul Fleming: 15. An Herrn Johan Klipstein (1624)

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Was Orpheus jener Zeit auf Venus Klippen sunge
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und wie er durch den Witz die starken Saiten zwunge
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in dem beseelten Ton, daß auch der Thracen Hain'
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und ungefüßte Klüft' ihm nachgegangen sein;
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und daß der Linus auch die Thebischen Gefilder,
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das ungezahmte Land, gemachet hat viel milder
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durch seiner Harfen Kraft; wie auch Arions Kunst
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den liebenden Delfin zu einer solchen Gunst,
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die über Wundern ist, bei Lesbus hat bewogen;
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und daß das wilde Wild Amphion nachgezogen,
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im Fall' er Stimm' und Spiel zugleiche tönen ließ, -
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ist mancher Klügling noch zu gläuben ungewiß.
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Wie, spricht er, kan es sein, daß Felsen hören können?
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Und hat der dumme Forst auch die Vernunft der Sinnen,
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daß er den Ton vernimmt? Drum weiß er nicht, wohin
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die hohen Schriften sich in ihrer Deutung ziehn.
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Das strenge Heidenvolk sind die bewegten Klippen,
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der Wald das wilde Tun der ungeschlachten Lippen
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und grober Sitten Wust, die durch die kluge Hand
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und feurige Vernunft der Weisen sich erkannt
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und sich aus sich verjagt. Diß hat der Kastalinnen
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geneunte Schwesterzunft so glücklich enden können
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durch ihrer Musik Macht. Wer ist so taub und blind,
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daß er der Stimmen nicht ein Ohr und Auge gönnt?
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Sie hat uns Menschen erst zu Menschen recht gemachet
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und durch ihr Lieblichsein uns freundlich zugelachet
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als wir noch waren grob. Was nichts nicht zwingen kan,
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das bändigt ein Gesang. Wenn Hermes stimmet an,
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so schläft auch Argus ein. Was kan man bessers finden,
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wenn uns der Trauermut die lassen Geister binden
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und ganz umnebeln will, als wenn bei guter Kost
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man um sich haben kan der Musik süße Lust,
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der Kummertöterin? Da können deine Gaben,
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Licinta, dich und uns in voller Wollust laben
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und uns dir machen gleich, wenn dein bejahrter Wein
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springt in der Schalen auf, und Einer spielet drein
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es sei auch was es sei. Die Sing- und Saiten-Schulen,
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die lernen uns bevor das wolvergunte Buhlen,
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und wie man sittsam wird. Cytheris und ihr Sohn
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sind, wo man singt und spielt, nicht gerne weit darvon.
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Saul raset ohne sie. Misenus muste singen,
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solt' Hector lustig sein. Wenn
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so wächst des Sachsens Lust. Wenn
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läßt hören und mit ihm den künstlichen Tenor,
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da wacht mein
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so hoch, wo über uns der Leier Sternen klimmen,
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durch seinen ersten Preis, die deutschen Vers' empört,
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weil immer eine Kunst die ander' liebt und ehrt.
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Wo laß ich aber dich und deine schöne Laute,
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Herr
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Apollo Phöbus selbst, der sie vorerst erdacht,
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der deine schnelle Faust ihr griffreich hat gemacht?
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Wo lass' ich dich und sie, sie, Fürstin aller Saiten,
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dich, ihrer Künstler Gott? Wenn du die Traurigkeiten
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durch deine Kunst bestürmst, so dringt der Helicon
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auch selbsten sich zu dir, daß ihm dein großer Ton
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noch mache göttlicher. Du schaffst, daß unsre Sinnen
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sich weit, weit über uns ans Blaue schwingen können,
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wo man kein Leid nicht kennt. Der wollustvolle Klang
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verzäubert uns den Sinn und macht uns sehnend krank,
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doch durch ein süßes Weh. Wem soll ich dich vergleichen?
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Ich weiß, an Lieblichkeit muß dir Iopus weichen
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und Demodokus auch. Was Thamyras gespielt,
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das stichst du leichtlich hin. Wen dieses Lob vervielt,
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der komm' und höre dich! Du hast den Preis erworben,
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daß du nach deinem Tod' auch bleibest ungestorben.
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Die Kunst verlacht das Grab. Du wirst sein hochgepreist,
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solange Cynthius der Lauterfinder heißt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Fleming
(16091640)

* 05.10.1609 in Hartenstein, † 02.04.1640 in Hamburg

männlich, geb. Fleming

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller und Arzt

(Aus: Wikidata.org)

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