8. Auf Herrn Johan Michels sein Doctorat

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Paul Fleming: 8. Auf Herrn Johan Michels sein Doctorat (1624)

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Was ist Gewissers doch bei diesen wilden Zeiten,
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da sich die Pest der Welt, der Mars, pflegt auszubreiten
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so weit die Luft umarmt was Land und Wasser heißt,
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und, wie der böse Krebs, stets um sich frißt und beißt,
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als wer sich, weil der Lenz der jungen Jahre blühet,
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mit Tugend, mit Verstand' und mancher Kunst versiehet,
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der sich getrost auf Gott und sich selbst steifen kan
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und sehen unverwandt den grimmen Eifer an,
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den an der losen Welt der böse Himmel übet?
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Er hat diß schon verschmerzt, was Andere betrübet,
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eh' sie es noch betrifft. Kein Unglück ist so groß,
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das er nicht, wenn es kömmt, vorlängst gewesen loß,
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weil er sichs längst versehn; nicht wie die freien Sinnen,
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die gute Tage nur und kaum vertragen können,
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und wenn der Glückswind sich aus West in Norden kehrt,
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da weiß man nicht, wo Blut und Mut zugleich hinfährt.
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Sie sind in ihrer Furcht noch weibischer als Weiber,
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der Mund ist blaß wie Blei, wie Aspen ihre Leiber,
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die eine linde Luft durchaus erschrecken kan;
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so ists um dieses Volk bei dieser Zeit getan.
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Sie setzen ihren Trost nur einig auf die Sachen,
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die gegenwärtig sind. Was ihnen Mut kan machen,
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das ist Geld, Güter, Pracht und was des mehr mag sein,
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das sie, wenn es zergeht, auch mitte reißet ein
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und machet lebend tot. Die rechte Kunst zu leben
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ist bei den Weisen nur, die nicht, wie jene, kleben
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an dem, was zeitlich ist. Was Welt ist, liebt die Welt.
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Ein Geist von oben her weiß, daß ihm mehr gefällt
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als was die Erde kennt. Der himmelreiche Plato,
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der frische Seneca, der weisheitvolle Cato,
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die haben ihn zuvor durch sich beherzt gemacht,
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daß er in dickster Angst, als höchster Wollust, lacht,
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wenn aller Pöfel weint. Er höret Andre klagen
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von vieler Städte Brunst, von mancher Länder Plagen,
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doch bleibt er unbewegt. Er weiß, daß keine Macht
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ihm nehmen wird und kan, was er hat vor sich bracht.
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Die Schätz' hat er an sich. Er lässet Andre reisen
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in beides Indien und bringen Gold für Eisen,
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für Tocken Specerei, für Nadeln Helfenbein.
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Sein' höchste Wollust ist um schöne Bücher sein,
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vom Wagen ganz befreit. Wird er denn angewehet
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von einer höhern Luft, so zeucht er, wohin stehet
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sein wolkengleicher Sinn. Er machet ihm bekant
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ein unbekantes Volk, setzt über See und Land
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und eilt der Weisheit nach. Die Sittenmeisterinne,
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das Frankreich, sucht er heim, sieht, was zu sehn ist drinne.
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Er lernet Landesbrauch da, wo die Tiber fleust,
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und was das ew'ge Rom für alte Sachen weist,
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läßt er nicht unbeschaut. Gleich wie weit über Felder
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die kühne Biene fleugt, saugt sich der jungen Wälder
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und neuen Wiesen Raubs, der süßen Säfte voll
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und trägt sie mit anheim, so stehts um den auch wol,
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der viel gesehn und weiß. Er kan aus vielen Sachen,
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die er erfahren hat, ihm einen Auszug machen,
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dardurch ein ganzes Land nicht schlechten Aufwachs nimmt,
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wenn es zugleich mit ihm bis ans Gestirne klimmt
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durch des Geschreies Flug. Er schläget aus mit Ehren;
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kein Neid, wie groß er ist, kan seinem Glücke wehren,
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weil ihn der Himmel liebt, der ihn zeucht Andern vor
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und über allen Haß läßt steigen stets empor.
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Was sag' ich wol von euch, ihr Ruhm der Pierinnen,
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von eurem schönen Geist' und reichbeseelten Sinnen?
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Auch ihr seid aus der Schar, die von der Wiegen an
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mit alter Weisheit sich zu Maßen Fleiß getan.
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Euch hat die Medizin schon in den ersten Jahren,
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da noch die Glieder weich, die Beine Knorpel waren,
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zu ihrem Dienst' ersehn. Sie fügt' euch, noch ein Kind,
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zu der Gelehrten Zunft, bei welchen Künste sind.
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Der Fleiß, der wuchs mit euch. Was Socrates geschrieben,
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was Plato hiebevor in Schulen hat getrieben,
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das war euch wol bekant. Der künstliche Porphyr
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war ganz in euch belebt, wie der auch von Stagyr.
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Des Donnerkeils Geburt, der Ursprung der Cometen,
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des Himmels runder Lauf, der Fortschreit der Planeten,
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der Elementen Kraft, das war euch ganz bewust.
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Was Andren Arbeit ist, das ist euch eine Lust.
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Wie ihr denn auch den Lohn des Fleißes überkamet,
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als ihr den blauen Hut von Klio Händen nahmet.
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Bißher hat man gesehn, wie ihr so wol geübt
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in Phöbus Künsten seid, wie euch sich untergiebt
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der Bücher Wissenschaft. Der Kräuter stille Kräfte
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sein euch ganz offenbar. Das muß euch geben Säfte,
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was keinen Saft nicht hat, durch eure Kunst und Glut.
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Die günstige Natur vertraut euch all' ihr Gut
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und was sie heimlich hält. Die Lebens-Gönnerinne
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hat euch der Welt geschenkt. Itzt wird schon Charon inne,
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daß ihm sein Fährgeld nun wie vor nicht trägt so viel,
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weil ihr auch stecken könnt dem Tode selbst ein Ziel
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durch Gott und euren Witz. Von außen und von innen
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erkennt ihr unsern Leib. Diß hat euch weisen können
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die wol geübte Hand, die ihr den Ruhm erbaut,
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daß nun der große Sachs' ihr seinen Leib vertraut
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und heißt sie seinen Arzt. Weil ihr denn oft erwiesen,
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daß ihr das wäret wert, vor was ihr nun gepriesen
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von allen werdet hoch, so führt Apollo itzt,
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Apollo, der auch mir den regen Sinn erhitzt,
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weil er zwei Künste kan, umb eure Haar' die Reiser,
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die die Gelahrten nur bekommen und die Kaiser.
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Die sinds, als denen nur diß frische Laub gebührt,
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dieweil durch Witz und Macht diß Ganze wird regiert.
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Der nun Gesunden Trost, ihr, Hoffnung aller Kranken,
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lauft, wie ihr vor getan, lauft fort in diesem Schranken,
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da man sich macht belobt! Setzt an, setzt ferner an
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und mehret diesen Preis durch euren
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der nun fast brechen will! Die Fama steigt zu Wagen,
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will euer hohes Lob bis an die Sternen tragen,
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wo itzund
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den auch der bleiche Neid nicht gnug verloben kan.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Fleming
(16091640)

* 05.10.1609 in Hartenstein, † 02.04.1640 in Hamburg

männlich, geb. Fleming

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller und Arzt

(Aus: Wikidata.org)

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