2. Auf eines von Grünental Leichbestattung

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Paul Fleming: 2. Auf eines von Grünental Leichbestattung (1624)

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Die Zeit, in der der Mensch sein Leben pflegt zu führen,
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ist wie ein grüner Tal, den frische Blätter zieren,
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da Blumen aller Art im kühlen Grunde stehn
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und um den lautren Quell und stillen Bach aufgehn
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in ungezählter Zahl. Itzt, wenn die Schoß der Erden
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von einer manbarn Luft geschwängert pflegt zu werden,
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gebiert manch schönes Kind; wenn das verlebte Jahr
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ein Jüngling wieder wird, da schlägt das junge Haar
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den Lindenbäumen aus. Der angenäme Reif
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macht bei gesunder Nacht die schwachen Gräser steif,
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die Sonne wirkt die Frucht: stets wird was Neues funden,
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das Jahr ist niemals leer, es tauschet alle Stunden.
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Eins kan nicht allzeit sein, wie denn auch Alles nicht.
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Wenn sich der Hyacinth mit seiner Zier entbricht,
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da sind die Tulpen dar. Wenn diese sind vergangen,
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da stehn Paeonien und Rosen in dem Prangen.
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Itzt schosset diß herfür, itzt fället jenes ab;
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was Eines wieder war, das ist des Andern Grab.
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Bald kömpt der fröde Herbst mit seinen kranken Lüften,
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mit den er alle Zier weiß tötlich zu vergiften.
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Die Schwind- und Gelbesucht greift Bäum' und Blätter an,
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der Saft vertrucknet aus, der matten Erden Man,
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der müde Himmel greist. Die Mutter, die veraltet,
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wird runzlicht an der Haut, die Fruchtbarkeit erkaltet.
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Der halb erfrorne Nord weht durch das schwache Tal,
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macht das Gefelde bloß, die kranken Bäume kahl,
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reißt alles mit sich hin, verbläst dem stillen Quelle
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den sonst gewohnten Paß, daß er nicht von der Stelle,
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nicht vor sich rinnen kan. Wo ist alsdenn die Zeit,
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die Zier, die schöne Lust mit aller Fröligkeit?
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So ist es auch bewandt um aller Menschen Sachen;
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ihr Leben ist der Tal, der uns itzt Freude machen,
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itzt Unlust geben kan. Die Blumen sind selbst sie
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mit aller Zier und Pracht, da diese balde früh'
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und jene spat verfällt. Hier gilt es nicht zu bauen
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auf seiner Jugend Zeit. Die Jungen, wie die Grauen
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sind stets dem Tode reif. Die Veilge, die schlug aus
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vor sieben Tagen schon, und die kaum halb ist raus,
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meit eine Sichel ab. Die flüchtigen Narcissen
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sind drum geringer nicht, ob sie schon bald hin müssen,
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als etwan Roßmarin, die zwar sehr lange steht,
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doch, wenn der Frost beißt an, zugleich auch untergeht.
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Wir haben nur ein Ziel, wie auch die Blumen haben:
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es sei früh oder spat, wir werden doch vergraben
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in unser Mutter Schoß. Diß fehlet uns allein,
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daß wir geringer noch als alle Blumen sein.
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Die Zeit, die itzt verschleißt, kan sich an sich erholen,
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das Laub schlägt wieder aus, die sterbenden Violen
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bekommen ihren Geist, die Wasser tauen auf.
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Sind wir nur einmal hin, da gilt kein Wiederlauf,
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wir bleiben, wo wir sein. Diß haben wir zu hoffen,
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daß noch ein grüner Tal uns allen stehet offen,
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da zwar auch Blumen sein, nicht aber die vergehn;
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daselbsten sollen wir auch unvergänglich stehn,
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den Amaranthen gleich. In diesen ist versetzet
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auch unser Grünental; er ists, der sich ergetzet,
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der fromme Gottes-Freund, in einer solchen Lust,
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die er zwar oft genant, doch aber nie gewust.
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Da grünt der Grünental, da wird er nicht verwelken,
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gibt einen Ruch von sich, wie die gesunden Nelken,
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an die Gott täglich reucht, nach welcher schönen Blum'
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auch reucht des Edelen gelobter Nam' und Ruhm.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Fleming
(16091640)

* 05.10.1609 in Hartenstein, † 02.04.1640 in Hamburg

männlich, geb. Fleming

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller und Arzt

(Aus: Wikidata.org)

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