9. Klagegedichte

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Paul Fleming: 9. Klagegedichte (1624)

1
An diesem öden Ort, dahin kein Tier auch kömmet,
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den Sonn' und Mon nicht weiß, da nie kein Stern nicht glimmet:
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da nichts als flüchtige Narcissen gegend sind,
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da stets gebücket geht der matte Hyacinth,
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an diser stillen Bach, da kein Silvanus springet,
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da keine Nachtigal sich in die Luft erschwinget
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und singt ihr liebes Lied, da stete Demmerung
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mit Nebel ist vermengt, doch stille Luft genung:
9
kom, kom, Melpomene, mit deiner schwarzen Schaube,
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bekränzet umb das Haupt mit frischem Myrtenlaube,
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bring' Harf' und Saiten mitt', und setze dich zu mir
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an den Cypressenstock, der für uns stehet hier!
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Du, meiner Thränen Lust, die mir noch bleibt alleine,
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weil ich alleine bin, du weist, von wem ichs meine.
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Setz' unser Werk hindan, das dein' und meine Zier
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zu guter Letzte noch begert von dir und mir,
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als sie gab gute Nacht. Und selbte zu betauren
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gebührt uns ewig zwar. Doch laß uns mitte trauren
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umb den, umb den so tut der größre Teil der Welt,
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der ihm gleich ietzt das Grab und letzten Dienst bestellt!
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Hier sind wir aus der Welt, hier ist der Ort zu klagen
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den, den die tolle Welt nach so viel tausent Plagen
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zum Kreuze hat verdampt, den, den die grimme Welt
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vom höchsten Himmel aus bis in das Grab gefällt,
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den wahren Gott aus Gott, den frommen Sündenbüßer,
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den Zahler aller Schuld, den treuen Himmelschließer.
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Das breite Trauerfeld, die ganze wüste Statt
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klagt mit uns dessen Tod, der sie erschaffen hat.
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Er war zugegen schon, eh' als die Himmel waren
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und aller Zeiten Zeit. Er kam herab gefahren
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aus seines Vaters Schoß und ward der Mutter Pfand,
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der Mutter, der er selbst der Vater wird genant.
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Er ist des Vaters Wort, dadurch er erstlich machte,
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was er von Ewigkeit zu machen ihm gedachte.
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Die Last, die gab er an, so Atlas auf sich trägt,
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das grosse Weltgebäu und was sich drinnen regt.
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Der Vater war in ihm, er war sein Bild und Wesen,
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der ganzen Gottheit Glanz, von Gott ein Gott erlesen.
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Er war der Söhnungsrat, als Evens Apfelbiß
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uns umb den Eden bracht' und in diß Elend stieß'.
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Er bote sich für uns das Lösegeld zu werden,
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das niemand zahlen kunt' auf dieser breiten Erden.
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Der muste selbst Gott sein, der Gott vergnügen wolt',
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und in das erste Reich uns Arme setzen solt'.
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Auf ihn hofft' alle Welt. Er macht' es ziemlich lange,
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eh er diß Werk fieng an. Es ward den Alten bange,
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es war ihr höchster Wundsch, daß der doch käm' einmal,
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der ihre Seelen hielt' in steter Hoffnungsqual.
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Und endlich kam er auch nach vorbestimmten Zeiten
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und hielte seine Wort'. Als Feier von den Streiten
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hatt' unser ganzes Rund, hieß' er sich melden an,
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ohn welchen nichts, was ist, in Friede leben kan.
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Die Botschaft Gabriel der Jungfrau muste bringen,
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die Sohn ihn heißen solt' und ihm das Sause singen;
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der Geist, der werthe Geist, der zeugt' in der die Frucht,
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die keinen Man erkant, die stets gelebt in Zucht,
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die Frucht, die für das Gift der ersten Frucht wird gessen.
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Er kam und ward ein Kind, als iederman vermessen
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sich seiner nicht versah; ob man gleich gabe für,
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man warte stets auf ihn, ietzt war zu Tor und Tür.
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Er ward in einen Stall verwiesen zu den Tieren,
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der über alles ist. Den Wiegen solten zieren,
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der ward der Krippen Last; der must in Kält' und Frost
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geworfen werden hin und sein an schlechter Kost,
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der Kält' und Wärme gibt, der alles reichlich speiset,
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was Speise nur bedarf. Doch wird er noch gepreiset
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von Tityrus Schalmei, im Fall kein Musicant'
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Herodes hören wolt'. Als er kam in sein Land
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und zu den Seinigen, die ihn doch nie erkanten,
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ob sie Messias stets in ihren Schulen nanten,
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ietzt sieht man ihn nicht an. Der muß geschätzet sein,
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der vor Augustus hatt' ins Reich gesetzet ein,
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der ewig freie Prinz. Er fing schon an zu leiden,
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als er geboren kaum; er ließe sich beschneiden.
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Des Vaters Zimmeraxt, der Mutter Näterei
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erwurben ihm mit Not den halbgemachten Brei.
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Am Mangel mangelts nicht: noch blieb er nicht zu Frieden
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in seiner Kindheit Lenz. Er muste sein geschieden
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von Freund und Vaterland. Ägyptus Hausgenoß
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ist der, der alle Welt behaust in seiner Schoß.
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Herodes tobte sehr, er furchte seiner Krone,
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beginge Kindermord. Die List ward doch zu Hohne.
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Gott fällt durch Säbel nicht. Das Kind fleucht bei der Nacht.
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Tyrannen sind doch nichts vor Gott mit ihrer Macht.
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Der König wurde faul, starb hin bei frischem Leben;
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so ward der Kinder Tod dem rechten Tode geben.
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Das Kind läßt Nilus stehn, kehrt umb nach Nazareth:
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wird weiser Tag für Tag, folgt Joseph früh und spät'.
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Es war sein höchste Lust, daß er zu Tempel gienge,
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gab zu verstehen schon, was er an künftig fienge;
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die Ceremonien hielt' er in allem mitt',
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und hörte gerne zu, wenn etwa fiel ein Strit
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in Glaubenssachen für. Ihr blinden Pharisäer,
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und du verstocktes Volk, ihr dummen Sadducäer!
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was half euch Moses Schrift und der Propheten Wort,
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weil ihr erkantet nicht den wahren Lebenshort?
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Er war euch untertan, doch mustet ihr ihn neiden.
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Er war zwar euer Sohn, doch auch das Liecht der Heiden,
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weil ihr ihn stießet aus. Was hilft euch Abraham?
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Ietzt geht euch Japhet für, nun ihr seid worden Cham.
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Wie ofte kam er doch in eure Synagogen,
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alda ihr seiner Lehr' und Unterrichts gepflogen!
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Wie war euch da zu Mut', als er, doch noch ein Kind,
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mit euch befragte sich? Ihr waret sehend blind.
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Der Jordan täufet' ihn, der Geist fuhr sichtbar nieder
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und satzte sich auf ihn: das Zeugnüß hört' ein ieder,
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das ihm sein Vater gab. Johannes weiste frei,
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daß er das Gotteslamb für unsre Sünde sei.
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Er trat ins Predigampt, beglaubte mit viel Zeichen
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das Evangelium, er heilte manche Seuchen,
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den Blinden gab er Liecht, den Tauben das Gehör',
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er speiste wunderlich die Folger seiner Lehr'.
113
Er kostete kein Brot in zweimal zwanzig Tagen,
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das Wasser war ihm Land, die See, die must' ihn tragen;
115
es ist ihm umb ein St, so fleuget Eolus.
116
Neptunus wildes Feld für ihm erstummen muß.
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Er weckt den Jüngling auf, Jairus Tochter schnäubet,
118
und Lazarus, sein Freund, wird wieder neu beleibet,
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ob er schon riechend ist, nur durch ein einzig Wort:
120
hier trieb er Teufel aus, den Krüppeln half er dort.
121
Er stieß die Wechsler aus und die des Tempels Ehren
122
durch Krämerei verletzt. Er kunte kräftig lehren,
123
er nam kein Blat fürs Maul, die Jüden schalt er frei,
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und meldete sich selbst, daß er Messias sei.
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Noch half es alles nichts. Ihr kuntet ihn nicht hören,
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an Geistes Ohren taub, doch gleichwol auch nicht wehren.
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Was wart ihr gegen Gott? Das Volk beschämet euch,
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verachtet euren Bann, wird seelenfrei und reich.
129
Ietzt trugt ihr Steine zu und woltet ihn entleben,
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ietzt stürzen von dem Fels, ietzt in die Bande geben.
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Doch stricht ihr in die Luft. Wer streitet wider Gott,
132
der schlägt sich selbst aufs Maul und wird des Pöbels Spott.
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Ihr brauchtet manchen Fund, erdachtet glatte Fragen, –
134
was aber ihr für Ruhm mit euch anheim getragen,
135
des rühmt euch jo nur nicht: es bleibet doch darbei,
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der Menschen Klugheit ist für Gott nur Narrerei, –
137
biß daß die Zeit kam an, daß er, umb wessen willen
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er kommen, führt' hinaus. Der Esel und das Füllen
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bracht' ihn zu Jebus ein, daß zweierlei Geschlecht'
140
er zu dem Testament und neuen Rechte brächt'.
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Hosanna singt man ihm, es spreitet mancher Jüde
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die Palmen auf den Weg, weil kömpt der rechte Friede.
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Als er zu Tische saß, erfeuchtet Haupt und Bart
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das Nardenwasser dem, der vor gesalbet ward
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zu dem gedritten Ampt'. Er ließ uns noch zur Letzte,
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als er zum letzten sich mit seinen Jüngern setzte
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und aß das Osterlamb, ein hohes Liebespfand,
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ein rechtes Ostermahl, das er selbst wird genant,
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das große Sacrament, da wir Gott selbsten essen
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in und mit Brot und Wein. Ob schon der Feind besessen
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Ischarioth, den Dieb, so würdigt' er ihn doch,
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daß er ihm reichte zu den letzten Bissen noch.
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Drauf wird er teuflisch ganz, steht auf bei Nacht und übet
154
das rechte Werk der Nacht, betrübt den, der ihn liebet,
155
verkäufet Gott umb Kot. Der schändliche Gewin
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macht, daß der Geizhals hier gibt Seel' und Herren hin.
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Jetzt geht die Marter an, jetzt muß der Heiland schwitzen,
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bei frischer Lenzenluft. Er glüt für Grimmeshitzen,
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darmit sein Vater brennt und wir stets schüren zu.
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Die schwere Höllenangst läst ihm nicht so viel Ruh.
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Der Schweiß ist nicht ein Schweiß, Blut sehn wir von ihm rinnen,
162
der Puls schlägt nährlich an. Wie ist ihm doch zu Sinnen!
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Er betet brünstiger das Abba in der Loh,
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das Abba, welches uns in letzter Angst macht froh.
165
Der herbe Sündenkelch, den er ietzt aus muß trinken,
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der machet ihn so schwach, daß auch im letzten Sinken
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ihm Kraft ein Engel gibt. Der starke Zebaoth,
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der vor die Engel schuf, ist ietzt in solcher Not.
169
Jacobus, schläfestu? Johannes, kanstu rasten?
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Auf Simon, denke doch an deines Meisters Lasten!
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Auf Schläfer! Schläfer auf! Ietzt kömpt der Capitain
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auf das Getsemane, ietzt läst man ihn gleich ein.
173
Du mörderischer Schelm, in Plutos Gruft erzogen,
174
du hast beim Phlegeton Erynnis Brust gesogen,
175
die blaue Neidesmilch. Du kömpst bei später Nacht
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ietzt vom Avernus her, gerüstet mit der Macht
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der tollen Furien. Was sind die Spieß' und Stangen,
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als der Tisiphone giftaufgelaufne Schlangen?
179
Alekto brennend Pech und Schwefel umb sich schwingt,
180
wenn man die Fackeln sicht. Jetzt ist der Herr umbringt.
181
Ihr frischen Krieger ihr, fallt ihr von einem Worte,
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das doch kein Donner war? Wie kriecht ihr nach der Pforte!
183
die der wil, der doch ietzt von euch gefangen ist.
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Der zwingt euch, den ihr zwingt. Trit her, trit her, Verräter,
185
und raffet euch doch auf, ihr nichts als Übeltäter!
186
Was säumstu, Juda, dich? Laß hören deinen Gruß,
187
und gieb, du falscher Hund, das Zeichen, einen Kuß!
188
Diß ist der Augenblick, der dich zur Höllen stürzet,
189
in dein recht Vaterland. Der Strick, der dir verkürzet
190
dein Leben hat hernach, wird dir ein Leben sein,
191
das nichts als Tod doch ist in ungeendter Pein.
192
Und wär' es nur ein Tod. Wo wird doch Minos finden
193
gnung Strafen nur für dich? Man wird dich müssen binden,
194
wo Tityus muß sein und wo sein Geier ist,
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der dir die falsche Zung' und ihm die Leber frißt.
196
Ixion freuet sich, daß du wirst sein Geselle
197
an seinem Schlangenrad'. Es muß die ganze Helle
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dir eine Helle sein. Styx speiet Pech auf dich,
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Cocytus brennend Harz und Schwefel grimmiglich.
200
Nun greift man Jesus an; ietzt führt man ihn gefangen
201
für Caiphas Gericht', allda die zarten Wangen
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den Backenstreich gefühlt. Der wird des Hannas Spiel,
203
der uns vom ewigen Gespötte freien wil.
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Die königliche Hand muß Rohr für Scepter führen,
205
die Kron' ist Dornenreis, der Purpur muß ihn zieren,
206
doch nur zu Spott und Schmach. Man beugt für dem die Knie,
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man grüßet König den, den man geehret nie.
208
Er wird der Knechte Spott, der uns zu Herren machet,
209
der ietzt in höchster Angst wird noch darzu verlachet.
210
Von Kot und Speichel fleust das heilig' Angesicht,
211
von Dornen schmerzt das Haupt, die Haut von Geißeln bricht.
212
Seht, welch ein Mensch ist das! geht, fragt, ob man auch finde
213
ein' Angst, die dieser gleicht. Er ist, als für uns stünde
214
sein Schatten und nicht er. Wie macht ihn doch so naß
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der Wust und Schmerzenschweiß? Seht welch ein Mensch ist das!
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Seht, welch ein Mensch ist das! so ihr noch könt erkennen,
217
daß er nicht sei vielmehr ein Wurm als Mensch zu nennen.
218
Wie elend ist er doch, wie krank! wie mat! wie blaß!
219
Wie wund! wie zugericht! Seht, welch ein Mensch ist das!
220
Der Leib ist Beulen voll, gelifert Blut und Eiter
221
rinnt häufig von ihm weg, die Wunden brechen weiter,
222
die Strimen laufen auf in ungezählter Zahl.
223
Da ist kein Plätzlein nicht, das habe nicht ein Mal.
224
O Modul aller Angst! O Exemplar zu dulden!
225
Wir, wir sind Streiche werth, denn unser sind die Schulden.
226
Wie kanst du so den Sohn, o Vater, richten zu?
227
Halt inne, schlag auf uns und gib dem Bürgen Ruh!
228
O Qual, o höchste Qual! O Marter aller Plagen,
229
die du, o Bruder, must für uns ietzunder tragen!
230
Du bist Immanuel, von unsern Wunden wund,
231
durch welche Wunden du die unsern machst gesund.
232
Die Schmerzenstöchter dich, die Thränen, scheußlich machen,
233
sie fließen als ein Strom, auf daß wir möchten lachen.
234
Doch schweigstu, wahres Lamb, und sagst kein Wörtlein nicht,
235
auf daß wir künftig nicht erstummen für Gericht.
236
O wahrer Menschenfreund, die doch sind deine Feinde,
237
was tustu nicht für sie? Ein Freund, der seinem Freunde
238
durch sich den Tod versöhnt, das ist die höchste Treu:
239
hier sieht man wie ein Freund für Feind' ermordet sei.
240
Diß muß jo sein ein Freund, diß muß jo lieben heißen!
241
Er schonet seiner nicht, läst weidlich auf sich schmeißen,
242
daß uns in Plutos Gruft Alekto peitsche nicht
243
und Rhadamantus wir nicht kommen für Gesicht.
244
Hie hilft kein Helfen nicht, ihn kan ietzt niemand retten,
245
die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Friede hätten.
246
Des Vaters Zornesflut fährt über ihn mit Graus
247
und wil ihn aus dem Land' und Leben rotten aus.
248
Man wil ihn haben tot, und wird doch nichts erwiesen.
249
Der Zeugen Zeugnüß wankt. Er wird gerecht gepriesen
250
vom Pfleger Pontius. Noch sol und muß er dran,
251
ob man gleich keine Schuld auf ihn erzwingen kan.
252
Herodes lacht ihn aus, Pilatus, fast erzwungen,
253
spricht ihn dem Tode zu. Die Alten mit den Jungen
254
erbitten Barrabas. Der Mörder wird erkiest
255
für dem, der doch für sich das wahre Leben ist.
256
O Urteil ohne Recht! O Strafen ohne Sünden!
257
Messias muß nun fort. Er muß sich lassen binden.
258
Zum Kreuz ist er verdampt. Der wahre Todes Tod,
259
des Lebens Leben selbst kömpt ietzt in solchen Spott.
260
Der Segen wird ein Fluch, auf daß wir Segen hätten,
261
vom Fluche frank und quit: die Freiheit geht in Ketten,
262
auf daß wir würden frei. Sein Blut durchstreicht den Brief,
263
der wider unser Blut zu Gott stets schrie und rief.
264
Er mus auf Golgatha das Kreuz ihm selber tragen,
265
der unser Kreuze trägt. Er wird daran geschlagen,
266
streckt Händ' und Füsse weg, der doch in seiner Macht,
267
was Auf- und Niedergang, was Mitter-Tag und Nacht
268
in sich bearmet, hält. Der hänget zwischen Dieben,
269
der ohne Sünde war. Denkt, denkt, was ihr könnt üben,
270
ihr Herzen ohne Herz', ihr nichts als Ottergift!
271
Die Sonne trübt der Fall, der ihren Schöpfer trifft,
272
sie macht den Tag zur Nacht. Das blaue Schloß des Himmels
273
entfärbt sich ob der Tat. Von Stürmen des Getümmels
274
erblaßte Cynthia sampt ihrer güldnen Schar
275
und eilet' an die Wacht, als es noch hoch Tag war.
276
Nocturnus wuste nicht, welch Pferd er satteln solte.
277
Auch Atlas bebete, gleich ob er fallen wolte.
278
Die Wolken drungen sich und flogen schneller fort.
279
Neptunus kunte selbst für Sturme nicht zu Port.
280
Es zittert die Natur, weil ietzt ihr Vater zaget.
281
Gott reißet sich von Gott. Vor Durst der Schöpfer klaget,
282
das gallgefüllte Rohr, der essigvolle Schwamm
283
muß mehren seinen Schmerz. An dem verfluchten Stamm'
284
hängt unser Lebensbaum. Die hier vorüber giengen,
285
die klatschten mit der Hand. Auch selbst die mit ihm hiengen,
286
die schalten auf ihn zu. Es bliebe mancher stehn
287
und las die Überschrift mit spöttlichem Gehön'.
288
Hier hänget unser Ruhm, hier leidet unser Prangen,
289
hier kranket unser Arzt, durch den wir Heil erlangen!
290
Ist das der Wunderbaum? ist diß das werthe Holz,
291
darauf wir Christen sein so prächtig und so stolz?
292
Der Even erster Wundsch, des Abrahams Verlangen,
293
die Hoffnung Isaaks, den Jacob hat umbfangen,
294
die Himmelsleiter die, der Trost der Köninge,
295
hängt hier in Schmach, in Angst, in Schmerz, in Ach, in Weh.
296
Es kunte niemand nicht ein Beileid mit ihm haben,
297
das war die doppelt' Angst. Maria sampt dem Knaben
298
beweinten Freund und Sohn. Da ist kein Jünger nicht,
299
kein Petrus ist nicht da mit seiner hohen Pflicht,
300
der für ihn sterben wil. Ach! wie ist dir zu Herzen,
301
du nie erkantes Weib, wenn du in solchen Schmerzen
302
hörst winseln deinen Sohn? Wie ofte zeuchstu hin
303
in Ohnmacht, stimmelos, erstarret, ohne Sinn.'
304
Hier hängt dein Wunderkind in so viel hundert Wunden,
305
in Ängsten über Angst, gebissen von den Hunden,
306
die ärger sind, als Hund'. O Weib, o armes Weib,
307
ietzt dringet dir das Schwert durch deine Seel und Leib?
308
Du niemand gleiche Frau, du must von fernen heulen.
309
Ach dürftestu doch nur verbinden seine Beulen!
310
Ach wäre dir vergunt, daß du zu guter Letzt
311
ihm küsstest seinen Mund, mit Thränen eingenetzt!
312
Was hilfts? es kan nicht sein. Du must in Jammer stehen
313
und zusehn, wie man spielt. Jetzt mustu gar vergehen,
314
weil dir dein Trost vergeht, weil er wird sinnenlos,
315
weil ihm die Todesangst gibt manchen harten Stoß.
316
O Alles, schaue zu, Jehova muß ietzt sterben,
317
der uns durch seinen Tod das Leben kan erwerben;
318
Gott röchelt, Gott erblaßt, der Herr der Herrlichkeit
319
muß so elendiglich ietzt enden seine Zeit.
320
Und nun, nun ist er hin! Das Firmament erzittert,
321
der Felsen Stärke springt, der große Punct erschüttert.
322
Nord, Osten, Süd und West, die rissen aus der Kluft,
323
bestürmten See und Land. Dreimal mehr in die Luft
324
spie Etna Feuer aus. Die Elementen dachten,
325
es wär ihr Ende da, des Tempels Sparren krachten,
326
der Teppich riß entzwei, die Gräber brachen auf.
327
Auf dich, o Solyme, war vieler Toten Lauf.
328
Ach Leben, bistu tot? ie kan denn Gott sich enden,
329
der Anfang anfangslos, das End' ohn' End' und Wenden?
330
Wie? mangelt der ihm selbst, der nichts als Alles hieß?
331
Ist denn die Seele hin, die uns die Seel' einblies?
332
O Höchster, neigst du dich? Die krausen Locken hangen,
333
der rosenliebe Mund, die wollustvolle Wangen
334
verlieren ihren Glanz, die Augen brechen ein,
335
die Augen, die der Welt sind mehr als Sonnenschein.
336
Die Hände werden welk, der Beine Mark erkaltet,
337
blutrünstig ist die Haut, gelifert und veraltet;
338
hier hängst du ausgespannt, geädert, abgefleischt,
339
zerstochen, strimenvoll, entleibet, ausgekreischt.
340
O wahrer Pelican, der seine toten Jungen
341
durch sein selbst Blut belebt. Uns ists durch dich gelungen,
342
du ehrne Schlange du, du edle Medicin,
343
die Leviathans Gift und Bisse nimmet hin.
344
O mehr als Jonathan, o treuer als Orestes,
345
Treu über alle Treu', hier suchstu unser Bestes
346
und tust dir höchstes Leid. O Priester, o Levit,
347
der uns, wie Aaron, beim Vater stets vertrit.
348
Du stirbest als ein Mensch, auf daß du überwindest
349
den Tod, als wahrer Gott, und daß du, Schiloh, bindest
350
den starken Cerberus, so steigstu in die Gruft
351
und stürmest kecklich zu auf Plutos schwarze Kluft.
352
Du starker Simson du, du Löw' aus Juda kommen,
353
wie hat doch deine Kraft so gar bald abgenommen?
354
O Stern, wo ist dein Glanz? O Schatz, wo ist dein Gold?
355
O Herr, ist das dein Ehr'? O Arzt, ist das dein Sold?
356
Kein Tiger ist so grimm, so grausam ist kein Drache,
357
der einem seiner Art ein solches Quälen mache.
358
Der Löwe liebt den Arzt; wir Menschen sein so toll
359
und töten den, der uns vom Tode helfen sol.
360
Ihr ganz vergälltes Volk, ihr gar verstockter Sinnen,
361
noch tierischer als Tier, ie werdet ihr nur künnen
362
erkennen eure Schuld? In Gottes Sones Blut'
363
habt ihr den Speer genetzt, das er auch euch zu gut'
364
ietzt fließen läst von sich. Beherzet doch die Zeichen!
365
Doch ihr seid Eisenart, euch kan doch nichts erweichen.
366
Den Demant zwinget Blut, den Stal zerschmelzt die Glut,
367
kein Demant und kein Stal gleicht eurem harten Mut?
368
Ietzt gebt ihr Gott den Dank, wie eure Väter taten,
369
das ungezähmbte Volk, das Volk dem nicht zu raten,
370
der dich, o Israel, erlöst' aus Pharus Hand,
371
der dir das Rote Meer in blaches Feld gewandt
372
und Jordans wilde Flut, der inner vierzig Jahren
373
dich wie ein Adler trug. Da keine Wege waren,
374
kein Proviant, kein Haus, nichts als nur Wüstenei,
375
hielt er dich, hartes Volk, in Speis und Kleidern frei.
376
Die Winde musten Fleisch, die Klippen Wasser geben,
377
das Manna stunk euch an. Er selbst Gott, euer Leben,
378
stund allzeit über euch, noch fürchtet ihr ihn nicht.
379
Das Kalb, das war euch mehr als Gottes Wolk' und Liecht,
380
bis daß euch Josua in Idumeen brachte
381
und alles Canaan euch untertänig machte,
382
das Milch- und Honigland. Es war euch Niemand gleich.
383
Gott macht' ein großes Volk und Königreich aus euch.
384
Er stieß euch vielmal aus und holt' euch vielmal wieder,
385
so oft ihr kehrtet umb und fielet für ihm nieder.
386
Ihr seid der Väter Har; ihr häuft noch ihre Schuld;
387
ihr teufelisches Volk, solt' euch denn Gott sein huld?
388
So viel Prophetenblut ist noch für euch zu wenig,
389
ietzt tötet ihr Gott selbst, Gott selbst, Gott euren König!
390
O du verdamptes Volk, der euch von Anbeginn
391
zu seinem Reich erwählt, dem ihr stets lagt im Sinn, –
392
und diß noch was ihr seid, seid ihr durch seine Gnade, –
393
ietzt gebt ihr ihm den Lohn. Ach daß doch euer Schade
394
euch noch zu Herzen gieng'! iedoch ihr habt kein Herz!
395
Es ist euch eine Mähr, es ist euch nur ein Scherz.
396
Du Volk von Hagar her, du nicht der Freien Same,
397
du bist nicht mehr ein Volk, dein Nam' ist mehr kein Name,
398
du iedermannes Greul, so weit schwebt eine Wolk'
399
hastu kein stetes Haus, du ganz zerstörtes Volk!
400
Luft, Feuer, Erd' und Meer die ruf' ich an zu Zeugen,
401
daß ihr, Halsstarrigen, mit nichts nicht seid zu beugen,
402
wie Gott selbst von euch sagt. Weil ihr denn starrt so sehr,
403
so beug' euch dermaleins Luft, Feuer, Erd und Meer.
404
O Kreuz, uns nicht ein Kreuz, an dem wir können haben
405
für Kreuz Ergötzlichkeit, für Armut reiche Gaben,
406
für Bande freien Pass, für Schrecken Sicherheit,
407
für Helle Himmelsgunst, für Tod Unsterblichkeit.
408
Diß heist ja wol getauscht. Ietzt stehn des Himmels Türen
409
geöffnet angelweit. Gott wil uns mit sich führen
410
in sich und durch sich selbst. Wir sind den Engeln gleich,
411
ja mehr als Engel noch in unsers Heilands Reich'.
412
O Kreuze sei gegrüßt. Dich muß ein jeder ehren
413
in allem, was er tut. Du kanst den Teufeln wehren,
414
durch den der dich geweiht. O heilige Figur,
415
an der wir haben stets noch unsers Elends Cur.
416
Weg, Moses, mit dem Fluch! Hier hat Gesetz ein Ende,
417
der Decke darf man nicht, daß uns der Herr nicht blende.
418
Hier ist des Lebens Buch, das neue Testament;
419
Jehova selbst ist hier, den noch kein Jüde nennt.
420
Hin ist nun alles Leid, Gott hat nun ausgestanden,
421
was auszustehen war. Gebt Linderung den Banden
422
und zieht die Nägel aus, nehmt Gottes Körper ab,
423
tut ihm das letzte Recht, versenkt ihn in ein Grab.
424
Und Joseph, du tust wohl, daß du wilst den begraben,
425
durch dessen Wundergrab wir keine Gräber haben.
426
Weil der gestorben ist, so stirbet nun kein Christ,
427
weil uns der Tod ein Schlaf, das Grab ein Ruhbett ist.
428
Ach hätt' ich auch gelebt zu Nikodemus Zeiten,
429
ich hätte wollen wol des Herren Grab bespreiten
430
mit blauen Veiligen, das grüne Lorberlaub
431
hätt' ich hieher gestreut! Für Erde, Sand und Staub
432
hätt' ich die Rosmari und Amaranthen geben,
433
mit Tolpen untermengt, dir, aller Blumen Leben.
434
Das fremde Benzoe hätt' ich gezündet an,
435
und wormit sonsten man die Toten ehren kan.
436
Das Wündschen hilft mich nichts. Jebova, nim vor Willen,
437
weil ich doch meinen Wundsch kan ietzund nicht erfüllen,
438
nim an diß Sterbelied, nim an den Grabgesang,
439
den, höchster Freund, aus mir dein grimmer Tod erzwang!
440
Erlöser, habe Dank, Blutbürge, sei gelobet!
441
Ruhstifter, ruhe sanft; obgleich umb dein Grab tobet
442
der Wächter ohne Wacht. Schlaf ein, bis weder Tag,
443
noch Wacht, noch Siegel dich im Grabe halten mag!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Fleming
(16091640)

* 05.10.1609 in Hartenstein, † 02.04.1640 in Hamburg

männlich, geb. Fleming

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller und Arzt

(Aus: Wikidata.org)

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