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Hier wartete Corvin biß der Professor kahm.
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Sein Hertz war voller Angst, sein Cörper lendenlahm.
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Doch dieses war sein Trost, daß er gescharrt, gepfiffen,
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Und eher nicht die Flucht, als erst aus Zwang, ergriffen.
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Er stellt, auf gutes Glück, sich dem Professor dar,
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Bey dem sein redlich Hertz schon längst entschuldigt war;
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Und bath, zum Uberfluß, ihm nicht die Schuld zu geben.
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»wie konnt ich, sprach Corvin, der Menge wiederstreben!
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Ein hämischer Student stößt, schiebt und drängt mich fort,
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Mit nie gefühlter Krafft und ohn ein eintzig Wort.
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Der Nachschub ließ mich nicht zum Wiederstande kommen.
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Die Pressung hatte mir den Athem gleich benommen;
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Doch spitzt ich noch den Mund, allein er pfiff nicht sehr;
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Zum scharren traf mein Fuß den Boden auch nicht mehr?
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Mein Hertz war würcklich groß, jedoch in dem Gedränge,
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Ward sein Behältniß nur in meiner Brust zu enge.
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Kaum weiß ich: wie ich noch hieher gekommen bin.
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Centaurischer Student! verdammte Reuberin!«
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Zum Zeichen, seine Treu und seinen Muth zu preisen,
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Wollt er Victorien die blauen Flecken weisen.
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Der rechte Hemden-Knopff war auch schon aufgemacht;
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Doch was Corvin dießmahl für Eifer nicht bedacht,
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Vermied Victoria. Den dürren Arm zu sehen,
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Ließ hier die Gegenwart des Witzes nicht geschehen.
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Sie sprach Corvinen zu und lobte seinen Muth,
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Und da die That gefehlt, hieß sie den Willen gut.
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Ihr stimmte Gottsched bey, die danckten seiner Treu,
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Und also blieb Corvin ein Freund der ersten Reihe.
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Doch der Professor sprach: Ihr Freunde setzet euch.
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»ist nicht, den Schweitzern
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Ein Alpenriese schimpfft, in Sachsen wirds bekräfftigt,
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Da unser Ebenbild den Schauplatz selbst beschäfftigt?
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O Phöbus bist auch du zu meiner Rache faul?
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Wo nicht so zeig es uns: Spann einen Feuergaul
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Zu meinem Besten aus, damit auf diesem Pferde,
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Der Alpen Polyphem von mir bestritten werde.
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Ist Bodmer erst bekämpfft, so fällt der Neuberin,
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Die Blindheit, die sie schlägt, auch von den Augen hin.
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Jedoch wen ruf ich an? den, der mich recht erhörte,
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Mein Bitten selbst verwarf, die Lästrung nicht verwehrte?
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Ihr Freunde höret mich: Ich bin des Eifers satt,
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Der für Germanien bisher gefochten hat.
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Der Undanck ist zu groß, folgt mir geliebte Brüder!
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Hiermit leg ich das Amt des deutschen Barden nieder.
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Dem Schicksal Griechenlands, der finstern Barbarey,
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Geb ich ins künfftige dieß Land gelassen frey.
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Der deutschen Klugheit mag den Franzen zinßbar bleiben!
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Mein Landsmann möge selbst nicht orthographisch schreiben!
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Man treff ein fremdes Wort in deutschen Schrifften an!
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Genug, ihr alle wißt, was ich umsonst gethan.
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Verstocktes Vaterland! behalt die Lorber-Crone!
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Mein Hertz befriedigt sich mit einem bessern Lohne:
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Daß ihr mein Witz und Saltz gewiß die Wage hält.«
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Hier nahm er seinen Kiel, und stampft ihn dreymahl nieder,
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Und schwur dreymahl dabey, er schriebe nun nichts wieder.
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Der gute Vorsatz war den Deutschen vortheilhafft,
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Allein für Schwaben nicht; de schrieh aus alle Krafft:
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»umsonst bemühst du dich, die Feder wegzulegen!
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Laß dich doch, mein Patron, durch Schwabens Bitte regen:
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Kan Deutschland wohl dafür, daß sich ein Weib vergeht?
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Vergieb, mein Philosoph, noch grösserer Poet!
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Dein Zorn ist übereilt; Wie? wilst du nicht mehr schreiben?
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Bedencke, wo soll ich, wo deine Freunde bleiben?
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Wer nimmt sich meines Ruhms in seinen Schrifften an?
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Hat Deutschland auch gefehlt, was hab ich dir gethan?
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Jedoch die Ehrfurcht soll von meinem Nutzen schweigen,
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Darf dir nur meine Hand den treuen Breitkopf zeigen.
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Wünscht deine Freundschafft dem die Drucker-Pressen leer,
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So halt den harten Schwur, so dicht und schreib nicht mehr.
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Kein Hirte, wenn ihn auch ein frecher Wolff gebissen,
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Hat seinen Schäfer-Stock erzörnet weggeschmissen.
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Schmertzt ihn die Wunde gleich, giebt er, aus Ungeduld,
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Der Fluhr, die Wölffe nährt, doch nicht hiervon die Schuld.
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Die Heerd ist ihm zu lieb, sein Amt hierum zu hassen,
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Und, wegen eines Wolffs, sie vielen frey zu lassen.
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O Gottsched! dencke nach! Vergeht sich hier mein Mund,
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So that der deine mir das größte Schrecken kund.
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Laß deine Großmuth doch nicht allzufrüh verschwinden,
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Es sind noch Mittel da, der Frau das Maul zu binden.
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Jedoch mein Rath greifft nicht der klugen Kulmus vor,
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Die niemals Hertz und Geist in der Gefahr verlohr.
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Soll, sprach Victoria, ich kurtz die Meynung sagen,
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So ist mein Rath, die Frau gerichtlich zu verklagen.
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Vor des Professors Kiel ist sie noch viel zu klein,
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Die That muß bürgerlich an ihr gezüchtigt seyn.
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Man übergebe sie den edlen Stadt-Gerichten,
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Durch ein geschärfft Verboth den Anschlag zu vernichten,
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Womit der Nachmittag auf morgen uns bedroht.«
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Doch Gottsched ward so gleich bey diesem Schlusse roth;
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Er schüttelte den Kopff, und gab ihr zu verstehen:
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Ein kluger müßte sich nicht allzustarck vergehen;
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So stritten Dichter nicht. »Denn sprach er: thut mein Mund,
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Daß ich getroffen bin, vor dem Gerichte kund,
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So hat die Neuberin nichts strafbares gesaget;
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So hab ich selber mich, und nicht die Frau, verklaget.
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Was, Schwabe, meynest du? Endeck uns deinen Rath.«
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Er folgt, indem er es mit diesen Worten that.
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»besinnt sich Gottsched nicht auf seine Zauber-Thöne?
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Apoll ist uns geneigt; nur wir sind seine Söhne.
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Ruf ihm poetisch zu, und sing ein starckes Lied,
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Daß ihn vom Helicon in dieses Zimmer zieht.
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Hier kanst du, im Vertraun, mit diesem Gotte sprechen;
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Der wird der Neuberin den Vorsatz unterbrechen.«
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Der Rathschlag machte gleich den Dichter wieder froh,
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»mein Schwabe! rief er aus, Sohn!
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Geseegnet sey der Tag, da du zu mir gekommen!
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Geseegnet meine Wahl, die dich in Schutz genommen!
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Ihr Freunde bleibt und schweigt, sprecht nicht ein lautes Wort;
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Zur Hyppokrene fliegt anietzt mein Seuffzer fort.«
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Hier fieng der Dichter an, den Gott herab zu bethen.
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Er zog das Fenster auf, vor das er hingetreten.
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So zuversichtlich hat noch kein Poet geträumt;
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Und Gottsched noch niemals so wunderschnell gereimt;
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Und Pimpla selbst noch nie sich schäumender ergossen,
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Als ihm ietzt Sylb und Vers aus seinen Lippen flossen.
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Jedoch, bestürtzter Mann, was für ein Ungemach!
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Kein Phöbus, kein Apoll zieht deinen Versen nach.
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Wer weiß! vielleicht hält ihn ein Liebes-Werck zurücke?
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Ein leerer Trost vor dich auf wenig Augenblicke!
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Du schmeichelst dir umsonst, er kennt und hört dich nicht.
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Dein Hertz ist unverschämt, wenn sichs so viel verspricht.
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Ich halt es für dein Glück, daß Phöbus dich nicht kennet,
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Der ist dein Freund, der dir nicht die Erhöhung gönnet.
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Mich wunderts ungemein, daß dir, belesner Mann,
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Kein Beyspiel alter Zeit die Augen öffnen kan.
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Läßt dich Ovidius, wohl ohne zittern, lesen,
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Wie streng Apoll einmal dem Marsias gewesen?
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Doch Gottsched hielt sein Glück für kleiner, als es war,
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»wie? sprach er, Phöbus macht sich noch nicht offenbahr?
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Und mir, der ich ihn doch in Deutschlands Tempel ehre,
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Wo ich bey dem Altar den Fliegen Franckreichs wehre?
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Mir, der ich mich für ihn zum Märtyrer gemacht?
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Mir, der ich ihn so offt in meinen Vers gebracht?
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Viel ists, daß mich nicht längst sein taubes Ohr bewogen,
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Daß ich mich gantz und gar von Deutschland abgezogen.«
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Hier stützt er sich das Haupt mit seiner rechten Hand,
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Und seuffzte noch einmahl: Bethörtes Vaterland!
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Victorie sucht ihm noch klug zu wiederstreben,
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Und Schwabe schämte sich, daß er den Rath gegeben;
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Corvin rief aber laut. »Mir fällt noch etwas ein,
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Ich wett, Apoll wird bald in diesem Zimmer seyn.
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Gebt mir Befehl, den Gott juristisch zu citiren;
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Der stoltze soll die Krafft von einer Sprache spühren,
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Wodurch der Advocat Asträen selber rührt,
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Daß sie offt, übertäubt, so Waag als Schwerd verliehrt.
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Ist's, fragt er: mir vergönnt? Und als er ja vernommen!«
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Sprach er, der Kunst gewiß: Nun Phöbus sey willkommen!
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»was massen, fieng er an: sich wieder Gottscheds Reich
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Die Neuberin empört, daß hat Apollo gleich,
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Als aller Dichter Gott, mit mehrerm zu ersehen;
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Wann aber dieses soll vor morgen noch geschehen,
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Mithin noch diese Nacht hierzu beraumet ist:
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Als wollen wir, daß du, Apoll, nicht zaudernd bist,
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Zu rechter früher Zeit vom Helicon zu steigen,
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Um Klägern in Person ein Mittel anzuzeigen,
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Daß ihm, doch itzt nicht mehr durch gütlichen Vergleich,
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Beklagte weichen muß. Dieß fordert Gottscheds Reich.«
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Die Lichter löschten aus. Es bebete das Zimmer,
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Und durch die Fenster drang ein ungewohnter Schimmer.
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Den nie erblickten Gott sah Gottsched offenbahr,
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Der aus dem Pomey schloß, daß es Apollo war.
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Vor solchem kniete der Dichter zitternd nieder,
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Die Kulmus neben ihm. Was er sprach, sag ich wieder:
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»ich, grosser Musen-Printz, ein Dichter von Natur,
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Betrat von Jugend auf berühmter Männer Spuhr.
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Ich, der ich allemahl den Musen treu gewesen,
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Mehr Bücher schreiben kan, als ich kaum durch gelesen.
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Ich, der den Skaliger,
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Horatz, Longin, Bossu, Despreaux, Evremond.
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Corneille, Dacier, Perrault, Furretiere,
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Schwift, Aristoteles, Steel, Adison, Voltaire,
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Mit größter Lust durchsucht; die Welschen übersetzt;
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Die Frantzen offt verdeutscht, und Deutschland werthgeschätzt,
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Es von dem Scytischen durch meinen Witz zu läutern;
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Der Sprache Horizont durch die Critic zu heitern;
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Ich, der in Sachsen nicht der allerletzte blieb,
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Der eine Rede-Kunst und eine Dicht-Kunst schrieb,
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Empfange nun den Lohn für Eifer und Bemühen,
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Daß Weiber emsig sind, mich beissend durchzuziehen.
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Du weist, Apoll, wie sich die Neuberin vergieng;
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Du weist, warum sie sich an meine Feinde hieng.
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Ihr Vorspiel stach mich an und hilffst du mir nicht sorgen,
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So hört sie noch nicht auf und wiederholt es morgen.
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Was that ich nicht an ihr?
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Sie mahlt mein Ebenbild, und macht es lächerlich.
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O Phöbus! thue doch an dieser Frau ein Zeichen!
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Laß die Gedächtnis-Kunst auf einmahl von ihr weichen!
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Lähm ihr die Zunge fest, damit sie mit Verdruß,
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Vergeßlich und verstummt, den Vorsatz ändern muß.«
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Hier hörte Gottsched auf. Des Phöbus Götter-Stimme
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Erklärte folgendes aus gantz gerechtem Grimme:
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»so sehr schrenckt nicht Apoll der Bühnen Freyheit ein.
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Wer sich getroffen sind,
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Dein Lied drang, wie dein Ruhm, niemals zu meinen Höhen.
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Der Zephyr ist bestellt, die Thöne zu verwehen,
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Die mir ein kleiner Geist verwegen zugeschickt.
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Wenn sich ein Satyr auch nach einem Steine bückt,
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Den aufgeblehten Schwarm der Reimer zu zerstreuen,
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So ists ein Spiel, wobey sich meine Musen freuen.
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Verdien erst meinen Schutz, sonst schreih mich nicht mehr an:
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Den Göttern wird ein Schimpf umsonst nicht angethan.
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Und wirst du noch einmahl mich zur Erscheinung zwingen,
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So komm ich, doch gewiß, die Strafe mitzubringen,
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So räch ich mich an dir und auch dein Vaterland.«
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Hier wich der Glantz zurück, der Musen-Gott verschwand,
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Und Gottsched blieb bestürtzt mit seiner Freundin knien,
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Bis Schwab und auch Corvin sehr laut nach Lichtern schriehen.