Die Rollen wurden noch vor Abend ausgetheilt

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Johann Christoph Rost: Die Rollen wurden noch vor Abend ausgetheilt Titel entspricht 1. Vers(1741)

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Die Rollen wurden noch vor Abend ausgetheilt.
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Und zu der Anstalt nicht ein Augenblick verweilt.
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Der gute Suppig bath, aus hertzlich-treuer Rache:
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Erlaube, daß ich selbst hierbey den Tadler mache.
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Jedoch, die Freude muß ihm dieses mahl vergehn:
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Er soll, als die Vernunfft, der Kunst zur Seite stehn.
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Die war die Neuberin. Was er sich ausgebethen,
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Erhielt Fabricius, als Tadler aufzutreten.
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Die andern wählte sie, aus Einsicht, durch das Looß,
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Denn um die Rollen war das Drängen gar zu groß.
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Ein jeder lernete, das, was er reden wolte,
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Als ob die Ewigkeit ihn überhören solte;
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Die Probe konnte selbst schon sehenswürdig seyn,
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Denn in derselben schlich auch nicht ein Fehler ein.
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So muthig kan kein Stier das Horn zum Kampfe wetzen,
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Kein Löwe, den man will mit einem Tyger hetzen,
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Spaziert so tapffer-stoltz, bevor der starcke Feind,
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Des Löwen-Kampfes werth, zum Widerstand erscheint.
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Weit grösser war der Muth, der in den Helden brannte,
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Die hier die Neuberin zu diesem Werck ernannte.
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So gar Fabricius, des Tadlers Ebenbild,
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War selbst mit Rach und Wunsch, ihm gleich zu seyn, erfüllt.
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An allen Ecken ward das Vorspiel angeschlagen;
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Auch muste noch dabey der Zettelträger sagen:
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Es wär ein neues Stück. Die List der Neuberin,
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Schickt ihn zum Feinde selbst mit einem Zettel hin;
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Der ward ihm gleich, von wem? Von Schwaben vorgelesen;
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Ist Ganymed wohl ie weit von dem Zevs gewesen?
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Des Vorspiels Neuigkeit, die er mit Furcht erblickt,
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Der Zettel, den sie ihm so listig zugeschickt;
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Und der Gewissens-Wurm begangner Frevelthaten,
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Dieß ließ ihn schon voraus auf ihre Rache rathen.
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»er fragte Zweifels voll: Victoria, wie nun?
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Ich weiß nicht was mir ahndt; was räthst du mir zu thun?
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Die Klugheit fordert zwar, dieß Vorspiel anzuschauen;
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Doch, trifft der Inhalt mich; Wer darf dem Pöbel trauen?
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Nein, nein, ich bleibe hier. Sie ist des Ruhms nicht werth,
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Daß Gottscheds Gegenwart den Schauplatz noch verklärt.
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Allein Victoria fieng hönisch an zu lachen.
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Kan, sprach sie, dich das Weib auf einmahl furchtsam machen?
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Weißt du nicht, was man noch, zu Carpzovs
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Sein grosses Hertz wich auch den tollsten Feinden nicht.

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Was that er, als sein Hauß gesteinigt werden solte?
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Als ein Studenten-Schwarm die Fenster stürmen wolte?
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Der grosse Mann verließ, doch nicht für Furcht, sein Hauß;
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Er schlich sich, unvermerckt, zur Hinter-Thüre raus,
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Und gieng, als wüst er nichts von den Rebellen-Streichen,
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Auf diese Stürmer zu, sein Wohn-Hauß zu erreichen.
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Hier stellt er sich behertzt dem rauhen Hauffen dar,
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Als zu dem steinigen schon ausgehohlet war.
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Sein Anblick war genug, die rasenden zu schrecken,
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Und bey den schüchternen die Ehrfurcht zu erwecken.
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Die Felsen fielen gleich den Riesen aus der Hand,
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Die nach dem Huthe griff. Die Thorheit ward erkannt;
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Platz! Schriehn sie, Carpzov kömmt! Ein ieder trat zurücke.
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Und wer nennt diese That nicht Carpzovs Meister-Stücke?
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Wie? fuhr sie weiter fort, hat ein Magnificus,
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Nicht Rang genug, daß er den Pöbel fürchten muß?
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Wer seine Feinde flieht ist leicht zu überwinden.
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Nein, deine Gegenwart muß ihr die Zunge binden;
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Sie muß wenn sie dich sieht, gleich in sich selbst verirrt,
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Bedroht, gerührt, geschreckt, bestürtzt, verzagt, verwirrt,
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Beschämet und verstummt, vor dir, die Flucht ergreiffen,
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Und also Schimpf auf Schimpf und Schand auf Schande häuffen.«

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Doch dem Professor gieng diß viel zu bitter ein,
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Er wolt und wolt auch nicht dabey zu gegen seyn.
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Nein, ja, iedoch, allein, doch zwar, ich darfs nicht wagen;
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So sprach sein Zweifel noch, als es schon drey geschlagen.
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Bald rufft er den Pedell,
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Bis endlich ein wohlan! aus seinen Lippen fuhr.
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»wohlan! entschloß er sich, ich will der Frau nicht weichen;
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Ich muß doch meinen Zweck ihr noch zum Trotz erreichen.
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Geht hohlt Corvinen her! Gleich klopft jemand. Herein!
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Ach, redlicher Corvin, erwünscht stellst du dich ein!
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Ein Vorspiel drohet mir, und sucht mich zu bestreiten.
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Ich muß zugegen seyn. Dein Fuß soll mich begleiten.
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Bist du noch, wie zuvor, ein Feind der Neuberin,
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So stelle dich, o Freund, zu den Studenten hin!
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Und suchet mich das Weib zu lächerlich zu machen,
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So mußt du mit Gewalt vor Gottscheds Ehre wachen.
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Ermanne deinen Muth, pfeif, fang zu scharren an.
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Dem ersten hat es offt der zweyte nach gethan.
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Und stimmt der dritte bey, so folgt der gantze Hauffen;
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So muß die Frau beschimpft von ihrer Bühne lauffen.«
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Der eyfrige Corvin versprach noch mehr als dieß,
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Und unsrer Heldin Schimpf war schon bey ihm gewiß.
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Sein Fechter-Schritt verrieth, durch drohende Gebehrden,
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Die Lust, im Alter noch ein Renomist zu werden.

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Die vierte Stunde schlug, die rechte Schauspiels-Zeit.
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Gottsched, Victoria, und Schwabe war bereit,
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Corvin voraus geschickt, auf den Studenten-Plätzen,
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Den Posten seines Amts, bey zeiten zu besetzen.
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Drey Sänfften warteten, an Gottscheds Thüre schon,
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Der that die Bitte noch an Phöbus Tochter-Sohn:
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»apoll, und ihr von mir offt angeruffte Schwestern,
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Laßt eurem Orpheus nicht von der Bachantin lästern.
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Gebt, da mein Fuß, um euch, den Fechter-Platz betrit,
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Mir eure Majestät zu der Begleitung mit.«
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So ward der schwehre Weg nun endlich angetreten;
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Doch dem Verhängniß kan kein Mensch entgegen bethen.

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Der Schauplatz wimmelte, die Logen waren voll,
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Und eine blieb nur leer, die Gottsched haben soll.
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Und hierum war auch noch die Neuberin zu loben,
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Weil sie den besten Platz dem Dichter aufgehoben.
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Von seiner Ankunfft war ihr gleich die Post gebracht,
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Und zur Eröffnung auch die Anstalt schon gemacht.
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Der Vorhang zog sich auf, das Spiel ward angefangen.
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O Gottsched wärest du dießmahl nicht hingegangen!
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Kaum trat die Neuberin als Schauspiel-Kunst hervor,
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So hob ihr Auge sich schon siegreich-stoltz empor;
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Als wenn es noch vorher dem Feinde rathen wolte,
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Daß er durch schnelle Flucht die Rettung suchen solte.
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Doch den Professor ließ die Schickung nicht entfliehn,
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Ehrgeitz, Victoria und Schwabe hielten ihn.
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Er dacht, es würde sie sein Ansehn noch bezwingen,
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Wo nicht, so müste doch der Streich Corvins gelingen.
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Umsonst, der Anschlag fehlt. Der Tadler zeigte sich,
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Daß Gottsched bey sich selbst bekannte: das bin ich;
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Er sah sich horchend um, und wo ein Mund sich rührte,
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Da dünckt ihn, daß man auch von ihm Gespräche führte.
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Sein Ansehn wagte noch das letzte Meister-Stück;
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Sein Auge waffnete noch einen grossen Blick;
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Kurtz ein verzognes Bild von den vier Facultäten,
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War ietzo das Gesicht des grimmigen Poeten.
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Sinckt nicht hierbey der Muth dem frechsten Feinde hin?
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Vielleicht dem
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Die Rache war gerecht, drum muste sie geschehen;
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Sie wünschte weiter nichts als ihn bestürtzt zu sehen.
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Sein sträfliches Gesicht macht ihr auch offenbahr,
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Daß ihr des Tadlers Bild erwünscht gelungen war.
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Ihr Feind war schon besiegt, jedoch zum triumphiren,
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Wolt ihr das Glück den Sieg mit mehr bezwungnen zieren.

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Das Vorspiel war fast halb, als Gottsched durch den Stab,
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Dem laurenden Corvin, aus Angst, das Zeichen gab.
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Dem ward schon in der That um den Professor bange,
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Und zu der Krieges-List währt ihm die Zeit zu lange.
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Kaum sah er Gottscheds Winck, so scharrte schon sein Fuß;
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So pfiff auch schon sein Mund. Es sprach Fabricius;
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Doch blieb er ungestöhrt und rieth nicht auf Corvinen:
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Der trunckne Fischer
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Allein die Neuberin errieth die Arglist gleich,
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Doch sie erwartete mit Großmuth diesen Streich.
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Sie fieng zu reden an; Man pfiff und scharrte wieder,
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Und dieses mahl bekam Corvin zwey treue Brüder,
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Die lermten mit. Nie kräht der Hünermann allein;
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Man hört, wo Hähne sind, auch gleich mehr Hähne schreyhn.
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Die Neuberin schwieg still; Ihr Auge schien zu fragen:
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Hat niemand Hertz genug, den Lärm zu untersagen?
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Ein Schauspiels-Patriot, ein ältlicher Student,
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Der sich bereits, vorlängst, die Hörner abgerennt:
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Jedoch entschlossen war, das freye Purschen-Leben,
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Erst durch den Todt einmahl gezwungen aufzugeben;
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Der jederzeit Geschmack an dieser Bühne fand,
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Und ihr auch, Tag vor Tag, vier Groschen zugewandt,
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Rief überlaut: Seyd still! und warnete Corvinen,
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Zuerst bescheidentlich mit Worten und mit Minen;
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Allein umsonst, Corvin nahm keine Warnung an;
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Er lärmte fort, weils ihm noch dreye nachgethan,
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Und that sein tapffers Amt zu dem er sich verschwohren.
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Doch dem Studenten gieng hier die Gedult verlohren:
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Und, da der größte Theil auf seiner Seite war,
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Riß er die Neuberin behertzt aus der Gefahr.
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Er drang mit andern durch biß zu dem tollen Hauffen.
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Im Geiste war Corvin zwar schon davon gelauffen;
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Jedoch, aus Angst und Eyl, ließ er den Cörper da,
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Drum kam Gedräng und Stoß ihm unvermuthet nah.
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Er stämmte sich und rieff: Mein Herr, was soll dieß heissen?
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Will man die Kleider gar uns von dem Leibe reissen?
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Er dacht auch in der That anietzt mehr an sein Kleid,
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Als an sein vorig Amt und Gottscheds Sicherheit.
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Doch, statt der Antwort, ward ihm noch ein Stoß gegeben,
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Und er fing würcklich an schon in der Lufft zu schweben.
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Hier galt kein Wiederstand, noch weniger ein Wort,
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Man drängte den Corvin, nebst seinem Häufgen, fort;
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Und ließ nicht eher nach, bis diese sechs Barbaren,
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Die sich zu tief gewagt, mit Schimpf verjaget waren.
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Durch den Scharmützel ward die Ruhe hergestellt.
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Die Schönen, welchen stets der Muth am ersten fällt,
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Belachten nun den Kampf der zwey erhitzten Heere,
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Der Kunst, der Neuberin, und der Vernunfft zur Ehre.
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Nur dem Professor blieb der Helden-Muth entwandt.
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Wie Mitzler
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Als Priscian erschien, und ihn zur Rede setzte,
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Warum er sein Geboth so freventlich verletzte:
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So bleich und so bestürtzt stund der Professor da;
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Doch weit betroffener schien noch Victoria.
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Ihr gröstes Schrecken war erst bey des Vorspiels Ende:
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Da klopffte iedermann, aus Beyfall, in die Hände.
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Was solte Gottsched thun? Erzörnt nach Hause gehn?
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Die Klugheit müßt er nicht, die er doch lehrt, verstehn.
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Er zwang sich, denn sonst wars um seinen Ruhm geschehen,
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Gar, aus Verstellung, noch das Vorspiel anzusehen.
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Jedoch der Donner kömmt offt spät dem Blitze nach,
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Bey dem Beschluß erschien die Neuberin und sprach:
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Daß, da sie künfftigsmahl den Cato spielen wolte,
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Dieß Vorspiel wiederum den Anfang machen solte.
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Hier fiel der Vorhang zu, und Gottsched eilte fort,
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Bereute seinen Gang, verdammte diesen Ort,
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Und suchete nunmehr sein Zimmer zu gewinnen,
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Ein Mittel zum Verboth auf morgen auszusinnen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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