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Kaum drang der Sonnen-Glantz in Gottscheds Schlaff-Gemach,
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Als aussen Schwabe schon mit dem Bedienten sprach;
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Der kleine Patriot, des Meisters liebster Jünger,
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In deutscher Prose flinck, im reimen nicht geringer;
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Zum übersetzen schnell, zum tadeln aufgelegt;
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In dem Philippis-Geist sich noch heroisch regt.
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Kein muthiger Pigmä ist Schwaben zu vergleichen,
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Wenn für der Waffen Blitz die Kranche schüchtern weichen;
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Er gieng weit kecker noch im Zimmer auf und ab,
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Eh der Professor kam und ihm Gehöre gab.
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Es ruhete dißmahl sein Meister viel zu lange,
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Jedoch ein muntrer Kopff weiß nichts vom Müßiggange;
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Auch er verfertigte, bey der Gelegenheit,
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Den stoltzen Leber-Reim auf Gottscheds Schläfrigkeit:
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Die Leber ist vom Hecht und nicht von einem Hummer:
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Der Erde Phöbus wacht, der meine liegt im Schlummer.
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Er fuhr schon weiter fort, die Leber ist vom Hecht – –,
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Doch stöhrt ihn Amarant
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Ein Dichter aus der Zeit, die noch ein Wortspiel schätzte;
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Der redliche Corvin trat in das Vorgemach,
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Ihm aber folgete der Drucker Breitkopff nach.
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Was muß doch, sprach Corvin: der Herr Professor wollen?
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Und das wir dreye nur, sprach Breitkopff, wissen sollen?
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Ein ieder rieth; allein, ob es errathen war,
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War durch des Schicksahls Schluß noch keinem offenbahr.
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Doch endlich mußte sich die Ungeduld verliehren:
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Der Diener öffnete die beyden Stuben-Thüren.
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Nicht einer wollte hier der allerletzte seyn,
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Sie drangen alle drey zugleich ins Zimmer ein.
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Hier saß das grosse Paar, Victoria gelassen,
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Als könnte sie den Schimpff sich nicht zu Hertzen fassen;
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Nur Gottsched schob für Zorn die Feder-Mütze krumm,
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Er fing zu reden an, die andern blieben stumm.
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Kurtz: Er erzehlete die Neuberische Sache,
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Und fragte zum Beschluß: Ihr Freunde, welche Rache?
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Ihr Musen machet mir den Beyfall doch bekannt,
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Den seine Rede-Kunst in diesen Hertzen fand?
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Sie nahmen alle Theil an den Beleidigungen;
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Und schriehn: verwegnes Weib! dir ists noch nicht gelungen.
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Corvin erboßte sich und schrieb im Geiste schon
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Der Neuberin zum Trotz, ein Schau-Spiels-Lexicon;
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Und sie noch diese Nacht an Zotens Thorweg schlagen.
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Doch dieser Vorschlag starb, als er gebohren ward:
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Dergleichen Rache schien Victorien zu hart;
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Drum dachte Breitkopff noch den besten Rath zu geben,
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Und ruffte bürgerlich: Mein bißgen Witz soll leben!
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Man klage diese Frau bey den Gerichten an,
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Damit sie schwöhren muß, ob sies zum Schimpf gethan.
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Ein schlauer Advocat wird ihr schon Kosten machen,
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Mit Schaden wird sie klug und wer wehrt uns zu lachen?
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Allein, auch dieses war der Thorheit allzu nah;
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Und Gottsched, ob er schon des Mannes Eifer sah,
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Verwarf doch seinen Rath, und wartete was Schwabe,
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Der kleine Fabius, annoch zu rathen habe.
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Der, dessen träger Witz und langsamer Verstand
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Nie sonder grosse Müh das was er suchte fand,
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Stand auf, bückt, räuspert sich, schwieg noch beträchtlich stille;
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Doch endlich brach er loß: Dein Winck Herr ist mein Wille.
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»wer kömmt Magnifice, dir wohl an Einsicht bey?
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Doch deine Gütigkeit giebt mir ein Urtheil frey.
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Die That der Neuberin erschreckt die Biedermänner,
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Befremdet ungemein der reinen Sprache Kenner.
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Durch mich den Secretar, spricht die Gesellschafft aus:
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Verjagt die Ketzerin! Zerstöhrt ihr Schau-Spiel-Hauß!
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Selbst gantz Germanien erstaunt bey dieser Sache;
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Die deutsche Sprache schreiht nebst dem Geschmack um Rache;
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Und ausserdem so bricht der Undanck allenfalls
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Der frechen Neuberin den schon verwirckten Halß.
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Wohlan, laß deinen Kiel von ihren Fehlern schreiben;
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Dein Fluch wird gantz gewiß an dieser Frau bekleiben:
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Ein Urtheil wurtzelt ein, und gilt bey aller Welt,
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Das Breitkopff gründlich druckt und Gottsched zierlich fällt.
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Schreib! grosser Dichter, schreib! die stoltze Frau zu stürzen;
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Du hast ja Stoff genung, Satyren anzuwürtzen.
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Dein Ausspruch, dem die Welt bißher ihr Lob geglaubt,
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Besitzt allein die Macht, daß er es wieder raubt.
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Was ist ihr Glück? dein Thon; du kanst ihn förmlich drücken,
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Und wieder, wenn du wilst, in einen Klumpen rücken;
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Drum strafe, weil du kanst, erniedrige das Weib:
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Was Schwabe rathen kan, ist weiter nichts als: schreib!
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Der Rath erhielt so gleich die Stimmen aller Viere;
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Doch Gottsched fühlte sich zu trocken zur Satyre;
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Drum trug er Schwaben auf, mit Hülffe des Corvin,
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Sich für Victorien, statt seiner, zu bemühn.
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Seit dem wir, sprach der Mann, in schweren Aemtern sitzen,
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Nebst unsrer Professur, der Stadt, als Rector, nützen,
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Schreibt unser Kiel nicht mehr, so fertig als er schrieb,
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Wenn ihn ein Nahmens-Fest, und ein Geburths-Tag trieb.
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Zudem, so halten wir nicht viel vom Selbsterfinden;
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Die Kräntze, die wir uns als Uebersetzer winden,
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Sind Lorbern ohne Müh. Die Welt gedenckt an mich,
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Denn meine Schriften ziert auch noch mein Kupferstich.
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Ihr Freunde, Gottsched lebt in vielen Bücher-Bänden,
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Kan die Unsterblichkeit mir wohl ein Fall entwenden?
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Der gröste Bücher-Schatz hebt meinen Nahmen auf,
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Und also war diß Werck, für Schwabens Ruhm, beschieden?
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O nein, Victoria war nicht damit zufrieden.
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Sie fuhr gantz hitzig auf: Werd ich so schlecht geliebt,
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Daß der Professor sich auch nicht die Mühe giebt?
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Und was entschuldigt ihn? hält ihn die Furcht zurücke?
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Wie? oder fehlet es ihm etwan am Geschicke?
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»wohlan, ihm war ein Kuß zur Danckbarkeit bestimmt;
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Solls Schwabe seyn, der ihn von meinen Lippen nimmt?
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Du darffst, Victoria, nicht an die Rache dencken:
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Dein Liebster scheut sich selbst, die Neuberin zu kräncken.«
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Für Angst fiel dem Corvin, der neue Huth in Staub;
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Selbst Breitkopff zitterte, für Furcht, wie Aspenlaub;
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Und Schwabe sah verwirrt, wie seine Deutschlands-Klage,
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Die den Eugen beweint, den Helden unsrer Tage.
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Doch Gottscheds Mund gieng auf, drum fiel das Schrecken hin;
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»ich, sprach er, züchtige nun selbst die Neuberin.
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Nur Dint und Feder her! Ihr Freunde, biß auf morgen!
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Für eingefeuchtt Papier wird schon mein Breitkopff sorgen.«
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Kaum hatt er dieß gesagt, so saß er schon und schrieb,
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Und von den dreyen war nur Schwabe, welcher blieb.
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Wer Gottscheds Art nicht kennt, der muß ihn gar nicht kennen:
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Von seinem Kiel ist nie die Fruchtbarkeit zu trennen;
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Die Feder ist von ihm mechanisch abgerichtt:
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Offt schreibt sie von sich selbst, er aber dencket nicht.
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Und hieran hat sich offt die Tadelsucht gerieben,
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Doch Gottsched hat nicht Schuld; Er hat nie schlecht geschrieben.
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Was kann der Mann dafür, wenn sich sein Kiel verirrt,
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Und er, wie Phaeton, des Zügels müde wird?
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Kurtz, seine Fertigkeit, blieb jetzt auch nicht zurücke,
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Er schrieb den Bogen voll in einem Augenblicke,
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Und las ihn Schwaben vor, der darum bey ihm blieb,
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Damit er lernete, wie schnell sein Meister schrieb.
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Es war die Stachel-Schrifft prosaisch aufgesetzet;
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Recht Wortreich, was Catull an den Suffen geschätzet;
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Er gab nun öffentlich der armen Neuberinn
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Gedächtniß-Fehler schuld; Brodneid
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Sie ward so klein gemacht, als sie kaum groß gewesen,
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Und dieß bekam die Welt im schönsten Druck zu lesen.
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Selbst Breitkopff setzte sie in eigener Person,
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Und, als Verleger, nahm er auch kein Drucker-Lohn.
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So war der Neuberin ihr Unglück zubereitet;
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Ihr Zeiten merckt es euch, was Gottscheds Zorn bedeutet.