Ich, der ich sonst geglaubt, daß ich gebohren wäre

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Johann Christoph Rost: Ich, der ich sonst geglaubt, daß ich gebohren wäre Titel entspricht 1. Vers(1741)

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Ich, der ich sonst geglaubt, daß ich gebohren wäre
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Des Bachus ächter Knecht, ein Priester der Cithere,
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Voll, wie Anakreon, starck wie Ovid, zu seyn,
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Vergesse dieses mahl die Liebe, wie den Wein.
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Ein Werck, wodurch ich mich zu den Virgilen schwinge,
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Ist itzt mein Augenmerck. Es sey gewagt! Ich singe.

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Ich singe von der Frau, die um den Pleissenstrand,
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Den deutschen Harlekin
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Sich selbst bezwungen hat; die Bühne stets verbessert;
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Kunst, Beyfall und Geschmack, wie ihren Ruhm, vergrössert;
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Die Annens grossen Thron,
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Biß des Mäcenen Fall sie wieder heim geschickt.
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Jedoch ich singe nicht, ihr ganzes Lob zu singen:
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Dieß mag ihr Lebens-Lauff der Nachwelt überbringen;
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Nur eine That von ihr errett ich aus der Zeit,
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Und übergebe sie der Unvergänglichkeit;
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Den Sieg, doch nicht den Sieg geführter Liebes-Kriege;
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Ich singe dieses mahl den schönsten ihrer Siege;
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Wie sehr ihr Vorspiel-Schertz, den sie selbst ausgedacht,
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Den hochgebrüsteten Professor klein gemacht,
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Zur Lust der Leipziger, so, daß das Volck mit Hauffen,
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In Zotens Hof
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Daß der Professor gar um Phöbus Ausspruch bath,
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Den aber doch Apoll, zu Gottscheds Schrecken, that.

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Ein Strahl, o Neuberin, ein Strahl von deinem Feuer
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Durchdringe mir das Blut und schein auf meine Leyer!
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Der Vorzug deiner Kunst, der Stellung Zauberkrafft
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Sey, da ich singen will, des Ausdrucks Eigenschaft!
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Soll mir mein Helden-Lied, wie dir dein Sieg, gelingen:
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Wohlan, so wie du spielst, wünsch ich auch mir zu singen!

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Der Preuße, welcher erst die Deutschen deutsch gelehrt;
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Von welchem Leipzig nie ein falsches Wort gehört,
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Er spräche denn Latein; der Hannibal im schreiben,
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Durch dessen Nahmen wir den Franzen schrecklich bleiben;
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Der Gottsched, welchem oft, als dem Magnificus,
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Der Oberste des Raths den Vortritt lassen muß;
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Dem, Bayle,
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Zwo Seiten und noch mehr in seinem G. vergönnte,
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Der nimmt sich väterlich der deutschen Bühnen an,
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Und hats dem Hallmann
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Ja selbst Victoria, die ihn, als Gattin, küsset;
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Vier Sprachen schreibt und spricht, und wie ein Leibnitz schlüsset,
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Hat sich nebst ihm bemüht, und es so weit gebracht,
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Daß unser Schauplatz selbst die Franzen neidisch macht.
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Man giebt der Neuberin, rein-übersetzte Stücke;
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Theilt selbst die Rollen aus: lehrt Stellung, Minen, Blicke;
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Sie dancket und gehorcht, zieht doppelten Gewinn:
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Wer den Professor hört, geht auch zur Neuberin.

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Thalia, die du hast den Streit voraus gesehen,
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Was konnte, sag es mir, Victorien geschehen,
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Daß sie aus Rache schwur: Geht auch der Schauplatz ein,
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So wahr die Gomez
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Thalia, noch einmahl: Wodurch ward Gottsched hitzig?
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Er schrieh; die Neuberin wird warlich aberwitzig.
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Was hat, entdecke mirs, die gute Frau verübt?
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Auf einmahl haßt er sie mehr, als er sie geliebt.

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Der dürre Neid, der Geist de Müllerischen Bande,
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Schwur längst der Neuberin Fall, Banckerot und Schande.
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Er hatte schon den Gift dreymahl nach ihr gespritzt,
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Doch von der Schauspielkunst ward sie dreymahl beschützt.
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Jetzt schwur er noch einmahl bey seinen Schlangen-Haaren:
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»da sie der Macht entweicht, soll sie die List erfahren!«
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Die Nattern züngelten, er schärffte sich den Zahn,
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Und trat sogleich den Weg nach Gottscheds Wohnung an.
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Biß in den Hörsaal war der Neid, als Neid, gekommen;
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Allein itzt ward sein Werck mit Arglist unternommen,
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Darum verwandelte des Glückes Affter-Sohn
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Sich, vor der Stube noch, und wurde zum Baron.

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Hier saß Victoria auf ihrem Polster-Stuhle,
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Mit Ungeduld erfüllt, daß ihre Feder-Spule
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Die Uebersetzungen zu sparsam fliessen ließ,
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Und sich nach Gottscheds Wunsch nicht fix genug erwieß.
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Gleich diesen Augenblick trat der Baron ins Zimmer,
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Und für die Neuberin war dieses desto schlimmer.
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»frau! sprach er, die du selbst der Silphen Reich verdienst;
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Wie eine Sapho singst, wie eine Daphne grünst;
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Du Ubersetzerin der göttlichen Alzire,
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Ein freches Weib verletzt die wiederhohlten Schwüre;
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Alzire ward gespielt, von iedem hoch geschätzt,
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Und auf dem Zettel stund: von Stüven übersetzt.
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Heißt dieses kein Betrug, so wird kein Mensch betrogen;
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Dir? Stüven gleich gestellt?
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Ist wohl die Neuberin noch eures Schutzes werth?
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Wenn dein Gemahl mit ihr nicht dießmahl scharf verfährt;
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So wird sie künfftig gar, Victorien zu quählen,
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Die Uebersetzungen der Nieder-Sachsen wählen.«
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Hier küssete der Neid der grossen Frau die Hand;
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Ward, an der Thüre noch, zweymahl Baron genannt;
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Gieng, freute sich der List, und schickt im Augenblicke,
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Die Schwester des Betrugs, die Eifersucht, zurücke.
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Sie fand Victorien gantz anders als der Neid:
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Der Kulmus Auge sah erbittert und zerstreut;
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Mit knirschen druckte sie den kleinen Mund zusammen;
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Ihr Athem war ein Hauch, so heiß als Feuer-Flammen;
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Drum hielt die Eifersucht, eh sich der Zorn verlohr,
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Ihr das Vergrößrungs-Glaß zur rechten Stunde vor.
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Hierwieder konnte sich die Neuberin nicht schützen:
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Die wilde Göttin will Victorien erhitzen,
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Und, da die Wahrheit nicht hierzu behülflich ist,
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So greift sie zum Crystall und wählt Betrug und List;
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So hilfft die Möglichkeit, so hilfft der Schein betrügen;
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So mahlt die Eifersucht ein Bild mit falschen Zügen.
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Ihr Spiegel bildet nie die Wahrheit bloß und rein;
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Was klein ist, macht er groß, was groß ist, macht er klein.
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Drum konnt er leicht auch hier ein Blendwerck zubereiten:
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Es sah Victoria Gottscheds Magister-Zeiten;
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Bey ihm die Neuberin, weit reizender geschmückt,
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Als für ein häußlich Weib sichs sonst im Hause schickt.
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Es ging, und wer? genug, es ging iemand nach Weine;
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Mit dem Magister blieb die Neuberin alleine.
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Kurtz, durch das falsche Bild von der Magister-Zeit
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Verlohr Victorie Kraft und Gelassenheit.
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Sie öffnete den Mund, ich weiß nicht was, zu sprechen;
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Doch Schwindel, Uebelkeit und hefftig Seitenstechen,
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Erlaubten ihr noch kaum ein kläglich: Ach Herr Je – –!
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Sie sprach das Wort nur halb, und fiel aufs Cannape.
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Die Mägde liefen zu, sie klagte Seitenschmertzen;
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Die alte Köchin scherzt, als wär es Zeit zu scherzen:
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»es ist ein Schmerzen-Sohn, ja, Frau Professorin,
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Man tauf ihn wie man will, ich heiß ihn Benjamin.«
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Der schlaue Diener stund, und horchte vor der Thüre;
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Wenn, dacht er, dieß mein Herr von mir zuerst erführe:
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So würde wenigstens doch ein Ducaten mein,
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Und der Professor froh, und ich zufrieden, seyn.
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Auf dieses spitzte sich der Ausbund von den Dienern,
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Und flog mehr, als er ging, ins Kloster zun Paulinern,
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Wo der Professor saß, und gleich recht magnific,
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Dießmahl dem Syndikus kein einzig Wort verschwieg.
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Was nun der frohe Knecht durchs Schlüsselloch gesehen,
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Sagt er dem Herrn ins Ohr, ja mehr noch, als geschehen;
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Und lief, sein Herr befohls, dem er nie wiedersprach,
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Sogleich voran zurück, dießmahl ihm Gottsched nach.
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Der weit gespaltne Herr erreichte bald das Zimmer;
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Er sah Victorien, sie ihn, die Noth ward schlimmer.
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Wie? half der Anblick nicht, daß sie den Schmertz vergaß?
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O nein! sie dachte noch an das Vergrößrungs-Glaß.
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Was war sein erstes Wort? geduldig, meine Schöne!
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»so leicht gebährt man nicht gelehrter Männer Söhne:
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Es schmerzete das Haupt den Zevs drey Monden lang,
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Bevor Tritonia aus seiner Stirne sprang.«
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Hierauf gab er Befehl, mehr Frauen her zu holen.
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Nein! schrieh Victoria, viel lieber anbefohlen,
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Daß dieser Mägdeschwarm aus meinem Zimmer eilt,
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Weil sonst mein Mund mit dir nicht sein Geheimniß theilt.
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Die Mägde gingen fort, das Zimmer ward verschlossen,
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Doch aussen stunden sie und horcheten zum Possen.
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»geliebter!« sprach nunmehr die kluge Gottschedin,
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»wofern ich deiner Gunst nicht werth gewesen bin,
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Was nanntst du mich
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Ein seltnes Meisterstück von Witz, Verstand und Tugend?
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Der Künste Sammel-Platz, dein Leben und dein Licht?
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Warum besannst du dich noch in Sechs Jahren nicht?
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Und warum gönntest du mich nicht dem Weichselstrande?
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Hier leb ich mir zur Last und deinem Ruhm zur Schande:
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Die stoltze Neuberin hat mich und dich verletzt;
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Hat mich, o Frevelthat! noch Stüven nachgesetzt.
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Da wir Alziren gar zur Niedersachsin machen.
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Ich habe selbst dieß Spiel ins reinste deutsch gebracht,
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Der neunmahl klugen ists dennoch nicht recht gemacht.
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Du ausverschämtes Weib! du wirst mich schreiben lehren;
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Könnt ihr, dein Vers und du, wohl unsrer Huld entbehren?
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Wir sprachen; werde groß! durch uns, durch uns allein,
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Erhob sich deine Kunst: Nun werd auch wieder klein!
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Giebt uns nur Schönemann
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So können wir auch ihn in unsern Schrifften loben.
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Geliebter! hat dein Hertz mich mit Bedacht erwählt;
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Hat halb Germanien
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Gabst du, mit Recht, dir Müh, die Kulmus zu gewinnen;
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Beschimpft mein Nahme nicht dich und die Tadlerinnen;
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So zeige, daß auch ich dir purpurheilig bin,
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Und straf und züchtige die wilde Neuberin.
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Allein, erlaubst du ihr Victorien zu kräncken:
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Was meinst du, daß ich soll von deiner Sanftmuth dencken?«
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So hertzhafft, als kaum je die kluge Porzia,
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Den Brutus angeredt, sprach hier Victoria.
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Ein schöner Mund wirckt mehr als eine Götter-Stimme;
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Ein Auge, das gefällt, reitzt auch bey seinem Grimme;
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Mit Bitten herrscht die Frau und mit Befehl der Mann;
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Die eine, wenn sie will, der andre, wenn er kan.
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Auch Gottsched muste sich, als Ehmann, hier bequehmen,
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Victoriens Parthey, aus Zärtlichkeit, zu nehmen.
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Sie zörnt, er wütet schon; sie droht, er bläst zur Schlacht;
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Zählt an den Fingern her, wie viel er klein gemacht;
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Fängt vom Picander an, der Schweitzer unvergessen,
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Bis auf den
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Kurtz, wie Terentzens Held, zu seinem Gnatho spricht,
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Sprach er; jedoch vielleicht gleicht Thraso ihm noch nicht.
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Vor allen Dingen wird dem Diener anbefohlen,
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Drey Freunde, die man nennt, den Abend noch zu hohlen.
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Er läufft, der eine liegt an der Cholick zu Bett;
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Ein andrer sitzt
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In seiner Monaths-Schrifft, in den Belustigungen;
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Der dritte kömmt
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Doch die Gesellschafft ist vor dieses mahl zu klein,
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Drum ladet man auch ihn auf morgen wieder ein.
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Der Abend und die Nacht verstrichen wie die Stunden,
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Die der Egerie mit dem Pompil verschwunden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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