Tempel deß Friedens

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Johann Klaj: Tempel deß Friedens (1636)

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Hier/ wo der Mannheit Blüt die Mannheit schärfer wetzet/
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die Kriegeszeiten nützt/ in Kriegeszeit ergetzet/
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wann sich ein Bissen Bley durch eine Röhre reisst/
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der Scheiben Mittelschwartz/ deß Zielers Ziel/ durchschmeisst/
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das mit Danck wird bedanckt. Hat Ferdinand zum Eigen
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dem Frieden aufgebaut ein Haus von grünen Zweigen/
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ein Haus/ ein Kirchenhaus/
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so lange man die Welt der Menschen Wohnhaus heist.
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Als Alexander ward ans Tageliecht geboren/
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ward bey Stockfinstrer Nacht durch liechte Brunst verloren
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Dianen Wunderkirch;
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Diana mach dich heim/ dein Brand die Wolcken leckt.
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Deß Dritten Ferdinands Geburtstag jüngst erwachte/
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der den mit Immergrün Irenensdach bedachte/
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ihr Priester eingesetzt/ ihr Feyer angestelt/
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ihr heilig heissen seyn das schöne Wunderzelt.
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Deß Friedens Tempelhaus die hochgewachsnen Bircken
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gegipfelt/ Blätter voll/ ablänglich-rund ümzircken/
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ein grünbelaubtes Haus/
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ein Zimmer ohne Dach und dennoch Regenfrey/
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gewölbt und nicht gewölbt. Dergleichen kaum zu finden/
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ein Wohnhaus ohne Wand und gleichwol frey von Winden/
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kein Maurer hat hier was/ kein Zimmermann gemacht/
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man hat nicht Marmorstein/ noch Gips noch Kalck gebracht.
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Es wird der innre Plan nach Hertzenslust beschattet/
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der Hitze wird gewehrt/ das Sonnenliecht gestattet/
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Gebüsche sind die Wand/ Gebüsche sind das Dach/
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Gebüsche sind der Gang/ Gebüsche das Gemach.
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Von aussen leben noch die längstverlebten Käiser/
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die/ derer Haubt ümlaubt das Laub der Lorbeerreiser/
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mit Turnwerck untermengt/ das Memphis nicht vergaß/
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das überstiegen hat der Sonnen Schattenmaß.
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Die Seulen sind begrünt; die Wegescheider Götter
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die tragen frühes Obst und bunte Blumen-Blätter
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in Körben auf dem Haubt/ in Körben/ die gemahlt
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mit Silber/ das da gleich dem Silberliljen stralt.
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Der Fenster Scheibenglas ist Gartenzier Gepränge/
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auß welchem Flora selbst gewunden Blumgehänge/
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mit Goldflor untermengt/ durch dieser Farben bricht/
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nach aller Lust gefärbt/ das schöne Tageliecht.
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Dein Friedenstempel Rom
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hat den Vespasian und dich so hoch erhaben/
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daß alle Welt zulieff; Hier/ dieser ist ihm gleich/
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es eilet auf ihn zu das heilge Römerreich.
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Die Thore sind bekräntzt/ auf deren obern Schwellen
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Gerechtigkeit und Fried im Friede sich gesellen/
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mit dieser Vberschrifft: Es reisse dieses Band
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ja nicht/ so wohnet Recht und Fried im Teutschenland.
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Das Band/ mit welchem sich drey Kronen vest verknüpfet/
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ob dem der Himmel lacht/ der Menschen Wohnhaus hüpfet/
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drey Fahnen fliegen hier/
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der Löwe schiedlich ruht/ die Lilje niedlich reucht.
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Deß Tichters reiner Reim/ deß Mahlers sein Gemähle/
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die leuchten durch die Gäng der zweiggeflochtnen Säle;
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Was keine Stärcke thut/ das thut bedächtig gehn/
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drüm müssen Spieß und Schwert im Schmiedefeuer stehn
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und nimmer seyn ergäntzt. Der zweygevierdten Stände/
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der Fürsten von der Chur/ ziert dieses Friedgebände
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mit ihrem Fahnenflug.
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hin in die dünne Lufft/ der Schwert und Zepter bringt.
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Der Adler/ der da lebt/
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verheisset sichre Ruh mit freuden-frohem Klingen/
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empört sein kühnes Haubt/ den Schnabel friedlich schrenckt/
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zeucht seine Klauen ein/ sich zu den Ständen lenckt:

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Ihr von dem teutschen Samen/
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ihr von dem teutschen Namen:
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Ihr wist/ daß Zwitracht außgesäet
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ein Kraut/ darvon wir Krieg gemehet/
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mit Leichen überstreut die Hügel/
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daß sich gesättigt das Geflügel.
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Sie Sonne die hat müssen kochen/
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an Statt der Früchte/ Todenknochen.
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Die Bäche sind mit Blut gefärbet/
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mit Blut/ das Thier und Menschen sterbet.
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Du Teutschland in dich selbst erherbet
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hast dich/ in dich/ durch dich verderbet
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durch Krieg/ den du selbst hast gezeuget/
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an deiner eignen Brust gesäuget/
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an deinem Brod und Tisch geetzet
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und dich in solche Noht gesetzet.

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Es ist genug gekriegt/ was eigenes Vermessen
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bishero mißgethan/ auf ewig sey vergessen/
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der Schade werde heil! Ich/ euer Oberhaubt/
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deß Haübt mit Lorbeerlaub der Käiser Laub ümlaubt/
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ruff heute Frieden auß. Vnfriede sich verziehe/
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gesunde Friedensblüh zu Meer und Lande blühe;
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Städt/ Häuser/ Dörfer/ Feld/ Lufft/ Tufft/ Grufft/ Wild und Wald
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sey voller Friedensfreud und Friedensauffenthalt.

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Der Francken Hertz und Haubt/ die Lilje zarter Jugend/
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die Lilje/ die gedritt/
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Glaub/ Eintracht/ rechtes Recht. Wohnt Recht in einem Land/
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da hat der weisse Glaub und Eintracht Oberhand.
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Du schöner Liljenprintz/ du bist vom Blut entsprossen
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deß frommen Ludewigs; die Milch/ die du genossen/
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die deutet auf den Fried; Blut auf Hertzhafftigkeit/
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das beydes dich erhebt auf aller Zeiten Zeit;
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Doch hegest du mehr Milch/ weil du den Frieden hegest/
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und deine Waffenmacht in Nürnberg niderlegest/
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nechst zu dem Adler hin/ der heisset Friede seyn/
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und du bist auch vergnügt und gibst dein Jawort
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Durch Frieden wird dein Reich der Liljen schöner blühen/
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weil sich der Blumenfeind/ der Kriegssturm/ muß verziehen
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in eine frembde Welt. Deß Löwens schönes Kind
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sich auch zur Friedenkirch mit sanfftem Gange findt/
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siht nicht erboset üm/ ob etwas sey zu jagen/
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an das es sich mit Macht und Beute möchte wagen/
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als wie es sonst gewohnt. Nein/ es schwimmt durch den Belt
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hin in sein Vatterland/ in seine Nordenwelt.
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Drey Kronen sind nun eins/ die Garben bringen Friede/
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drüm rufft man Fried für Krieg/ deß alten Grames müde;
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Die Fürsten von der Chur/ das gantze Römerreich
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das jauchtzet Wunderfroh ob diesem Friedsvergleich.
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Man sah kein Wölcklein nicht an dem gewölbten Bogen/
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es war das Himmelblau mit Goldflor überzogen
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deß Tages durch und durch. Der Mond/ die Sonn der Nacht/
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auf einen schönen Tag ein schönes Nachtliecht bracht.
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Amalfis Printz fahr fort/ es warten dein die Flüsse/
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die Dörfer tantzen dir/ verwechseln Küß üm Küsse/
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fahr fort Amalfis Printz/ die Felder freuen sich/
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der Friede wartet selbst/ du Frieden-Printz auf dich.
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Fahr auß/ du Fluß/ du Dorf- du Feld- du Frieds-Verlangen
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sonst kommen Flüß-Dorf/ Feld/ Fried in dein Haus gegangen!
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Jetzt kömmt der werthe Printz/ der/ dem die Götter hold/
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siht prangen über sich der Erden Blumen Gold/
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die Blumen über ihn deß Tages wachend lachen/
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deß Himmels Blumenwerck/ die Sternen/ nächtlich wachen
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ob dessen Ruhezelt. Die Stadt gleicht einem Wald/
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die laute Trompte tönt/ der Rosse Hufschuch knalt.
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Er fähret auf den Platz/ der Fried heist ihn willkommen
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und der/ der Friede liebt/ wird friedlich eingenommen
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in dieses Friedenzelt. Nun Klio werde wach/
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schick über Zembla weg der Sorgen Vngemach.
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Der Vatter Pegnitz läufft/ wie naß auch seine Füsse/
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auf den beschifften Meyn/ geust stärcker Wassergüsse
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mit völlern Eimern auß; lauscht in der nassen Fahrt
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und strelt mit feuchter Hand den nassen Glasebart.
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Deß Schedels Locken sind mit Sand und Wust bemöset/
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die Schultern vom Gesträuch gantz pfützennaß beflöset/
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deß Kienes Riedgraß tropft; es ruhen Hand und Fuß
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auf einem Kieselkrug/ drauß sich der schlancke Fluß
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ergeusset Vferab; die Hände sind mit Linsen/
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mit Blumen von der See/ mit Schilferhabnen Binsen
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bewachsen üm und üm; Als der die Freud vernimmt/
144
mit Pindars-Melodey zum Friedenstempel schwimmt:

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Klaj
(16161656)

* 01.01.1616 in Meißen, † 01.01.1656 in Kitzingen

männlich

deutscher Dichter der Barockzeit

(Aus: Wikidata.org)

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