Wann jetzt der Norden heult/ der rauhe Blumenfeind/

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Johann Klaj: Wann jetzt der Norden heult/ der rauhe Blumenfeind/ Titel entspricht 1. Vers(1636)

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Wann jetzt der Norden heult/ der rauhe Blumenfeind/
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das goldgestralte Liecht zweymal vier Stunden scheint/
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der Flüsse Strand besteht; wo vor die Segel flogen/
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knirscht ein belastes Rad; der Wald hat außgezogen
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sein grünes Sommerkleid; das nasse Fichtenpferd
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ligt in dem Hafen dort; es sitzet üm den Herd
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der brache Schäfermann; der Wintzer hat gedecket/
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die Fechser und der Stock sind Ellentief verstecket/
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auf halbe Jahresnacht; das Schlittenfahren gibt
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jetzund die beste Lust; der Schrittschuch wird beliebt/
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wann jetzt ein munter Pferd die leichte Schenckel schnellet/
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der Schlitten durch die Bahn deß Schnees lautbar schellet/
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der ohne Segel fleucht/ die See die wird durchpflügt/
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auch in dem Wolckenmeer ein Schiff vor Ancker ligt.
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Nun müsse ferner noch auf Erdengleicher Erden
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gleich auf der wilden Flut geschifft/ gesegelt werden;
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was Typhis nicht gewust/ was Göttern unbekand/
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das hat jüngsthin entdeckt Stevins
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Ein ander/ wann es flockt/ daß man nicht ohne Grauen
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wol für das Fenster kan/ das Zugefroren schauen/
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der bleibet fein daheim/ sich vor den Schorstein setzt/
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mit gutem Firnewein gebührlich sich ergetzt/
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zumalen weil kein Gott sich auf dem Rund befindet
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als Eol/ der die Füß der schnellen Flüsse bindet
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und in die Fessel schlägt; auch Feuer ist nicht heiß/
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die Venus ist voll Frost und Amor kaltes Eis/
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bis daß der Früling früht; da wird der Garten jünger/
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das neübegrunte Feld streicht mit verliebtem Finger
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die Runtzeln von dem Haubt; es gehet Par und Par/
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vom lauten Federvolck/ von stummer Wasserschar:

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wir holen Violen in blumichen Auen/
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Narzissen entsprissen von Perlenen Tauen/
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es grunet und grunet das fruchtige Land/
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es gläntzet im Lentzen der wässrige Strand.
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Es lallen mit Schallen/ von Bergen herfallen/
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sie rieseln in Kieseln die Silbercrystallen/
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sie leuchten/ befeuchten das trächtige Feld/
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sie fliessen/ durchgiessen die schwangere Welt.

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Der Sommerstorch klappert/ der Wiederhall hallt/
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der Stigelitz zitschert und zwitschert im Wald/
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die Haubellerch tiretiliret in Lüfften/
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die Nachtigal/ höret! die kittert an Klüfften.
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Dañ/ wañ der Blumenfreund den Blumenfeind heisst scheiden/
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die süsse Nachtigal/ die Kummerwenderin/
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singt ein neu Majenlied auf neubelaubten Weiden/
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sie zeucht die Saiten auf/ die Künstler-Opizin/
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der Silberhelle Fluß/
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wann sie fängt an zu klingen/
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der hemmet seinen Guß
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und säuslet Vfer ab in seinem Schilffen hin:
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hört/ wie die Nachtigal kan überkünstlich singen.
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Wann jetzt der muntre Tag hat alles aufgehüllet/
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was vor die träge Nacht mit Wolckenruß bedeckt/
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sie/ sie/ sie mit dem Ruff Grufft/ Klufft/ Lufft/ Tufft erfüllet
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die Schlafergebne Stadt wird wieder aufgeweckt/
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das Dorf geht in das Feld/
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die Püsch und Heiden springen/
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sie schlägt im Schattenzelt/
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lermt/ trararat/ trompet/ gleich Kesselpaucken schreckt/
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die liebe Nachtigal kan überlieblich singen.
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Wañ dañ der Tag ein Kind/ so trucknet sie die Wangen/
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zin/ zin/ zin zinzelirt/ es schallen Erd und See/
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ist nun das Sonnenrad was höher fortgegangen/
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versetzet sie das Lied ins dreybestrichne C.
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Kein kluges Saitenspiel
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kan solchen Ton erschwingen/
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sie übersteigt das Ziel
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der schönen Singekunst/ belobet Gras und Klee:
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die frohe Nachtigal kan überirdisch singen.
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Obgleich der Tagesfürst den halben Weg vollendet
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und alles sich gemach zum Feyerabend neigt/
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ihr zieht/ zieht/ Schwestern/ zieht/ wird nimmer nicht geendet/
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zieht/ zieht/ zieht/ Schwestern/ zieht/ nicht eine Stunde schweigt/
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es wäret Tag und Nacht/
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die Reimart muß sich schlingen/
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wann nur die Sonn erwacht/
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wann sie am höchsten steht und wieder Seewarts steigt:
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die traute Nachtigal kan überemsig singen.
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Sie träget auf den Tisch nicht zwiergekochte Speise/
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nicht aufgeglüten Köhl den Ohren zum Verdruß/
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verwechselt meisterlich die klagversüste Weise/
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bald läufft der Vers geschwind/ bald hinckt der eine Fuß/
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bald bringt sie einen Schall/
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wre Strephon pflegt zu bringen/
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der Musen Nachtigal/
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weint drauf/ daß Wild und Wald und alles weinen muß:
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die Wundernachtigal kan überkläglich singen.
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Sie weiß nach Spielerweis den Schauplatz zu verdrehen/
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hier rieselt eine Bach/ da blüht ein Lindenwald/
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dort wird ein altes Schloß und kahler Fels gesehen/
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still/ still/ jetzt schweigt sie still! halt! zinzeliren hallt.
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Sie/ sie schlirfts Kehlen-ein/
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jetzt muß der Ruff sich schwingen/
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jetzt wider niedrig seyn/
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jetzt stirbt/ jetzt lebet sie/ jetzt ist ihr heiß/ jetzt kalt/
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die fromme Nachtigal kan überlebhaft singen.
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Im Fall sich pflegt daselbst ins Grüne hinzubreiten
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ein guter Lautenist/ der andre weit hinsticht/
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stimmt Stimm und Saiten rein/ begiñt mit ihr zu streiten/
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wird sie getrieben ein/ ist ihres Bleibens nicht/
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sie fällt vom Ast herab/
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entseelet in dem Singen/
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die Laute wird ihr Grab/
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der sie den Lorberzweig zu grossem Danck entricht:
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die traute Nachtigal kan sich zu tode singen.

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Die Buchen und Eichen verbinden sich veste/
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sie strecken/ bedecken die laubigen Aeste/
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sie schatten die Matten/ sie breiten sich auß/
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sie zieren/ vollführen ein lebendes Haus.

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In solch Haus setzt man sich und lässt es dene walten/
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der in dem Sternen-Haus so lange hausgehalten/
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der dort zu Abraham in seine Hütten kam
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und unter einer Eich
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bey welchem Sara meint/ sie hätte nicht gelachet/
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war ihr/ ihr Isaac ein Lachen doch gemachet;
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Auch unser Teutsches Volck hielt viel auf ein solch Dach/
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da grünes Blätterlaub war Bauholtz/ Dach und Fach/
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da Zweige sich gebeugt zu Tischen und zu Bäncken/
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beredet manchen Gast auf selbe sich zu sencken/
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der Boden mit dem Gras nach Teppichart bekleidt/
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die Tafeln üm und üm mit Blumwerck überstreut/
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Nun solches Haus ist hier/
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die Floggen fliegen schön und flackern von den Winden/
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in dieses lud Gustav die gantze Götterschar/
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so/ daß das Himmelvolck damal auf Erden war
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bey dieser Felderfreud. Kein Lachen war da teuer/
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der Tag war voller Lust/ die Nacht voll Freudenfeuer/
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weil sie den Sternenglantz mit sich herabgebracht/
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so ward der Nacht Mittag zum hellen Tag gemacht/
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obgleich der Himmel thrent/ hier selbsten auch IRENE
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sich Göttlich sehen ließ in ihrer Himmels-Schöne
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auf einem schönen Stul; von derer Lippen floß
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die Rede/ die sich schön in Friedens-Hertzen goß/
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die Tafel sind bedeckt/ schaut an die Schaugerichte/
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die weiden Zung und Mund/ Geruch und das Gesichte.

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man zeucht die Segel auf/
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auf/ lauffet an den Port/
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die Schiffe gehen fort/
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die Lufft gibt guten Fug/
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der Flachen kühnen Flug/
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weil wir holen theure Wahren/
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die kein Raubschiff wird gefahren.
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Der nasse Fischer schifft/
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und auf die Reisen trifft/
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die Schuppenvolck gefüllt/
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das sich darinn verhüllt/
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sind wir gleich Bettlern gleich/
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der Friede macht uns reich/
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juch! die Wurmbesteckte Angel
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lässet Fischern keinen Mangel.
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Der Fürsten Zier

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Chor der Hall- oder Saltz-Buben. Lasst uns im Friede schöpfen/
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auß nicht gemeinen Töpfen/
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der reichen
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die Kohlenglut das Naß durchkocht/
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daß seine Härte wird zerpocht/
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gepacket in ein Faß.
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Was in dem Bley
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und eine Härt gewinnet/
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wird dann in reine Räume
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so daß das Fresser-Feuer schützt/
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der Fürsten Wolfahrt mehrt und nützt/
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wann es glüt Tag und Nacht.
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So glüe Feuer/ glüe/
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daß deine Wärme blüe
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von Nacht zu Tag/ von Tag zu Nacht.
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Koch Saltz in deinem warmen Bley/
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der Speisen beste Specerey/
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daß uns werd Geld gebracht.

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Irene Freudenvoll sah/ daß den Potentaten
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durch Glut und Flut/ durch Lust und Erde wol gerahten/
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stund auf von ihrem Stul. Sah/ wie das Feuer spielt/
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und in der düstern Lufft sein tolles Mütlein kühlt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Klaj
(16161656)

* 01.01.1616 in Meißen, † 01.01.1656 in Kitzingen

männlich

deutscher Dichter der Barockzeit

(Aus: Wikidata.org)

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