Der mensch betrüb sich oder lach, ist er stets eitel, schlecht und schwach

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Georg Rodolf Weckherlin: Der mensch betrüb sich oder lach, ist er stets eitel, schlecht und schwach (1618)

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O ihr krumme schlimme seelen,
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wolt ihr euch lasterreich
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nu mit diser welt vermählen?
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bochet nicht auf eure stell,
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dan die welt nur eine höll,
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euch zu martern und zu quälen.

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Wollet ihr ein weil nu leben
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nach gebühr, so solt ihr
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alsbald nach dem himmel streben:
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ist der himmel euch nicht lieb,
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so seid ihr nicht wert, ihr dieb,
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daß er euch sein liecht gegeben.

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Lasset euch zu herzen gehen
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was für freud, was für leid
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immer in der welt zu sehen:
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kan ein mensch auf disem meer
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in so viler übeln heer
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sicher und forchtlos bestehen?

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Bis in das grab von der wiegen
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muß alhie under müh
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und elend der mensch sich biegen:
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dan anfechtung, kreuz und not
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ihn bis in den bittern tod
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stets verfolgen und bekriegen.

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Auch ist sein geburt so kläglich,
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daß die plag, mit dem tag
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gleich anfangend, kaum erträglich:
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seine schwachheit und der schmerz,
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tödtend seiner mutter herz,
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seind empfindlich und unsäglich.

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Wan durch schmerzen tief empfunden
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er voll pein schwach und klein
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die geburt nun überwunden,
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wird er seinem stand gemäß
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als ein übelthäter bös
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eingewickelt und gebunden.

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Wie oft muß, ihn zu geschweigen,
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ihm mit fug ohn verzug
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seine säugam hilf erzeigen
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und den säugling von dem wust
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reinigend, mit bloser brust
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in der grösten kältin säugen!

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Nemend ihn bald auf bald nider,
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sunst hilflos, auf der schoß
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wieget sie ihn hin und wider,
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bis er, weil ihr sorg und müh
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reibet seine bein und knü,
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stärket seine schwache glider.

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Fanget er dan an zu gehen
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auch die sprach nach und nach
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(blöd und lisplend) zu verstehen:
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ist sein gang und seine bit
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halbe wort und halbe trit,
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schwach zu reden, schwach zu stehen.

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Seine kräften mit den jahren,
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seine witz, seine hitz,
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seine arbeit, müh, gefahren,
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nemen mit einander zu,
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allein nimmer ab die ruh,
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nichts kan ihn für leid bewahren.

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Alsbald seine tag nu blühen,
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kan sein mut sich der wut
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seiner jugend nicht entziehen?
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groß ist dan sein unbestand
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und er fällt in dise schand,
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wan er will von jener fliehen.

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Spielend mag er sich wol üben,
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weil er noch ohn ein joch:
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aber ihn mehr zu betrüben
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reutet ihm auf einmal auf
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aller lastern großer hauf,
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bis daß er sich muß verlieben.

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Alsdan under Amors wafen
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taub und blind wie ein kind
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könden ihn zwei augen strafen:
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hofnung, trost, wollust, genuß,
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forcht, verzweiflung, zorn, verdruß
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wollen ihn nicht lassen schlafen.

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Kan er dises überwinden,
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findet er noch vil mehr
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trübsal und unglück dahinden:
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ehrgeiz, geldgeiz, übermut,
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hader, händel, zank und wut
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wollen ihn zu schinden binden.

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Kommet er dan fortgegangen,
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daß das glück und die strick
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aller laster ihn nicht fangen,
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wird er aus der jugend saal
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in der alten leut spital
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schlim und liederlich empfangen.

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Dan da kommen aufgezogen
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kalte flüß für die küß,
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die ihn unlangst jung betrogen:
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zittrend werden händ und füß,
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daß gicht, zipperlein und grüß
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machen ihn krum und gebogen.

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Und wan schon das alter ehrlich,
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ist die ehr ihm doch schwer,
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weil ihn alles ganz beschwerlich:
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seine zähn nu fallen aus,
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haupt und herz voll schnee und graus
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malen alle ding gefährlich.

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Ach, wie langsam er nu schreitet
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weil die buß auf dem fuß
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folgend allzeit ihn bestreitet!
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alle hofnung ist dahin,
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ach und weh ist sein gewin,
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bis daß ihn der tod erbeutet.

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Wie, wa, wan er auch mag leben,
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jung und alt, warm und kalt,
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ihn die krankheiten umgeben;
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schwachheit, sorgen, falsche freind
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lügen, neid, verleumdung, feind
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ihm verdrüßlich widerstreben.

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Wie ein vogel durch sein fliegen,
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wie ein pfeil in der eil
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leichtlich kan das aug betriegen,
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so schnell ist des menschen hab,
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und sein schrit zu seinem grab
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ist nicht weit von seiner wiegen.

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Endlich muß er sein vermögen
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als den raub in den staub
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mit dem körper niderlegen.
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also endet nu das spil,
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daß weder lützel noch vil
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kan ihn, kan er nu bewegen.

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Wan man dan nicht kan verneinen,
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daß alhie tausend müh
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wider uns sich stets aufleinen:
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solten wir von herzen grund
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unser elend alle stund
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nicht beklagen und beweinen?

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Kan uns aber nichts klug machen,
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sondern wir ohn gebühr
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wollen lachen diser sachen:
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ach! so lachet reich und arm,
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lachet, daß es got erbarm,
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eures elends selbs zu lachen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Rudolf Weckherlin
(15841653)

* 15.09.1584 in Stuttgart, † 23.02.1653 in London

männlich

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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