An H. Oliver Fleming, Rittern, Kön. Mayt. Gesandten etc

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Georg Rodolf Weckherlin: An H. Oliver Fleming, Rittern, Kön. Mayt. Gesandten etc (1618)

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Wider willen und gewissen,
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eben so torecht als alt,
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ich mich noch zu hof aushalt,
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andern dienend so geflissen,
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daß mir nicht ein stündlein frei,
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got und mir selbs recht zu leben,
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da doch mir für meine treu,
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müh und sorg kaum dank gegeben:
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und zwar billich; dan wer gern
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seinen tag bei hof wil enden,
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der hat weder heil noch stern
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seinen lauf wol zu vollenden.

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Ich sih ja, noch nicht verblindet,
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daß die tugend gar umsunst,
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daß allein die bosheit gunst,
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lieb und vortheil bei hof findet.
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dise marbrine palläst,
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underproppet mit albaster,
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halten in sich manches nest
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für verruchte lust und laster:
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under seiden, silber, gold,
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damit sich der hof bedecket,
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als in seiner lastern sold,
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nichts dan übels sich verstecket.

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Lang zu hof muß der nicht bleiben,
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welcher redlich bleiben will:
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welcher, eingezogen, still,
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nicht will narrenbossen treiben;
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welcher nicht sein haupt und knüe
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kan für jedem Haman biegen,
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welcher nicht kan spat und frü
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gleißnen, liegen und betriegen:
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kürzlich: welcher gut und from
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will das übel übel nennen
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und nicht will, blind, taub und stum,
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alles bös für gut erkennen.

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Darf ich andern wol anzeigen
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des hofmans religion,
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und für welcher gotheit thron
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sich die höflingherzen neigen?
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reichtum, ehrgeiz und wollust,
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deren erste drei buchstaben
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merklich, seind in ihrer brust
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als gotheiten tief gegraben:
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alles lebens seligkeit,
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glauben sie, sei hier auf erden,
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die in des hofs herrlichkeit
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wohnend, muß gefunden werden.

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Warlich bei hof seind sehr wenig,
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die in bösem überfluß
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und in kützelndem verdruß
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über ihre lüste könig:
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und die fürsten mehrer theils,
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folgend ihrem schnöden willen,
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der ein werkzeug des unheils
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ihren lust mit lastern füllen:
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und dan der hofleuten wohn,
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affen gleich, ist mit cramanzen
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nach so hipscher herren ton
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stets zu singen und zu danzen.

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Daher täglich mehr bethöret
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narren, ohn verstand, witz, ruh,
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danzen sie dem teufel zu,
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wan ihr danz nicht wird verstöret:
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ja sie danzen so lang fort,
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bis sie in die grub gestürzet,
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wa nicht ihren danz ein wort,
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sie abrufend, schnell verkürzet;
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wa sie nicht schuld, schmach, spot, schand
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oder krankheit davon reißet,
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oder der ungnaden hand
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wegen eines strohs zerschmeißet.

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Doch wan einer, hoch ankommen,
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über andre herschen kan,
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so will er stracks sein der hahn,
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wan schon andre um ihn brummen:
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wird ihm schon der ganz hof feind,
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will er doch den hof ganz zwingen;
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basen, vetter, esel, freind,
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dieb und kuppler hoch anbringen:
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bis daß des hofs unbestand
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ihm erwecket einen dunder,
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der durch des volks schwere hand
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stürzet endlich ihn herunder.

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Stürzet! ja, eh er gedenket,
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wird er schnell mit höchstem spot
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weggeraufet zu dem tod
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oder Haman gleich gehenket:
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da ihn dan des pöfels rach,
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welches sterbend ihn verfluchet,
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lehret spat mit schimpf und schmach,
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was er torecht lang gesuchet.
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dan gewißlich, wer zu hoch
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steiget, der muß endlich fallen,
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daher dan kan das hofjoch
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keinem weisen lang gefallen.

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Der mag spilen, singen, lachen
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mit des schönen tags anfang,
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den der sonnen nidergang
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kürzlich kan verzweiflen machen:
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und daher ist jener weis,
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der stets bleibet auf der erden
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und der, haltend maß und weis,
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weder groß noch reich will werden.
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wie vil doch zu unsrer zeit
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sah ich trotzige Sejanen,
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deren werk uns nah und weit
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billich von dem hof abmahnen.

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Flemming, du bist so erfahren,
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so verständig, weis und klug,
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daß ich mehr mit gutem fug
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dir zu sagen, wol mag sparen:
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alle höf, ja alle welt
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hast du fleißig durchgezogen,
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und würd der Ithakisch held
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leichtlicher, dan du, betrogen.
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was vil nationen dich
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hören ihre sprachen reden,
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will bald ihrer jede sich,
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daß du ihr landkind, bereden.

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Daher hast du auch befunden,
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daß dir deine höflichkeit,
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sprachen und erfahrenheit
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deinen könig selbs verbunden,
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welcher dich dan hin und her
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als gesandten ausgeschicket,
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doch zu seiner schlechten ehr
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mehr entglücket, dan beglücket;
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zwar mag er zu seiner zeit
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alles wider zurecht bringen;
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auch kan mit der tugend beut,
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welche dein, dir nicht mislingen.

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Der, wie du weis, kan ihm schmiden
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allenthalb sein eigen glück;
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keines fürsten saurer blick
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hindert seines herzens friden:
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ja dein redliches gesicht,
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welches deinen mut bezeuget,
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daß von dir wahr mein bericht
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keinem weisen man verschweiget;
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und weil du der tugend hold,
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männiglich dich billich liebet;
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dan die lieb ist dessen sold,
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der stets wol zu thun sich übet.

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Was ich schreib von dem hofleben,
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ist dir mehr, dan mir, bewust:
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du weißt, ob es mehr unlust
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oder wollust uns kan geben:
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jedoch welcher weis, wie du,
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kan aus bösem gutes ziehen
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und, o wunder! der unruh,
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ruhig innerlich, entfliehen;
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aber durch der lastern heer
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wie vil sehen wir hinsterben!
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und in des hofs wildem meer
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wie vil sehen wir verderben!

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Zwar ist dem meer, wan es tobet
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oder ruhet, der hof gleich,
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darauf fahret arm und reich,
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der uns schändet, der uns lobet;
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wie das meer ganz ungestüm,
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daß die schif oft untergehen:
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also kan zu hof der grim
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eines fürsten ärger wehen;
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auf dem meer man seine fahrt
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nach der sternen lauf regieret,
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zu hof der Sirenen art
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auf die felsen uns verführet.

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Doch der felsen, der Sirenen
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und der wellen pracht und macht,
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auch der nebeln dicke nacht
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(die gemeinglich allen denen,
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welche nicht fürsichtig seind,
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den weg weisen zu dem leiden)
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weil sie dein und du ihr feind,
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kanst du, Tiphis gleich, vermeiden;
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dan du weißt, wie sich sehr schnell
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glück und lieb zu hof verkehret,
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daß der tag, schön, heiter, hell,
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kaum ohn sturm bis abend wehret.

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Dises lied nun zu beschließen
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von des hofs füßbittern speis,
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so laß, ich bit, dise weis
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dich, herr Flemming, nicht verdrießen.
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daß mit deines namens ehr
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meinen namen zu beschönen
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ich (hofvogel) auch begehr,
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federn von dir zu entlehnen;
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weil wir beed von got die gnad,
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daß der hof uns nicht umtreibet.
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selig, der bei dem hofrad
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aufrecht und beständig bleibet!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Rudolf Weckherlin
(15841653)

* 15.09.1584 in Stuttgart, † 23.02.1653 in London

männlich

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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