Von Pfalzgraven Carl-Ludwigen und seiner fräulein schwester Princessin Elizabeth

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Georg Rodolf Weckherlin: Von Pfalzgraven Carl-Ludwigen und seiner fräulein schwester Princessin Elizabeth (1618)

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Hat schon des himmels hohe gunst
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der Musen kunst auf mich geregnet,
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und durch ein süß fruchtreiche brunst
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mein haupt und hand also gesegnet,
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Daß ihre stete fruchtbarkeit
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ein löbliche fürwitzigkeit,
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wie werte männer mich beschreien,
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kont und solt billich hoch erfreuen:
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Die weil in ein und andrer sprach,
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wie sie villeicht befunden haben,
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ich seinem wolgefallen nach
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mit früchten jemand kont erlaben:

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So findet sich in meiner brust
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doch gar kein lust, mit frechen händen
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ein unverdiente frucht, noch blust
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unwerten gästen anzuwenden:
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Ich will nicht, ja ich kann auch nicht
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durch ein ungründliches gedicht
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die laster der gotlosen reichen
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mit tugendfarben überstreichen;
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auch keinem stinkend hübschen grab
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will ich ein süßes opfer bringen,
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noch um ein fliegend leichte gab
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ein liegendschweres lob hersingen.

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Doch wie ich fälschlich keinem stand
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und keinem land will lob bezeugen,
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also wär es mir eine schand,
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wan ich von euch solt allzeit schweigen;
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Von euch, als deren wahres lob
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vor langem schon mit klarer prob
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ich solt, wie euch mein herz geehret,
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auch haben durch die welt vermehret.
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Ja billich solt mein geist mit fleiß
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die wunder, die man in euch blühen
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kan sehen, durch warhaften preis
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der welt zu schauen, sich bemühen.

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O großer prinz, wan ich betracht
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der tugend pracht, die euch hell schmücket
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in euers unglücks finstern nacht,
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befind ich doppelt mich entglücket.
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Dan kont es immer möglich sein,
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wan auch mit höchster kunst, witz, pein
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die höchste götter zu verpflichten,
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Apollon selbs mein lied solt dichten,
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Daß euer wert auch eure feind
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nicht treflicher erachten solten?
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daß euer leben eure freind
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nicht lieblicher bekennen wolten?

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Was dan erfordert die gebühr,
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princessin, hier von euch zu singen?
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soll euers leibs wolstand und zier
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wie erstlich ihr, auch ich fürbringen?
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Doch leib und geist, ganz götlich gleich,
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seind beed so unvergleichlich reich,
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daß ich von beeden vil zu sagen,
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weil vil nicht gnug, mich kaum darf wagen.
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Von beeden singen wolt ich gern,
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doch könt ich, solt ich beede preisen,
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für die sonn selbs nur einen stern,
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und für das meer ein tröpflein weisen.

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Wer nicht weiß, daß ihr beed ein schoß
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seid mangellos von einem stammen
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an altgekrönter Tugend groß,
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der weiß kaum seinen eignen namen.
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Zwar seind die, welche schon sehr weit
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allein aus freiheit alter zeit
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vor euch der chronik eingeschriben,
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weit nach euch an verdienst gebliben.
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Wer auch will wissen stuck von stuck
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was ihre tugenden gewesen,
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der mag sie, als in einem druck,
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in euch ausführlich überlesen.

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Die ehr, geborget, ist so schlecht,
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daß sie nicht recht die kinder zieret;
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und ist ein herr, der lastern knecht,
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sehr torecht, der damit prachtieret.
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An euers wandels neuer lehr,
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zwar euers alten stammes ehr
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vermehrend, kan man nichts ereugen,
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dan was recht löblich euer eigen.
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Also die stern, die von dem schein
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der sonnen ihren schein bereichen,
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die müssen auch all ihr allein
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an wahrer klarer reichtum weichen.

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Wer dan auf euers lobs botschaft
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(die ihre kraft sunst gehend stärket,
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doch von euch beeden mangelhaft)
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auf euer thun und lassen merket;
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Der kan mit leicht und schwerem mut
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bald eurer feinden arge wut
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und der welt unverstand auch sehen
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und muß, unwürsch, darauf gestehen:
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Daß nichts, dan die unbillichkeit
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darf euer erbland von euch halten,
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und daß, nach der gerechtigkeit,
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die ganze welt euch zu verwalten.

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Befinden würd er mit wollust
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und mit unlust, so spat zu finden,
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wie euer haupt und eure brust
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kan alles unglück überwinden.
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Dan euers lebens reicher thron,
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und eurer selen gleicher ton,
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der tugend einiges exempel
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der göttin Panareten tempel:
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In euch des himmels hand ganz frei
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kont und wolt des leibs und der seelen
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gleichlose gaben, ganz getreu,
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zu trutz dem unglück, recht vermählen.

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Daß aber euch des höchsten hand
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noch euer land nicht widergeben,
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sondern will, euch in fremdem land
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noch länger übend, lassen leben:
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Da mag auch euer feind voll stolz
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und forcht, wan an dem grünen holz
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er dises sihet, wol zusehen,
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was ihm, dem dürren, mag geschehen.
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So löblich ist es, gut und geld
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und herrlichkeit gar zu verachten,
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als schändlich, es für got, der welt
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hochheit unbillich nachzutrachten.

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Durch gold und gut der gröste theil
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träg, üppig, geil, den lust nur wetzet
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und damit sein und andrer heil,
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gern oder ungern, frech verletzet:
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Und ob euch wol an geld und gold
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nicht manglet, hat der tugend sold
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euch doch vil köstlicher bereichet,
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daß keinem schatz der eure weichet.
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Der tugend dienend lebet ihr
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mit frölich fridlichem gewissen,
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weil euers feinds herz für und für
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wird von den Furien zerrissen.

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O schwere that! o werter fleiß!
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so geistlich, weis und kühn zu kämpfen
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und mit gleichlosem sig und preis
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lust und anmutungen zu dämpfen!
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O schöne kunst! o reiche zier!
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des lebens seltsame carrier
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durch so viel beizungen zu wenden,
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ohn fall, ohn fehl recht zu vollenden!
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Dan wer ohn reichtum, geld und fug,
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den kan man nicht schuldlos gestehen;
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sondern nur den, der zwar reich gnug,
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und doch nichts unrechts will begehen.

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Vil theurer ist ein edler stein
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artlich und rein in gold versetzet,
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weil sein, sunst kaum kraftreicher, schein
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oft mehr dan seine kraft ergetzet:
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Und wan ein könig oder gast
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in seinem statlichen pallast
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hof haltet oder sunst einkehret,
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vermeinet man ihn mehr geehret:
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Also erscheinet der gewalt
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des geists, der euern leib regieret,
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wan man desselbigen gestalt
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und mayestet zu herzen führet.

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Ihr beed von zarter kindheit an
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seid auf die bahn der tugend kommen,
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die euch dan, auf des unglücks plan
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zu streiten, alsbald angenommen:
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Und ihr gestreng und edle zucht
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hat euch für nahrung ihre frucht,
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davon unsterblich man zu leben,
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zu leben ihr selbs gleich, gegeben:
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Da man dan eure frucht und blum
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vollkommen sah in euerm glänzen,
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und daß der geist der seinen ruhm
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und nicht das alter kan ergänzen.

169
Der künsten heimlichen genuß
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in finsternus und müh verstecket,
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hat ihres geists sonn ohn verdruß
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euch unverhinderlich entdecket:
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Und euch hat euers fleißes spur
174
der heimlichkeiten der natur
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die jemal würdiglich vermehret
176
gewehret bald, und ganz erkläret:
177
So daß wer torecht finden wolt,
178
was doch an element und jahren
179
nicht gründlich euch bekant sein solt,
180
der must ein neue welt erfahren.

181
Daher macht der weisheit gesatz
182
und künsten schatz, um müh ertauschet,
183
daß eure meinung und fürsatz
184
als ein fluß lieblich herfür rauschet:
185
Und die scharfsehend bleiche schlang,
186
die, deren fremdes gut macht bang,
187
und ob des nächsten freud geschwindet,
188
ab eurer tugend schier verbindet:
189
Und ihr allschmähend falscher mund,
190
der wider alle wolfahrt brummet,
191
euch sehend beed vollkommen rund
192
bald wider willen gar verstummet.

193
So groß ist euers lobs anzahl,
194
daß auf einmal es nicht zu zählen;
195
auch arm werd ich bald in der wahl,
196
weil ich nicht weiß, was zu erzählen:
197
Daher, weil ihr beed gänzlich gleich,
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und wie Phöbus und Pallas, reich
199
an herrlichen leibs- und geistsgaben,
200
die darbende welt kont erlaben,
201
So wird die welt auch mein gesang
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ganz wahr zu sein allzeit bezeugen,
203
und daß, wär es auch noch so lang,
204
es doch das mehrest must verschweigen.

205
Wan man auch noch für recht unrecht
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und schlim für schlecht stets muß aussprechen,
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so lasset mich numehr mit recht
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mein wahres lied hiemit abbrechen:
209
Und solt schon auch des höchsten macht
210
des Teutschlands ungestüme nacht
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durch seine gnad noch nicht verjagen,
212
und wir nicht singen, sondern klagen:
213
Hab ich von euch doch dise prob,
214
daß ihr beed vil mehr ein verlangen
215
und den gebrauch, ein wertes lob
216
mehr zu verdienen, dan empfangen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Rudolf Weckherlin
(15841653)

* 15.09.1584 in Stuttgart, † 23.02.1653 in London

männlich

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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