Paranesisch, bacchisch und satyrisches Gemüß

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Georg Rodolf Weckherlin: Paranesisch, bacchisch und satyrisches Gemüß (1618)

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Weil nu der luft ganz ungestüm
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mit schnee und regen sich vermischet
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und nu der wind mit nichten stum
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das erdreich gleichsam seifend waschet;
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so lasset uns auch, liebe freind,
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was sprachen wir auch immer reden,
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den tisch bedecken zu der stund
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mit flaschen, schunken, käs und fladen.

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Bring her die gläser und schenk ein.
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wem kan zu drinken doch misfallen?
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der wein hat gleichsam den rock an,
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alsbald wir ihn in ein glas füllen:
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jedoch das rein christallin glas
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des weins leib, nicht die farb bedecket,
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also, o wunder übergroß!
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den wein und unser aug erquicket.

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Dan er kaum rinnet aus dem loch
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der schwangern kanten oder flaschen,
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daß wie er schmollet, ich auch lach,
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begehrend mich bald zu erfrischen:
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halt ich ihn dan in meiner hand,
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das aus dem glas er werd gefreiet,
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merk ich, daß er mein herz und mund,
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eh daß ich ihn versuch, erfreuet.

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Darum wer doppeltes gut will
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anschauen, riechen, schmecken, spüren,
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der muß nu einen becher voll
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des edlen rebensafts nicht sparen,
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so nem ein jeder sein geschütz
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und eh wir es zugleich hinrichten,
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muß er mit mir den reichen schatz
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zu loben, singend nicht verachten.

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Dieweil nu dises ein Rheinwein
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oder dem Rheinwein zu vergleichen,
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so schenk ihn in den becher ein,
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ihn mit gold noch mehr zu bereichen.
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er ist klar, lieblich, frisch und reich,
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darum muß er herum passieren:
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daß keiner mög die zeit verlieren.

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Ist jener rotwein ein Franzos,
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so thut er wol, zu uns zu kommen;
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er lächelt wie ein rote ros
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und wird von uns gern angenommen.
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ich hör nicht mehr des winds getös,
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sither wir mit dem wein parlieren.
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so lasset uns all garaussieren.

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Ho! wein her, den uns das Welschland
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ohn des Bapst sig und segen sendet.
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ein schalen voll in meiner hand
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davon, wird bald wol angewendet:
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die farb ist angenehm, ich sih,
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und sein geruch thut excellieren:
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er kan nicht dan euch aggradieren.

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Ein ander Welschland weiß ich noch,
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da man auch zechend frölich lebet
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mit brot und käs und ohn den koch,
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schier Schweizer gleich, nach ehren strebet:
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reich her das volle kräuslein da,
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es gilt den herren und den frauen
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so das ist artlich

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Ist Engelland schon ohn Weinwachs,
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hat man doch gute wein darinnen,
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und mancher drinket als ein Sachs,
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wan er die schlacht gern wolt gewinnen:
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drink mir ein glas des besten zu,
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mit welchem die insuln prachtieren,
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kan ein wein disen surpassieren?

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Die Niederteutsche, frische fisch,
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die lang gern hinder dem tisch sitzen,
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lieben den wein, der stark und frisch,
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und zechen gern, bis daß sie schwitzen:
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so gib auch ihrentwegen nu
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den großen kelch, damit zu zehren
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so: dises heißet recht laveeren.

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Seid ihr den Spaniern hie feind,
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so langsam ihrer zu gedenken?
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seind sie doch aller länder freind,
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wan sie den wein schon nicht verschenken.
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gib ihres weins das gläslein da,
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damit ich besser mög hablieren.
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wer will mag

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In Irland war ich auch einmal
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und sah dort manche ding verwirren,
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doch wissend wol die rechte wahl,
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ließ ich mich billich nicht verirren.
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schenk ein ein wenig Usquebagh,
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in Irland überal geliebet:
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so, dieses heißet wol geübet.

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Hör ich nicht Fratzen, den dickkopf,
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der witzlos jederman will lehren?
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und welcher ein recht grober knopf
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ohn sich selbs niemand sunst will ehren?
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es gilt hie sechs, in einem suff,
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herr Fratz, ihr müsset das aussaufen,
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es gilt Fratz Curly Murly Buff
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bis alle fallen übern haufen.

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Ich glaub, ihr liebe
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daß ihr das Latein gar verschworen
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und auch das griechisch, als ich sih,
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ist nu verachtet und verloren:
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doch weil ein christliches räuschlein
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nicht kan,
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bring ich euch,
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und wolt euch jetz nicht gern turbieren.

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Ho! herr Fratz, was bedeuten doch
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schmorotzer, blacken und bacchanten,
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die so verhasset von dem koch
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als schulfüchs, penal und pedanten?
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warum darf ohn ein narrenkapp,
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ein narr halb welsch und halb teutsch glotzen?
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warum doch will ein jeder lapp
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für gut teutsch

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Ist es nicht eines blöden hirns
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und eines hasenkopfs merkzeichen,
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der wol wert eines langen horns
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und gar nicht wert mit uns zu zechen?
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mit uns, die wir dem guten wein
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allein zu ehren welsch gegecket,
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und doch mit größerm fleiß und wohn
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in der welt großes buch gegucket?

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Glück zu, du ohn ein g gesell,
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hat mich der
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er glaub mir, daß dem
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ich aufwarten in wenig stunden;
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dan
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so hat er weit gevoyagieret.
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der teufel hol euch, ohn ein n
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herr Hans, weil ihr uns all vexieret.

129
Wer teutsch ist, der red auch gut teutsch,
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wie der Welsch will gut welsch parlieren:
131
zu fuß geh, wer ohn pferd und gutsch,
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und wer ein narr, kan nicht vil lehren.
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so sprechet nu ein urtheil aus,
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und mäniglich mag es wol hören,
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gleich ist ein halbwelschteutscher has
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den angestrichnen kranken huren.

137
Und gleich wie der ein schwein, gans, kalb,
138
der gut und bösen wein vermischet,
139
so dem gehört ein narrenkolb,
140
der teutsch und welsch zusammenwaschet;
141
sein hirn und red seind gelb, weiß, schwarz,
142
grün, rot und blau, ein schneiderküssen,
143
ein alter schurz, ein lahmer scherz
144
und ganz unwürdig mehrer bossen.

145
Kom, schenkend das glas wider ein,
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uns des lusts wider zu begaben,
147
daß drinkend, singend, redend rein,
148
wir uns und ander auch erlaben.
149
doch drink wer will; ich hab zu vil;
150
wer will mag danzen, drinken, springen,
151
frei bleibet jedem alles spil,
152
und wer will mag nu mit mir singen.

153
Frisch auf, frisch auf, seid wol zu mut!
154
herum das gläslein bald muß fahren:
155
bös ist das wetter, der wein gut,
156
und ihrer keines nu zu sparen.
157
der wein sparet zwar die witz
158
mit nichten,
159
weil er mit zu starker hitz
160
drücknet unser dichten.

161
Ich weiß zwar wol noch wa ich bin,
162
darf aber wol für etlich schwören,
163
daß sie sehr gern ihr herz und sin
164
all tag verbausen und verzehren.
165
bleibt ihr verstand ohn wein
166
dahinden
167
könden sie als stock und stein,
168
drinkend ihn nicht finden.

169
Sih da, wie weis der
170
sich under uns alhie erzeiget!
171
er beiß mir doch auf dise nuß!
172
sprach Fratz, mit drinken nicht geschweiget.
173
und
174
selbs reimen,
175
besser dan ihr, ja dan du,
176
und das loch verleimen.

177
Ich hab die länder diser welt
178
schon vil jahr her gedurchmarschieret,
179
und hab auch
180
dan all ihr Welsche, verspendieret;
181
kan ich aber nicht vil welsch
182
parlieren,
183
so kan ich doch, gar nicht falsch,
184
meinen becher leeren.

185
Ihr herren, ich brauch keine list,
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ich drink und hab nichts zu bedenken;
187
zu drinken ist all mein lust,
188
es gilt, und solt mir keiner danken.
189
wil dan eurer keiner mir
190
antworten,
191
sollet ihr auch, bis ich mehr
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euch hofiere, warten.

193
Wie oft hab ich mit einem wort
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verjaget manche dolle katzen?
195
wie oft hab ich mit meinem schwert
196
zerhacket manchen dollen kauzen?
197
dise faust hat so vil blut
198
vergossen,
199
daß ohn blut kein stein, baum, blat,
200
keine wäld, feld, gassen.

201
So bin ich auch oft auf dem meer
202
schier in der sonnen selbs ersoffen:
203
daher ich auch schwarz als ein mohr
204
hat mit der Venus oft zu schaffen:
205
und durch manchen heißen schmatz
206
verliebet
207
hat der Proserpina schmotz
208
oft mein herz erlabet.

209
Was hat sie unter ihrem belz,
210
daß sie sich ließ so gern aufschürzen?
211
ich weiß nicht was für Plutons bolz,
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der pflag gar teufelisch zu scherzen.
213
ha! er ist ein arger fuchs
214
ohn zweifel,
215
er ist alles übels
216
und ein rechter teufel.

217
Er hat zwei hörner als ein ochs
218
und seine seufzen seind feurflammen,
219
dem dunder gleich ist seine
220
weil er von aller strahlen stammen:
221
seine augen, wan es
222
klar brennen:
223
ist es tag, so ist er
224
finsternus zu nennen.

225
Die
226
dabei mein herz an sie gedenket,
227
dieweil zuvor die hübsche
228
dieselbig ihr aus lieb geschenket:
229
wie er, hab ich mit ihr füchs
230
gejaget,
231
war es regen oder
232
hab ich es gewaget.

233
Gleichwie ein doppelt klare
234
die anblick ihrer augen leuchten:
235
vor ihrem man ein Türk, ein
236
muß zittern, stinken und bald beichten:
237
ihre magd, die wie ein dachs
238
sich bucket,
239
war ursach, daß sich
240
zwischen uns oft ducket.

241
Wer ist begirig ihres specks,
242
dem will ich bald ein bißlein schneiden:
243
sehr groß ist ihrer grillen
244
die kont ich lieber, dan euch, leiden:
245
dan ich mag nicht euers dr ...
246
vergessen:
247
drink, da drink, das ist das
248
welcher nicht will essen.

249
Für meine witz ist hie kein
250
für mein gesicht kein liecht zu sehen;
251
für meine hand kein kelch, kein
252
für meine füß kein stand zu stehen.
253
ho! wer hat mich bei dem haar
254
geraufet?
255
mord, raub! raub, mord! o gefahr
256
alles rund umlaufet.

257
Ach wie kam ich in dises schif?
258
es grauset mir, ich kan nicht schwimmen.
259
hilf, hilf! ein seil, stoß oder grif;
260
ach weh! nu hab ich auch das grimmen.
261
alles leider ist umsunst!
262
wir sinken.
263
was? ja wol in diser brunst
264
brennen wir und stinken.

265
Ho! helfet! reichet das geschirr!
266
es ist umsunst! es ist geschehen!
267
ich bin ganz naß! ich bin ganz dürr,
268
stum, lahm, kan ich nichts hören, sehen.
269
ach die hagelstein, blitz, strahl
270
und dunder,
271
kommend auf mich auf einmal,
272
schlagen mich hinunder.

273
Wa ist mein fuß, wa meine stirn?
274
oh, mein kopf walzet auf der erden!
275
halt! ich verlier sunst all mein hirn.
276
was wird doch endlich aus mir werden?
277
ist keine hilf in dieser not
278
zu haben?
279
got erbarm es! ich bin tod
280
und auch schon begraben.

281
Der volle narr, der wüste fratz
282
so voll besoffen als geschossen,
283
hat als ein stinkend nasser ratz
284
sein abenteuer nu beschlossen.
285
und zu gedächtnus seiner that
286
soll er hie seine grabschrift sehen,
287
wan von dem rausch der grob unflat
288
soll wider wachend auferstehen:

289
Fratz liget under dieser bank,
290
an leib und seel sehr wüst besudelt,
291
der mancherlei gedrank, gestank
292
und sprach vermischet und verhudelt.
293
Ach leser, wünsch, daß ihm, dir, mir
294
got das gedeihen wolle geben,
295
daß unser jeder, nach gebühr,
296
mög besser reden, drinken, leben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Rudolf Weckherlin
(15841653)

* 15.09.1584 in Stuttgart, † 23.02.1653 in London

männlich

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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