Zu ehren meines lieben freinds Dieterich Haaken

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Georg Rodolf Weckherlin: Zu ehren meines lieben freinds Dieterich Haaken (1618)

1
Der menschen wohn ist falsch, betrüglich die verjähung,
2
als ob des glücks allmacht, der ewigkeit versehung
3
und auch des himmels will (mit zwang der götter hand
4
verkürzend) ohn ihr schuld verhinderten den stand
5
der menschen und der welt. Das werk recht zu besehen,
6
so muß der mensch, daß er die ursach selbs, gestehen.
7
Dan ja ein jeder mensch, dem grösten könig gleich,
8
hat der anmutungen und der begirden reich,
9
die seine vernunft stets soll meistern, zu regieren,
10
und sie, was farb und schein sie auch in dem schild führen,
11
zu büßen ihren lust (als schmeichler) ihres theils
12
vergessen oft des reichs und ihres fürstenheils.
13
Da wil der menschen herz der schönheit sich ergeben,
14
dort ein krauslechtes haar kan seine seel verweben,
15
hie eines augs anblick, mehr dan ein scharfer blitz,
16
dort eine weiße hand beraubet ihn der witz;
17
ja, ein geschmöll, ein wort, ein seufz kan nach gefallen
18
der vernunft mayestet zu fuß ihm machen fallen.
19
Bald hochmut, hofnung, lust, freud, ehrgeiz, schimpf und schmach,
20
bald kleinmut, forcht, neid, haß, verdruß, leid, zorn und rach
21
verfinstern seinen tag, als ihres herrens meister
22
und feuren seine nacht als ungeheure geister,
23
so daß der arme mensch, torecht und ungerecht,
24
ein könig von geburt, wird seiner knechten knecht.
25
Und wie er auch sein lob vermeinet zu verblümen,
26
so hat doch billich er vollkommen nichts zu rühmen.
27
ein hagel, ein sturmwind, ein wogen in dem meer,
28
ein schuß, streich, stich, fall, thier, so leichtlich als ein heer,
29
ja des hofs überfluß, der stät und dörfer sünden
30
die nach lust wider uns bald einen vortheil finden,
31
dem ackerman die ernt, dem kaufman all sein gut,
32
dem hofman seinen pracht, dem kriegsman seinen mut,
33
dem bürger seine ruh und jedem noch das leben
34
beraubend, sollen uns und jedem die lehr geben,
35
daß wer von großem leid, von sorg, anfechtung, pein,
36
begehret, wa nicht frei, doch etwas los zu sein,
37
das beste mittel ist, sich zu dem kreuz zu biegen
38
und mit der armut sich verbindend zu vernügen.
39
Nu dises lieds inhalt, als welches ich von dir,
40
mein lieber Haak, empfieng, hab ich auch, nach gebühr,
41
dir hiemit widerum gesungen und verehret,
42
wiewol du längst vil mehr gelernet und gelehret,
43
weil, aller Musen freind, durch ihre lieb und gunst
44
du für dich eigen hast die nicht gemeine kunst,
45
daß weder des hofs glanz, davon du lang gebeizet,
46
noch ehr, gewin und glück dich von dir abgereizet;
47
also, glückselig du, allzeit zu bleiben reich
48
bist stets geduldig, weis und (kürzlich) dir selbs gleich.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Georg Rudolf Weckherlin
(15841653)

* 15.09.1584 in Stuttgart, † 23.02.1653 in London

männlich

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.