Mich zu entfreien und ein weib

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Georg Rodolf Weckherlin: Mich zu entfreien und ein weib Titel entspricht 1. Vers(1618)

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Mich zu entfreien und ein weib,
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ja vil mehr meinen leib, zu freien,
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daß ihr leib mein, mein leib ihr bleib,
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daß es mich nicht mög widerreuen,
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glaub ich, daß ich vertrauen nicht
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solt meines freinds mund noch gesicht:
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»zu buhlen und sich selbs zu preisen,
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kan ein man selbs das best erweisen.«

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In meiner wahl nun kühn und frei
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wolt ich anfänglich gleich begehren,
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daß solcher eltern kind sie sei,
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die an zucht, freiheit, fromkeit, ehren
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noch älter, dan ein alt geschlecht;
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dan eine schönheit, die nicht schlecht
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mit einem schlecht und rechten leben
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kan das blut selten allein geben.

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Zwar weiß ich wol, daß gute zweig
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von alten bäumen noch aufschießen,
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zu deren lob ich nicht verschweig,
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daß ihres stammens sie genießen,
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und darum wert, daß man sie ehr;
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doch ich vermein auch, daß je mehr
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ein berg sich in die höhin strecket,
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je bälder er mit schnee bedecket.

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Forchtlos nu für der reu zu sein,
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die uns zu spat doch bald erschleichet,
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soll meine wahl nicht auf den schein,
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sondern recht nützlich sein bereichet.
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»wer seine freiheit gibt dahin
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um stands und um gesichts gewin,
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der kaufet ein pferd zu prachtieren,
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darauf er schimpflich mag verlieren.«

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Jedoch wolt ich sie an statur
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und leibs schönheit vollkommen haben
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und daß sie, ganz schön von natur,
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solt aller augen stracks erlaben:
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gleich wie die sonn solt sie schön sein,
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daß sie mit unbeflecktem schein,
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von allen augen zwar gesehen,
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mög doch nur bei mir nidergehen.

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So darf sie auch nicht sein gelehrt,
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vil sprachen darf sie nicht studieren,
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des weibs verstand ist schon gnug wert,
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der gnug ist, ihr haus gnug zu zieren.
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die ein gespräch nur für mich hab,
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beweisend sie ein gottesgab,
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die mehr nicht, dan mein thun und lassen
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thu (als mein spiegel) in sich fassen.

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Ich wolt gar nicht, daß sie mit glimpf
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solt jemand wollen vil vexieren,
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vil weniger mit spot und schimpf
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verlachen, zanken und stumpfieren;
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verachten soll sie böse blick
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und schandlicher geberden stück
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und böse buhler förchten machen
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ihr für zu bringen böse sachen.

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Daß sie niemals ab dem werd rot
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was sie begangen und versaumet;
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daß sie sei keusch, ohn schand und spot,
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daß ihr nichts böses je getraumet;
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»dan die jungfrau, in deren brust
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sich einmal nistet böse lust,
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die hat, eh sie thut böse thaten,
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die vestung ihrer zucht verrathen.«

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Stets soll sie mit forcht, scham und ehr,
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wan ich sie herze, der lieb pflegen:
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doch wolt ich, daß sie fruchtbar wär,
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mehr namens, dan nur wollusts wegen.
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»dan die, so in dem werk schamhaft,
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hat stets ein neue jungfrauschaft,
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und die zucht kan die treu erhalten
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und läßt den heurat nicht veralten.«

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Sie soll, wan sie mir gibt die hand
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verlobend sich, in ihr herz graben,
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wie durch des ehstands starkes band
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got aus uns beeden eins wöl haben,
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und bitten got von herzengrund,
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daß wir zugleich in guter stund
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(als Aarons steck) beed hie auf erden
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frisch grünen, fruchtbar und dürr werden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Rudolf Weckherlin
(15841653)

* 15.09.1584 in Stuttgart, † 23.02.1653 in London

männlich

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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