Die lügin

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Georg Rodolf Weckherlin: Die lügin (1618)

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Geh durch die welt, o meine seel,
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der welt undankbarkeit zu sehen,
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sag jedem ohn scheu seinen fehl,
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die warheit selbs soll dir beistehen:
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kan ja die welt nichts dan betriegen,
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so heiß sie offentlich rund liegen.

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Dem hof sag, daß sein pracht und ehr
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wie faul holz unbeständig scheinen;
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der kirchen sag, was ihre lehr
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gut heißet, ihre werk verneinen;
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und sagen sie, du bist betrogen,
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so sag ohn scham: es ist erlogen.

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Den fürsten sag, ihr stand und hab
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könd nicht ohn andrer hilf lang wehren,
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und daß man pfleg mehr ihre gab,
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dan sie zu loben und zu ehren;
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und sprechen sie: du bist betrogen,
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so sag ohn forcht: es ist erlogen.

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Den herren sag, die sich beseits
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in ihren hohen ämptern spreißen,
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daß sie des ehrgeiz und neids
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mehr dan der billichkeit befleissen;
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und sagen sie: du bist betrogen,
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antwort du rund: es ist erlogen.

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Sag denen, welche für der welt
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mit zeug und kleidern statlich prangen
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sie wolten gern dardurch mehr geld
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und größern dienst und ruhm erlangen;
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antworten sie, man sei betrogen,
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so antwort du: es ist erlogen.

31
Sag, buhlerei sei böser lust,
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sag, ehr mög bald verkehret werden,
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sag, schönheit kürzlich werd ein wust,
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sag, alter neig sich zu der erden;
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antworten sie, man sei betrogen,
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so sag du frech: es ist erlogen.

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Dem rechten sag, es sei voll zank,
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sag, klugheit pfleg sich zu bethören,
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der arznei sag, sie sei selbs krank,
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sag, keinen grund die schulen lehren;
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und sagen sie, man sei betrogen,
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so antwort du, es sei erlogen.

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Der gunst sag, sie sei voll betrug,
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dem glück sag, es sei ganz verblindet,
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der reichtum sag, sie hab nie gnug,
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sag, daß die kunst nicht wol gegründet;
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antworten sie, man sei betrogen,
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so sag du rund: es ist erlogen.

49
Der dapferkeit halt dise sprach,
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daß sie trag selten ein mitleiden,
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sag der natur, daß sie werd schwach
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und könd den abgang nicht vermeiden;
53
antworten sie, man sei betrogen,
54
so sag du bald: es ist erlogen.

55
Der freindschaft zeig an, wie sie mag
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für ihre freind so wenig sorgen,
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und der gerechtigkeit selbs sag,
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sie lig gefangen und verborgen;
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antworten sie, man sei betrogen,
60
so sag du gleich: es ist erlogen.

61
Den stätten sag, wie treu, glaub, ehr
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und redlichkeit aus ihnen fliehen,
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den dörfern sag, wie sie so sehr
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an grobheit und an irrtum blühen;
65
und sagen sie: du bist betrogen,
66
so sag du rund: es ist erlogen.

67
Letztlich die tugend selbs bericht
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(wa du sie anders soltest finden),
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daß man mehr ihrer achtet nicht
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und sie allein bleib gar dahinden;
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antwortet sie, man sei betrogen,
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so sag du frei: es ist erlogen.

73
Wolan, wan du nu mit warheit
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die welt ganz zornig soltest machen,
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so kanst du noch auch mit frechheit
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ohn forcht die ganze welt auslachen,
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dan wer will, seel, mag dich verklagen,
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auch um den kopf die geigen schlagen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Rudolf Weckherlin
(15841653)

* 15.09.1584 in Stuttgart, † 23.02.1653 in London

männlich

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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