Charithea beklaget sich über den Tod ihres Anaxanders

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Georg Rodolf Weckherlin: Charithea beklaget sich über den Tod ihres Anaxanders (1618)

1
Dein glanz, o sonn, ist leider! nicht für mich,
2
die ich nicht mehr bei leben;
3
dan er kan ja der todten angesicht
4
kein liecht, noch trost mehr geben:
5
ich bin nu tod zu aller freud
6
und lebendig nur zu dem leid.

7
Auch williglich vermeid ich deinen schein,
8
als ab dem liecht verdrossen,
9
und lig alhie in der einöd allein,
10
als in ein grab beschlossen,
11
alda mich angst, sorg, pein und plag,
12
wie würm, verzehren nacht und tag.

13
Nu weiß ich recht, wie schmerzlich der wollust
14
das angedenken rühret,
15
wan man so bald, ohn der begird verlust,
16
nur den genuß verlieret,
17
und wie vil besser jede frist
18
nicht haben, dan verlieren, ist.

19
Ach meine freud, die ich in gutem glück
20
nach herzens wunsch genossen,
21
ist wie die flut in einem augenblick
22
mit ungestüm verflossen
23
und ließ mir nichts dan finsternus
24
und des verlornen guts verdruß.

25
Ach, weh! verdruß! wilt du auch in dem grab
26
mein leben noch beschweren?
27
soll dan, wan ich kein leben in mir hab,
28
gleichwol mein übel wehren?
29
ach, laß den armen todten zu,
30
zu ligen, traurig, in der ruh!

31
Wan ich schon oft dein tödlich schwere streich
32
vor meinem tod empfunden;
33
wan ich mich oft beklagend schwach und bleich
34
die himmel taub erfunden;
35
sol dan auch trübsal und gefahr
36
mir noch beiwohnen in der bahr?

37
Warum, ach weh! kan ich doch nimmermehr
38
der süßen zeit vergessen,
39
darin mein herz mit ruhm, freud, lust und ehr
40
glückselig war besessen,
41
nu da mein herz und seel zumal
42
voll jamer, greuel, angst und qual?

43
Ach, sihst du nicht, jemehr mein armes herz
44
was es gehabt bedenket,
45
daß desto mehr der seelermördend schmerz
46
es racket und bekränket,
47
und daß, indem ich bin nichts mehr,
48
gewest zu sein mir allein schwer!

49
Dan weil also der schwer unträglich zorn
50
des himmels mich geschlagen,
51
verkehren sich die rosen all in dorn
52
und mein gesang in klagen.
53
glückselig vor gewest zu sein
54
ist jetzund meine gröste pein.

55
O mein beistand, mein ruhm, hilf, pracht und kraft
56
numehr in staub verkehret,
57
ohn welchen ich gleichwie ein baum ohn saft
58
der durch den stral entehret;
59
ach, von wie hoher seligkeit
60
mich stürzet deine sterblichkeit.

61
Ach weh! gleichwie von aller traurigkeit
62
dein leben mich gefreiet,
63
daß niemals mir ab des glücks listigkeit,
64
stets hofnungsvoll, gescheuet;
65
also trostlos in diser not
66
förcht ich nun alles ohn den tod.

67
Was aber kan in disem jamerthal
68
noch mein gemüt verletzen?
69
kan wol mein geist ab einigem trübsal,
70
so arm, sich noch entsetzen?
71
mein geist, dem der tag wie die nacht,
72
den die verzweiflung forchtfrei macht?

73
Nein. Dein abschid hat gar von mir mit sich
74
trost, hofnung, forcht genommen;
75
ich bin zumal durch deinen tod um dich
76
und all mein gut gekommen:
77
mein leben allein ist zu lang,
78
und dafür allein ist mir bang.

79
Dan indem mir kaum under disem last
80
zu athemen gegeben,
81
ich doch mein heil, ja auch mich selbs ohn rast
82
und trost muß überleben,
83
ist dieses leben selbs die plag,
84
die ich zu lang zu leben trag.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Georg Rudolf Weckherlin
(15841653)

* 15.09.1584 in Stuttgart, † 23.02.1653 in London

männlich

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.