An Herren Veyras, Churf. Pfalzgr. Secretary

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Georg Rodolf Weckherlin: An Herren Veyras, Churf. Pfalzgr. Secretary (1618)

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Dein lob, so ich zu aller stund
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von manchem lobbewehrten mund,
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mein Veyras, williglich vernommen,
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Vermehrte die begird in mir,
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die ich zuvor lang hat, mit dir
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in bessre kundschaft bald zu kommen,
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Hab demnach kaum ersuchet dich,
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daß du alsbald ganz freindlich mich
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hast under deine freind genommen.

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Kont also weder geiz noch lust,
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wie sunst der brauch, in unsrer brust
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ein solches feur der lieb anzünden,
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Sondern der tugend eigne hand
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mit ihrem tüchtig besten band
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must unsre herzen recht verbinden:
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Und solches band ist so wehrhaft,
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daß damit leichtlich die freindschaft
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kan glück, zeit und tod überwinden.

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Darum ich nu kühn von dir schreib
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und auch in guter hofnung bleib,
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du werdest dich gar nicht beschweren,
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Wan ich durch dise schrift begehr,
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mit meinem namen deine ehr
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und deinen namen zu vermehren;
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Indem ich anderst nicht thun kan,
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weil ehren einen werten man,
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ist gleich so vil, als selbs sich ehren.

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Ich weiß wol, wie der götter gunst
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dein haupt mit weisheit, tugend, kunst,
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lehr und erfahrenheit gezieret:
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Wie deine red, kunstreich und weis,
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als des gemüts kraftreiche speis,
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in allen herzen triumfieret:
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Und wie des besten nektars kraft
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und der kastalisch beste saft
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von deiner federn distillieret.

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Wan, wie Pythagoras gewolt,
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man für unläugbar halten solt,
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daß fremde seelen uns beleben,
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So hielt die welt, halt ich, darfür
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und wär auch gläublich, daß in dir
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man seh nu jenen wider leben,
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Dem, als er sehr jung sein ruh nam
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die binen ihren honigsam
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für seine erste speis gegeben.

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Darum dir, solchem verdienst nach,
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auch wegen ein und andrer sprach,
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vil fürsten billich günstig bleiben;
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Und du (dieweil ja ihr anblick
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und gnad kan als das beste glück
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all sorg und forcht von uns vertreiben)
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Thust recht zu ihr und deinem preis
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gedenkwürdige werk mit fleiß
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in ein und andrer sprach zu schreiben.

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Ich meines theils, in dessen herz
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der ehrgeiz weder sorg noch schmerz,
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noch hofnung, noch auch forcht erwecket,
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Besuch vil lieber das grün feld
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und frische brünlein, stille wäld
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und bäch, die noch kein thier beflecket,
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Dan die palläst von marberstein
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mit gold und andrer reichtum schein
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gefüttert und mit blei bedecket.

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Ja, so vil immer ich vermag,
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flieh ich den pöfel, meine tag
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wol mit den Musen zu volbringen,
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Die lehren mich und ich lehr sie
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auf neue weis mit süßer müh
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ein gutes teutsches lied zu singen,
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Und mit vor unerhörter prob
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der helden und der Nymfen lob,
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ja Amors ehr auch zu erklingen.

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Wan der Homer, der den wein sehr
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gelobt, weinsüchtig gwesen wär,
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wie gleichwol ich nicht kan gedenken,
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Gedenk doch du, mein Veyras, nicht,
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daß, wan ich von dem wein auch dicht,
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ich so gern sei bei dem weinschenken;
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Dan wider meiner landsleut wohn
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glaub ich, daß der Semelen sohn,
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ohn maß, thu leib und seel bekränken.

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So glaub ich, daß es auch gnug sei,
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wan der poet ohn heuchelei
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ein from und keusches leben führet,
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Obschon bisweilen sein gesang
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mit frecher sprach und geilem klang
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die ohren üppiglich berühret;
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Ob es auch wol die loben nicht,
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die Timon gleich von angesicht,
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weil Epikur ihr herz regieret.

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Jedoch ist es schon mehr dan gnug
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weil ich schon hör und sih den flug
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der lauten rappen, hetzen, krähen.
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Darum, ihr Musen, eilet fort,
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daß wir uns, in ein stilles ort
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verstehlend, dem geschrei entgehen.
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Du, Veyras, unsrer Musen ruhm
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für einen kranz wirst diese blum,
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hoff ich, zu nehmen nicht verschmähen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Rudolf Weckherlin
(15841653)

* 15.09.1584 in Stuttgart, † 23.02.1653 in London

männlich

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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