Brautlied zu ehren der hochzeit Filanders und seiner Cloris

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Georg Rodolf Weckherlin: Brautlied zu ehren der hochzeit Filanders und seiner Cloris (1618)

1
Als mein Filander nu mit lust
2
die lang begehrte edle blust
3
und seiner buhlschaft frucht errungen,
4
hat ein hauf Liebelein gar laut
5
dem bräutigam und seiner braut
6
zu ehren dises lied gesungen.

7
O daß ihr möget, allezeit
8
einmütig, in sunst keinem streit,
9
dan in dem liebesstreit nur leben!
10
darinnen eines jeden herz
11
dem andern mög wollust und scherz
12
für scherz und wollust widergeben.

13
Durch küß, von süßem nectar feucht,
14
das herz und seel von freuden leicht,
15
solt ihr euch nemen und mittheilen
16
tiefwundend sollen eure küß,
17
süßheilend sollen eure büß,
18
verwundend euch, euch wider heilen.

19
Des einen mund soll mit wollust,
20
des andern herz aus seiner brust
21
zu nemen, ihm die brust aufspalten:
22
des andern herz soll mit dem mund,
23
durch süße küß verwundend, wund
24
der andern brust sich nicht enthalten.

25
Mit euern armen stark und zart,
26
mit euern glidern sanft und hart
27
solt ihr einander froh umfassen:
28
ihr solt einander auch fürhin
29
nicht, dan mit süßerem gewin
30
euch wider umzufassen, lassen.

31
Zwar jetzund deinen heldenmut,
32
nicht dein ererbtes heldenblut
33
solt du glückseliger held sparen:
34
lieb, lieber scherz und süßer glimpf,
35
liebkosen, küß und kützlens schimpf
36
wird sie dir machen bald willfahren.

37
Wan aber dises ja nicht gnug,
38
solt kühner du mit gutem fug
39
an deine feindin freindlich fallen,
40
und laß dir ihre scham und zucht,
41
ihr klagen, flehen und ausflucht
42
gefallen wol und doch misfallen.

43
Durch den schweiß nimmet die freud zu,
44
die ruh ist süßer nach unruh,
45
und süßer die küß so genetzet;
46
also wan leidig deine freid,
47
also wan freidig auch ihr leid,
48
wird beeder leid und freid ergetzet.

49
Ach weh, wie forchtsam scheint sie doch!
50
wie zittert sie doch ab dem joch,
51
darunder deine arm sie binden!
52
dein mund kan, durstig, nu zumal
53
ein süßes seufz- und zähernmahl
54
auf ihrem mund und augen finden.

55
O himmelisches mahl! o speis!
56
o göttliches gedrank! mit fleiß
57
in köstliche gefäß gegossen!
58
gefäß, so schön, daß auch kein got
59
aus schönern in der höchsten not
60
der nahrung noch arznei genossen.

61
Damit nu ihrer süßigkeit
62
und beizenden holdseligkeit
63
du und sie möget gar genießen,
64
so laß dich kein bit um anstand,
65
kein widerstehen ihrer hand
66
verhindern, fangen, noch verdrießen.

67
Geh, fang nu mutig an die schlacht,
68
gebrauch doch nicht zu große macht,
69
sie nicht zu sehr gleich zu erschrecken;
70
sondern gebrauch weil, list, betrug
71
und falsche flucht, angrif, aufzug,
72
damit die vestung zu entdecken.

73
Und dan mit zitterender stim,
74
wan dan mit gleißnerischem grim
75
sie dich wird arg, frech und bös nennen,
76
hör doch nicht auf, mit vollem lust
77
ihr aug, stirn, mund, hals, wangen, brust
78
mit tausend küssen anzurennen.

79
Sie mag lang sagen: »es ist gnug!
80
es ist gnug! seid ein wenig klug!«
81
und dir mit beeden händen wehren,
82
damit sie doch nicht unden lig;
83
heng du gleichwol stets nach dem sig
84
durch welchen sich die lieb muß nehren.

85
Also in disem heißen streit,
86
begirig nach der süßen beut,
87
kanst du den sturm widrum erneuen,
88
und laß von ihrer brust und schoß,
89
weiß, rund, steif, glat und mangellos
90
nichts deine geile hand abscheuen.

91
Wan du nu so nah bei dem platz
92
solt du küß auf küß, schmatz auf schmatz,
93
schmuck auf schmuck, lieb auf lieb losschießen;
94
alsdan solt du dein blut, den lohn
95
der lieb und der lieb myrtenkron
96
zu überkommen, steif vergießen.

97
Mehr dan stern in der klaren nacht,
98
mehr dan blümlein des frühlings pracht,
99
mehr dan auf Hybla binen fliegen,
100
tiefgründend, herzkützlende küß,
101
und tiefempfindend süße büß,
102
die müssen ihre forcht betriegen.

103
Auch ächzen mit geilhafter schmach
104
und lächlen mit scherzreicher sprach
105
und bossen sollen da nicht fehlen:
106
schmätz, seufzen, bitten, klag und lob,
107
schimpf, ernst, scherz, züchtig, fein und grob
108
solt mit einander du vermählen.

109
Also durch der lieb rechte kunst
110
wird sie ihr artliche ungunst
111
nach und nach artlicher verkehren
112
und endlich, frei von forcht und zorn,
113
mit gilg und rosen ganz ohn dorn,
114
mit ihrem deinen leib gern ehren.

115
Alsdan auf eine neue art
116
muß bald mit küssen, lang und hart,
117
die seel aus ihr in dich selbs ziehen,
118
und sie wird auch auf gleiche weis,
119
sich und dich mit liebreichem fleiß
120
zu sättigen, sich selbs bemühen.

121
Und alsdan, frecher als zuvor,
122
erheb du das banier entbor
123
und fang von neuem an zu streiten,
124
üb aller süßen schalkheit stück,
125
und aller süßen bosheit dück,
126
und greif sie an auf allen seiten.

127
Gebrauch list auf list, schmach auf schmach,
128
bis sie froh ist, daß sie zu schwach
129
und zu verlieren, scharmützieret;
130
gebrauch kunst, stärk, betrug und macht,
131
zwing sie zu einer freien schlacht,
132
da ihr beed siget und verlieret.

133
Und also euer frischer mut
134
soll dieses süßen kampfs ohn blut
135
von neuem widrum euch gewehren,
136
und, als oft Phöbe ihren glanz
137
macht zwölfmal halb und zwölfmal ganz,
138
die welt durch eure frucht vermehren.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Georg Rudolf Weckherlin
(15841653)

* 15.09.1584 in Stuttgart, † 23.02.1653 in London

männlich

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.