An Herren Heinrich Wotton, engelländischen rittern

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Georg Rodolf Weckherlin: An Herren Heinrich Wotton, engelländischen rittern (1618)

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Die morgenrötin kommet her
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von aufgang mutiglich geflogen,
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die ihren schmuck, pomp, ruhm und ehr
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auf einmal jetzund angezogen;
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Sie macht mit lachend rotem mund
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durch lieb die erd und himmel wund,
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sie macht mit schmollend roten wangen
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die erd und himmel mit ihr prangen;
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Das land mit ihrer zarten hand
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bestreuet sie mit gilg und rosen,
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und mit süßköstlichem gewand
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will sie der weiten welt liebkosen.

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Hör, wie mit doppeltem getös
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das fließend schnelle silber rauschet,
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wie, diser schönen zeit gemäß,
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der bäum laub seine küß vertauschet;
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Hör doch, wie Philomele frei
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darf ihres schwagers büberei
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ihr trübsal, lieb und leid erklingen
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und wider und bald wider singen;
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wie sie mit übersüßer weis
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will lindern, längern und verzwicken
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ihr leid, sich selb mit süßem fleiß
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und auch die götter zu erquicken.

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Warum dan schweig ich nu so lang,
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warum soll meine stim sich sparen
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und durch ein billiches gesang
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der helden lob nicht offenbaren?
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Insonderheit der helden lob,
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von denen wir ein wahre prob,
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wie man den tugenden ergeben
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mit ihnen ewiglich mög leben?
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So gib mir nu mein instrument,
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und du, Thalia, hilf mir singen,
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auf daß bis in das firmament
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mein würdiges lied mög erklingen.

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Heinrich, ein Wotton an geschlecht,
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so keines helden stammen weichet,
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du bist vom himmel ein gemächt,
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der dich mit seinem schatz bereichet
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Kein andre dan der götter hand
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könt dich an leib, geist und verstand
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so leiblich uns abconterfehen,
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daß man sie all in dir kan sehen:
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Dan Jupiter hat dein geblüt
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und Phöbus deinen geist gezieret
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und wie Mars, forchtfrei, dein gemüt,
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also Lieb dein gesicht regieret.

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Der himmel hat kein schlechte gunst
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und trost auf Engelland gegossen,
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indem er so vil lehr und kunst
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in dein haupt und brust eingeschlossen:
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Dein könig, welchem an weisheit,
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lehr, gotsforcht und geschicklichkeit
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kein könig und mensch gleich zu nennen,
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könt solches längsten wol erkennen
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Darum er dich oft hin und her
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zu großen potentaten schicket,
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als der weiß, wie dein tiefe lehr
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geschäften, die sehr schwer, beglücket.

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Mehr dan der redreich Amfion,
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der Thebe mit der maur umrungen,
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mehr dan der schönen Mayen sohn,
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von welchem Argus war bezwungen;
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Mehr dan der Griech selbs, welcher klug
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der süßen meerfräulein betrug
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mit nicht geringerm lob betrogen,
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dan er den umkreis durchgezogen
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Und dessen mund mit überfluß
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könt eine honigred ausgießen
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wie die schnee mit der wolken guß
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zu frühlingszeit von bergen fließen.

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Kan deines munds wolredenheit,
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wie du selbs wilt, das herz bewegen.
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kan deiner red vollkommenheit
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die stolze seelen niderlegen
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Und deine zung in jeder brust
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kan lieb und haß, leid oder lust,
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müh oder ruh zu wegen bringen,
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die willen, die unwillig, zwingen;
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Sie kan, wie sie will, das gemüt
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anreizen, treiben, halten, stehlen,
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erfüllen mit zorn oder güt,
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ja sie kan stein und blöck beseelen.

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Vil sprachen feind dir also kund,
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als ob sie allzumal dein eigen,
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und du kanst mit lehrreichem mund
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auch den gelehrtesten vil zeigen.
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Darum, der schönste kranz, den man
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bei Eurota zurichten kan,
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ist zu schlecht, dein haupt zu berühren
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und nicht wert sich damit zu zieren;
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Sonder, Wotton, der Musen wohn,
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die götter, die dich so lieb haben,
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die machen selbs ein reiche kron,
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dich würdig damit zu begaben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Rudolf Weckherlin
(15841653)

* 15.09.1584 in Stuttgart, † 23.02.1653 in London

männlich

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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