Die allernotwendigste reis

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Georg Rodolf Weckherlin: Die allernotwendigste reis Titel entspricht 1. Vers(1618)

1
Die allernotwendigste reis,
2
die ein fürst billich soll verrichten
3
ja die reis, deren müh und schweiß
4
einbringet nichts dan gute früchten:
5
Die treflichste reis in der welt,
6
da man einbüßet weder geld
7
noch zeit, die reis, die stets gedeihet,
8
und die reis, deren uns nicht reuet,
9
Ist die reis zu dem vesten schloß,
10
darinnen selbs die tugend wohnet,
11
die alle pilger klein und groß
12
mit, was sie wünschen, gern belohnet.

13
Anfänglich zwar, dieweil der weg
14
uneben, eng, gäh, ungebahnet,
15
wird man verdrüßig, müd und träg
16
besonders so uns niemand mahnet:
17
Oft auch bethöret der wollust
18
gleich eingangs eines jünglings brust,
19
daß seine reis er nicht vollendet
20
sondern (zwar nicht ohn scham) umwendet.
21
Der aber, so (standhaft und klug)
22
den ersten hügel nur ersteiget,
23
der sihet trosts, lusts und guts gnug,
24
so seine wolfahrt ihm bezeuget.

25
Dann er bald kommet in das reich,
26
da eine königin regieret,
27
die schön, allmächtig, weis und reich
28
ihn gern mit ihrem orden zieret.
29
Gotsforcht ist sie bei uns genant,
30
all andre tugenden bekant,
31
dadurch die menschen sich erhöhen,
32
die halten all von ihr ihr lehen.
33
Wer nu gehorchet ihrer lehr,
34
der wird bald seiner müh ergetzet
35
mit unvergänglich großer ehr
36
selbs in der götter reich versetzet.

37
Sie, aller helden höchste zier,
38
hat bei ihr andre fräulein wohnen,
39
und tragen sonderlich noch vier,
40
als königinnen, reiche kronen:
41
Sie heißen Weisheit, Dapferkeit,
42
Gerechtigkeit und Mäßigkeit;
43
ein jede kan dein herz erlaben
44
mit reichtum ehr und lob begaben.
45
Und noch ein andrer Nymfen hauf
46
die an gestalt und geist vollkommen,
47
den königinnen warten auf,
48
und denen, die zu ihnen kommen.

49
Glaub, Warheit, Treu, Freigebigkeit,
50
die welche nichts jemals verdrießet,
51
Lieb, Demut, Gnad, Beständigkeit,
52
und die, so jederman begrüßet,
53
Und noch vil andre fräulein mehr,
54
fürtreflich schön und deren ehr
55
nicht kan betrügen noch veralten
56
und darum billich hoch zu halten
57
Empfangen freindlich ihre gäst,
58
tractieren, underhalten, lehren,
59
erquicken sie auch auf das best,
60
daß sie nichts weiter zu begehren.

61
Der lieblichen Alcmenen sohn
62
hat, kühn, erlanget diesen orden,
63
darum er auf der götter thron
64
zu sitzen würdig erkant worden.
65
O daß in disem weiten kreis
66
den jungen herren dise reis
67
vor andern reisen möcht gefallen,
68
dan sie auch nütz vor andern allen;
69
Sie würden mehr freind, ruhm, freud, lob,
70
dan wirt, reu, leid und spot erwerben,
71
und endlich nicht betrogen grob
72
wie sunst gemeine leut absterben.

73
Nu dise schöne reis hast du,
74
o prinz Karl, schon langst angefangen,
75
bist auch der eitelkeit und ruh
76
numehr mit ehren weit entgangen:
77
Zwar hat der natur milde hand
78
dich mit so götlichem verstand,
79
kunst und fürsichtigkeit gezieret
80
und fort auf dieser reis geführet:
81
So gibt der himmel dir die gnad,
82
daß du, zu seiner freinden frommen,
83
so jung noch auf der tugend pfad
84
den alten sehr weit fürgekommen.

85
Also dein leben ist dein preis,
86
und dein preis ist wahr und dein eigen:
87
fahr du nu mutig fort und weis
88
noch andern diesen pfad zu zeigen,
89
Wie man nicht soll aus einem saal
90
ein alt und langgemalte zahl
91
der alten helden, frech, entlehnen,
92
sich fälschlich damit zu beschönen:
93
Sondern wie man durch eigne kraft
94
so der vorfahren folgend leben
95
und also der nachkommenschaft
96
zu leben ein exempel geben.

97
Es fehlet ja derjenig weit
98
und ist auch nicht für klug zu achten,
99
der großer helden werk allzeit
100
nicht nachzufolgen wolt betrachten.
101
Darum fahr fort mit starkem mut
102
zu folgen dem, aus dessen blut
103
du, Karl, glückselig bist entsprossen,
104
fahr fort und sei stets unverdrossen;
105
So wirst du, wie du bist, fürhin
106
lieb sein dem himmel und der erden,
107
ja, glaub mir, daß auch dich wie ihn
108
die götter selbs stets loben werden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Georg Rudolf Weckherlin
(15841653)

* 15.09.1584 in Stuttgart, † 23.02.1653 in London

männlich

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.