Von der tugend und mancherlei irrtumen der menschen

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Georg Rodolf Weckherlin: Von der tugend und mancherlei irrtumen der menschen (1618)

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Nein, es ist nicht der tugend schein,
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so uns die wahre freud kan geben,
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sondern die tugend selbs allein
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kan uns glückselig machen leben;
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die tugend selbs hat das vermögen
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müh und verdruß von uns zu legen.

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Die tugend macht den menschen reich,
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daß ihn die armut nicht beschweret;
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glück und unglück gilt ihm ganz gleich,
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der hagel sein feld nicht entehret;
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got ihn mit solchem gut belohnet,
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das allzeit mit und in ihm wohnet.

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Die tugend gibt ruhm, adel, ehr,
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wer sie hat, der ist wolgeboren,
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ob er wol weder fürst noch herr,
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ist er doch von got auserkoren;
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dan über sein herz er regieret
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und über die welt triumfieret.

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Ob wol der natur freie hand
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nicht seine glider wolgestaltet,
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wird der beharrliche wolstand
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doch seiner seelen nicht veraltet:
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»soll man nu wegen guter lehren
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mehr das haupt oder den hut ehren?«

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Die leibsgesundheit ist die gab,
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damit uns die natur erlabet;
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vil besser aber dessen hab,
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der mit gesunder seel begabet,
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seel, die kein zufall kan erschrecken,
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bekränken, schwächen noch beflecken.

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Was hilft es, daß in meinem hirn
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der Platon selbs und Zenon stecket?
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daß witzig scheinet meine stirn,
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daß mein mund stets von weisheit gecket?
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wan in der einfalt reinen seelen
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die tugend sich pflegt zu verhehlen?

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Was hilft es, daß ich geb bericht
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von allem was jemal gewesen?
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daß alle künstliche gedicht
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der poeten ich wol gelesen:
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wan sie durch ihr kunstreiches liegen,
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mein zeit verkürzend, mich betriegen?

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Was hilft es, das gemäld, gesang,
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die zahl und maß wol zu verstehen,
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der sternen lauf, der welt fortgang
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und alle länder zu besehen:
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wan in sich selbs mein herz, verblindet,
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kein zil, maß, zahl noch regul findet?

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Was hilft es, andern rat, arznei,
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wolredenheit theur zu verkaufen,
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in fremde land um spezerei,
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und mutig dem krieg zuzulaufen:
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wan zank und krankheit mich selbs plaget
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und mir der tod allzeit nachjaget?

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Was hilft es mich, blind, taub und stum
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an großer herren höf zu wohnen,
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und durch gesundheit und willkom
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des geists und leibs nicht zu verschonen,
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erlangend nichts mit müh und sorgen
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dan villeicht einen guten morgen?

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Ist es nicht fein, eh man guts thut
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ohn bit und schmieren die leut hassen;
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mit aufgenagelt krummem hut
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sich breiter machen dan die gassen,
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und auch mit sauren spotsaugbrauen
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den, der vil beßer, schlim anschauen?

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Ist es nicht ein stück der misgunst,
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daß die, so sunst die künsten fliehen,
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gestigen hoch durch des gelts kunst
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die leiter stracks nach ihnen ziehen,
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damit die, deren werk bezeugen,
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daß sie mehr wert, nicht hinachsteigen?

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Ist es nicht artlich, andre leut
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der seelen seligkeit berauben
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und doch nicht wissen selbs den streit,
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noch was, wie und warum zu glauben?
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fein ist es, andre stets zu schmähen
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und seine eigne fehl nicht sehen.

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Es ist gar höflich, seine sprach
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mit fremden worten zu parlieren
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und sie mit eines andern schmach,
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mit fluchen, zotten, bossen zieren;
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von spilen, schlemmen, stechen, schlagen,
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von huren, hetzen, beizen sagen.

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Wie lieb ist es, daß arme leut
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sich für dir neigen zu der erden?
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wie gut ist es, in kurzer zeit
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bei seinem dienst gar reich zu werden,
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und doch noch dolle wort ausgießen,
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wie man dabei muß vil einbüßen.

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Es ist fein, daß ein fremdling sich
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kan in ein gutes haus einnisten,
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und mit dem fuchsschwanz listiglich
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ausbutzet fertiglich die kisten
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und dan, als ein subtiler spötter
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die götter rühmet seine vetter.

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Es ist ein boß, ein reiches weib,
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wie sie sunst sein mag, zu erdappen
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und sich bei ihr in stetem keib
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bedecken mit der narrenkappen;
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wie auch ein jungfraubas zu freien,
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damit die herren günstig seien.

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Es ist ein kunst, wan einer kan
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vil guts zu nichts verdistillieren;
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es ist ein lob mit jederman
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von jedem ding zu disputieren:
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in gutem glück sich zu erfreuen
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und weis zu sein sich selbs beschreien.

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Nein. Der bemühet sich umsunst,
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sein herz vernüget zu befinden
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(er sei gleich wie er wöll voll kunst)
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der sich selbs nicht kan überwinden
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und der sein freud und sein vernügen
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will außerhalb sich selbs erkriegen.

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Dan es ja nicht der tugend
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so uns die wahre freud kan geben,
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sondern die tugend selbs allein
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kan uns glückselig machen leben;
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sie selbs, die einig sich verbindet
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mit der gotsforcht, stets überwindet.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Rudolf Weckherlin
(15841653)

* 15.09.1584 in Stuttgart, † 23.02.1653 in London

männlich

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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