[meister, ohne dein Erbarmen]

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Clemens Brentano: [meister, ohne dein Erbarmen] (1838)

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Meister, ohne dein Erbarmen
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Muß im Abgrund ich verzagen,
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Willst du nicht mit starken Armen
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Wieder mich zum Lichte tragen.

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Jährlich greifet deine Güte
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In die Erde, in die Herzen,
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Jährlich weckest du die Blüte,
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Weckst in mir die alten Schmerzen.

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Einmal nur zum Licht geboren,
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Aber tausendmal gestorben,
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Bin ich ohne dich verloren,
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Ohne dich in mir verdorben.

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Wenn sich so die Erde reget
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Wenn die Luft so sonnig wehet,
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Dann wird auch die Flut beweget,
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Die in Todesbanden stehet,

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Und in meinem Herzen schauert
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Ein betrübter, bittrer Bronnen,
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Wenn der Frühling draußen lauert,
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Kömmt die Angstflut angeronnen.

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Weh durch gift'ge Erdenlagen,
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Wie die Zeit sie angeschwemmet,
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Habe ich den Schacht geschlagen
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Und er ist nur schwach verdämmet.

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Wenn nun rings die Quellen schwellen,
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Wenn der Grund gebärend ringet
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Brechen her die bittern Wellen,
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Die kein Witz, kein Fluch mir zwinget.

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Andern ruf' ich: schwimme, schwimme!
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Mir kann solcher Ruf nicht taugen,
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Denn in mir ja steigt die grimme,
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Sündflut, bricht aus meinen Augen.

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Und dann scheinen bös Gezüchte
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Mir die bunten Lämmer alle,
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Die ich grüßte, süße Früchte,
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Die mir reiften, bittre Galle.

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Herr, erbarme du dich meiner,
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Daß mein Herz neu blühend werde,
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Mein erbarmte sich noch keiner
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Von den Frühlingen der Erde.

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Meister, wenn dir alle Hände
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Nahn mit süß erfüllten Schalen,
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Kann ich mit der bittern Spende
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Meine Schuld dir nimmer zahlen.

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Ach! wie ich auch tiefer wühle,
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Wie ich schöpfe, wie ich weine,
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Nimmer ich den Schwall erspüle
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Zum Kristallgrund fest und reine.

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Immer stürzen mir die Wände,
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Jede Schicht hat mich belogen,
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Und die arbeitblut'gen Hände
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Brennen in den bittern Wogen.

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Weh der Raum wird immer enger,
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Wilder, wüster stäts die Wogen,
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Herr, o Herr! ich treib's nicht länger,
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Schlage deinen Regenbogen!

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Herr ich mahne dich, verschone!
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Herr, ich hört' in jungen Tagen,
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Wunderbarer Segen wohne
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Ach! in deinem Blute – sagen.

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Und so muß ich zu dir schreien,
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Schreien aus der bittern Tiefe,
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Könntest du auch nie verzeihen,
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Daß dein Knecht so kühnlich riefe.

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Daß des Lichtes Quelle wieder
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Rein und heilig in mir flute,
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Träufle einen Tropfen nieder
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Jesus mir von deinem Blute.

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So mein Lied vor zwanzig Jahren
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Als du in den Schacht geschauet,
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Und zu Freiberg eingefahren,
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Bis die Katze hat gemauet.

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So mein Lied nach zwanzig Jahren
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Als mein Haupt schon war ergraut,
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Du zum Freiberg kamst gefahren
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Auf der immortellen Haut.

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So mein Lied, weh! heut mit Bangen,
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Als gleich einer Honigimme
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Aus dem Rosenbusch der Wangen
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Grüßte deine graue Stimme.

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Stimme nachtigallenfarben,
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Ätzend Liederpulver streuend,
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Daß zu Wunden werden Narben
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Leid und Lied und Schmerz erneuend.

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Torenstimme einer Weisen
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Weise Stimme einer Törin,
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Stimme aus den Zaubergleisen
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Der Frau Venus, Klang der Möhrin.

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Weh, wie diese den Tannhäuser
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Lockte mit der Zauberflöte,
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Lockt den Pilger heiser, leiser
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Jetzt von Linum die Tralöte!

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Imme, die mich tief verwundet,
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Wohl mit Recht summst du verbindlich
95
Stimme süß, wie keine mundet
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Drum Freßlieb, das Weitre mündlich!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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