Weihnacht

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Clemens Brentano: Weihnacht (1834)

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Eine Rose hat geblühet
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Also süß, geheimnisreich,
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Daß selbst Gott für sie erglühet,
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Und geworden Menschen gleich.

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Keuschheit, Innigkeit und Demut
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Schmückten sie mit Farb und Duft,
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Daß ihr Reiz mit frommer Wehmut
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Bis zum Throne Gottes ruft.

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Also hat ihr Duft gezogen,
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Daß den Stärksten sie bezwang,
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Daß ihr an das Herz geflogen
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Ist der Held, um den sie rang.

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Daß, der erste und der letzte,
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Des allmächt'gen Gottes Sohn
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In den Schoß der Rose setzte
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Aus dem Himmel seinen Thron.

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Wie das Einhorn kömmt gesprungen
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Gern zu reiner Jungfraun Schoß
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Und sein Haupt, das nie bezwungen
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Beuget aller Wildheit bloß,

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So ihr inniges Verlangen
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Zog den Helden in das Land,
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Und sie band, den sie gefangen,
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Mit der Liebe stärkstem Band.

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Lieblich hat sie ihn empfangen,
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Ach er grüßte so vertraut!
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Und sie hat ihn süß umfangen,
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Wie den Bräutigam die Braut,

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Führt ihn ein zum Heiligtume,
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In des Herzens Kämmerlein,
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Wo mit ihm die reine Blume
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Mutterselig war allein.

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Wo sie den Geliebten legte
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In ein Bettlein keusch und rein,
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Und ihm, den sie lieblich pflegte,
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Schenkte süßen Balsam ein,

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Daß der ganz von Lieb' Berauschte
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Schlummernd dort neun Monde lag
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Und sein eignes Herz belauschte
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In des Mutterherzens Schlag.

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Und als nun der Held erwachte,
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O da war der Starke lind!
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Der da Erd' und Himmel machte,
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War ein kleines, süßes Kind.

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Den Unfaßlichen die Rose
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Bindet fest in Tüchlein ein,
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Wiegt ihn spielend ein im Schoße,
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Legt ihn in ein Krippelein.

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Und durch Demut führt die Holde
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Den Allmächt'gen nah und fern,
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Hin und wieder, wo sie wollte,
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Führt den Herrn die Magd des Herrn,

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Bringt zum Tempel den Geliebten,
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Setzt ihn auf ein Eselein,
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Führt ihn fern bis in Ägypten,
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Und er folgt dem Mütterlein,

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Flüchtet durch die dürre Wüste
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Ihren Schöpfer vor Gefahr,
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Und es nähren ihre Brüste
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Ihren Gott, den sie gebar.

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Führet ihren Gott zurücke
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An der treuen Mutterhand,
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Als erlosch des Feindes Tücke,
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In sein ird'sches Vaterland.

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Führt zu seines Tempels Hallen
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Den Allmächtigen, ein Kind,
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Lehrt ihn die Gebete lallen,
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Die ihm selbst gebetet sind.

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Und als sie im Tempel lehrend
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Den Vermißten wiederfand,
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Folgt er ihre Mahnung ehrend
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Wie ein Kind am Gängelband.

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Wie geschah dem Gottessohne
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Als der edlen Rose Duft
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Bis zum hohen Himmelsthrone
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Aus den Erdendornen ruft,

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Ganz in Liebe er erglühte
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Los er sich vom Vater wand,
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Sprang zur wundersüßen Blüte,
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Die da in den Dornen stand.

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Hat die Dornen wohl empfunden,
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Ward wohl selbst ein Röslein rot,
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Blutete, von Dorn umwunden,
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Aus fünf Rosen sich zu tot.

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Und empfangen von der Rose
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Süß nach weiblicher Natur
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Folgt allein er dem Gekose
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Ihres lieben Willens nur.

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Und als ihn die Süße, Holde
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Schloß im keuschen Herzen ein,
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Wo sie nur ihn haben wollte,
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Trank er also süßen Wein,

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Daß der Gottheit unermessen
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Und der Engel lichte Pracht
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Er im Mutterschoß vergessen,
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Wenn die Jungfrau niederlacht,

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Und mit lieblicher Geberde
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Hüllt sie in ein Knechtsgewand
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Den, der Himmel schuf und Erde,
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Liebe zwingt zu niederm Stand.

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Zwinget in dem Sklavenkleide
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Ihn so manches bittre Jahr,
103
Daß er tue, daß er leide,
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Was er nicht gewöhnet war.

105
Und als nun im Todeskleide
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Er ins Elend trat heraus,
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Daß das Lamm in Dornen weide,
108
Brach es laut in Tränen aus.

109
Fühlte gleich die Dornen stechen
110
Nach des Rosenbettleins Ruh'
111
Und es war, als wollt' er sprechen:
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Ach! wie komme ich dazu?

113
Und Maria lächelt freudig
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Dem gefangnen Königssohn,
115
Mit dir lieb' ich, mit dir leid' ich,
116
Doch du kommst mir nicht davon!

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Gott sei Preis, daß fest gebunden
118
Ich durch Liebe dich, o Held!
119
Hat dich Liebe überwunden,
120
So besieg' mir nun die Welt!

121
Eh' dein Vater zu der Rechten
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Dich, o Sohn! erhöhen soll,
123
Werd' erst Gnade seinen Knechten,
124
Denn er hieß mich gnadenvoll!

125
Adam und all seine Kinder
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Mußt du erst vom Zorn befrein,
127
Dann magst du, o Trost der Sünder
128
Wieder bei dem Vater sein.

129
Und daß dieser nicht dem Sohne,
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Und der Sohn sein selber nicht
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Zu der Sünder Heil verschone,
132
Gieng die Liebe ins Gericht.

133
Und es gab das Kind der Rose
134
All sein Blut so rosenrot,
135
Fiel aus seiner Mutter Schoße
136
In die Dornen, in den Tod.

137
Ach die Sünder kosten teuer
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Kosten Schmerzen ihn genug,
139
Bis er aus des Zornes Feuer
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Sie ins Bad der Gnade trug.

141
Und wer nun hier in der Rose
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Fein das süße Kindlein sieht,
143
Dank' daß aus der Junfrau Schoße
144
Ihm auch ist das Heil erblüht!

145
Hab' dies Weihnachtslied gesungen
146
Von dem süßen Rosenkind,
147
Bin von Dornen so umschlungen,
148
Daß ich wund und krank und blind.

149
Ist drum nicht dies Lied gelungen
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Mag es sein, weil wie ein Kind
151
In den Dornbusch ich gedrungen,
152
Daß ich dir ein Sträußlein bind'.

153
Hab' nur Dornen mir gesammelt,
154
Geb' dir all die Rosen hin,
155
O vergieb dem Schmerz der stammelt,
156
Laß mich scheinen, was ich bin.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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