Alhambra

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Clemens Brentano: Alhambra (1834)

1
Es saß ein Mägdlein an dem Wege,
2
Die Augen sahen klar ins Licht,
3
Die Händchen übers Herz geleget,
4
War's stille, stille, redet nicht.

5
Und rings ums Kind war süßer Frieden,
6
Und um des grünen Röckleins Saum
7
Schneeglöckchen lieblich nickend knieten,
8
Der Winter träumte Frühlingstraum.

9
Von allen Vöglein auf den Zweigen,
10
Da rührt sich keins, sie winkten sich,
11
Sie wollten alle stille schweigen,
12
Kein Lüftchen durch die Blätter strich.

13
Ein Pilger, der daneben ruhte,
14
Sprach leise: »Sag, du liebes Kind,
15
Wie ist dir's denn so still zu Mute,
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Als wenn der Schlummer Träume spinnt?«

17
Da seufzt das Kind: »O daß ich läge
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In einem Bettchen ausgestreckt,
19
Und nicht so einsam hier am Wege,
20
Die Mutter hätt' mich zugedeckt.

21
Und würde mich gar leise wiegen,
22
Bis mich ein Engeltraum beschlich,
23
Und würd' sich zu mir niederbiegen,
24
Und küssen mich, und segnen mich.

25
Mir ist's so stille jetzt im Herzen,
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Ich fühle ganz mich wie ein Kind,
27
All meine Freuden, meine Schmerzen,
28
Sie spielen wie ein Blatt im Wind.

29
Ich sehe in Großvaters Zimmer,
30
Der lang schon tot – er liebte mich,
31
's ist Donnerstag, da komm' ich immer,
32
Und freue an den Bildern mich.

33
Die vielen Bilderbücher liegen
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Dort auf dem Muschelmarmortisch,
35
Da bin ich jetzt so voll Vergnügen,
36
Als nur im Wasser je ein Fisch.

37
Ich und die Schwester still beschauen
38
Von Sadler das Einsiedlerbuch,
39
Und gleich wir uns ein Hüttchen bauen
40
Dort unterm Tisch, behängt mit Tuch.

41
Da sind wir still in unserm Hause,
42
Und schauen uns die Klausner an
43
In Wald, in Höhle, Fels und Klause,
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Und was sie alles dort getan.

45
Und wenn Großvater disputieret
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Mit einer Jungfrau fromm und klug,
47
Und Glaubenszweifel explizieret,
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Bis sie ihn mit der Bibel schlug;

49
Da hören wir, was in dem Buche
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Wir öfters abgebildet sehn,
51
Den Zweifel, daß er ihn versuche,
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Zum alten Eremiten gehn.

53
Ach, wie ist's rings so voller Sachen,
54
Dort Männchen, Tierchen feingeschnitzt,
55
Und wenn das Schränkchen auf wir machen,
56
Die Steine, Muscheln, wie das blitzt!

57
Herrje, was ist das, ich erschrecke,
58
Die Katze mir zur Schulter springt,
59
Sie lauerte dort in der Ecke,
60
Und weh, der schöne Traum versinkt!«

61
Da sprach der Pilger: »Liebe Waise,
62
Ich war bei allem auch dabei,
63
Denn ewig bin ich auf der Reise,
64
Damit ich ewig bei dir sei.«

65
Das Mägdlein sprach nach kleiner Stille:
66
»mich dünkt, daß ich ein Kätzchen wär',
67
Nichts fehlet, nichts, als nur mein Wille,
68
Ich lief' auf steilem Rand umher;

69
Ich könnt' von Ast zu Ast hinspringen,
70
Von Fels zu Fels, auch noch so steil,
71
Und mehr – ja durch die Luft hindringen,
72
Adje, fort bin ich – bin ein Pfeil!« –

73
Da sprach der Pilger: »Liebe Waise,
74
Gleich bin ich wieder auch dabei,
75
Dein Seelchen fliegt in meinem Gleise,
76
Ob's Kätzchen, ob ein Pfeil es sei.«

77
Das Mägdlein sprach nach kleiner Weile,
78
Indem ihm süß die Lippe blüht:
79
»ich ruh' an einer feinen Säule,
80
Wie kühl ist's hier! die Sonne glüht!

81
O goldne Zier der Wunderhallen,
82
O linde Luft, wie süß, wie müd!
83
Der Springbrunn plätschert, und sein Lallen
84
Singt mir ein buntes Schlummerlied;

85
Ich ziehe leis durch die Alhambra,
86
Der Blumensäulen Traumpalast,
87
Ein Weihrauchwölkchen, süß wie Ambra,
88
Schweb' ich beim Märchen hier zu Gast.

89
Wer bin ich denn, bin ich die Wonne,
90
Die hier ihr Traumgezelt gespannt,
91
Bin ich ein Strahl der heißen Sonne,
92
Sich kühlend auf des Springquells Rand?

93
Bin ich ein Geist aus diesen Hallen?
94
Ein Vogel, der im Laub dort singt?
95
Bin ich dort aus dem Nest gefallen,
96
Ein Täubchen, das die Flügel schwingt?

97
O, heißer Duft der Pomeranzen
98
Komm, kühle dich in meinem Blut!
99
Ich möchte auf dem Springquell tanzen,
100
Mir ist's so leicht, so frei zu Mut!

101
Ich lass' mir einen Teppich bringen,
102
Lieg' auf dem Marmor hingestreckt,
103
Die Vögel blühn, die Blumen singen,
104
Ein Himmel hat mich zugedeckt.

105
Komm Sinnspruch, kommt ihr goldnen Sterne,
106
Komm Schicksal vom Lazur-Gezelt,
107
Komm nah und näher ew'ge Ferne,
108
Komm, küsse mich, du süße Welt!

109
Horch! Mitten inne pocht das kleine,
110
Das leicht bewegte Kinderherz,
111
So ganz allein, allein, alleine!
112
Und sehnt nach Freude sich und Schmerz!

113
Hier kann ich keine Zeitung lesen,
114
Noch philosoph'sche Abhandlung,
115
Ich bin ja hier ein andres Wesen,
116
O, welche süße Umwandlung!

117
Mein Schmetterling bricht durch die Larve,
118
Ein Blumensegel ihn entführt,
119
Mein Seelchen schwebt wie Klang der Harfe
120
Vom Kuß der milden Luft berührt.

121
Sprich, Traum der Wahrheit, kann ich lügen?
122
Kann mich, den Stolz der Pünktlichkeit,
123
Bezaubern müßiges Vergnügen?
124
Küßt hier der Rausch die Nüchternheit?

125
Verräterei, wer hat die Wonne,
126
Die sehnend mir im Blute sinnt,
127
Wer hat hier ausgeblümt zur Sonne,
128
Was tiefgeheim mein Seelchen spinnt?

129
O Sehnsucht, Schwalbe meines Geistes,
130
Die durch die Sonnenhallen schweift,
131
Wie heiß das kleine Herz, du weißt es
132
Wenn leis dein Flug den Springquell streift.

133
O, Blumen blühend, keusche Lippen,
134
O, Bienen glühend, treuer Kuß,
135
O, Schmetterling, du flatternd Nippen,
136
Sagt nicht was ich verschweigen muß!

137
O, Dämmerlicht der bunten Säle,
138
Von Licht und Liedes Gold gesäumt,
139
Du bist der Schleier meiner Seele,
140
Die über ferner Liebe träumt.

141
So kühn und groß hier die Begierde
142
Im Blumenkelch den Rausch kredenzt,
143
So tief verwandt ist mir die Zierde,
144
Die hier den Helm mit Rosen kränzt.

145
Ich bin's, ich bin's, mit Kinderlallen,
146
Auf feinen Säulchen schlank und hold,
147
Durchkühlt von hüpfenden Kristallen,
148
Spannt gern mein Geist ein Netz von Gold.

149
Drin fang' ich mir die heiße Sonne,
150
Und flecht' ihr fein das goldne Haar,
151
Tauch' sie in kühlen Bades Wonne,
152
Da scheint sie mir nochmal so klar.

153
Kristallgespinst des Morgenfrostes,
154
Im Sonnenfeuer ausgeglüht,
155
Geheimnis des bewegten Mostes,
156
Wenn draus die Rebe wieder blüht!

157
Von mir gefühlt, von mir gesponnen,
158
Gewebt, erlebt! – du Zauberlust,
159
Die hier umschirmt den Löwenbronnen,
160
Lagst wie ein Kind an meiner Brust!

161
Berauscht vom Duft der Rosenhecken,
162
Wo kühn die Lust dem Dorn entschlüpft,
163
Trägt Löwen-Großmut Marmorbecken,
164
Vom Demanttropfen kühl durchhüpft.

165
O Halle der Abencerragen!
166
Die Blutspur klaget laut genug,
167
Die Wunden, die mir sind geschlagen,
168
Die Wunden, die ich andern schlug.

169
Dies Seufzen, Stöhnen, Flehen, Schwirren,
170
Die Geisterklage, die hier tönt,
171
Sie fleht zu mir – dies bange Girren!
172
Es fleht aus mir, ach seid versöhnt!

173
Ach fortgehn, fortgehn! bitte, bitte!
174
Ins Gärtchen dort ich gehen will,
175
Dort blüht's in des Palastes Mitte,
176
In sich gehüllt geheim und still.

177
Kleinod der süßen Lindachara,
178
Du der Alhambra Blumenstrauß,
179
Lieb' sprichst du süß, wie Dulcamara,
180
Mit Leid in einem Namen aus.

181
Beschloss'nes Gärtchen aller Wonne,
182
Wo keusch der Mond im Brunnen spielt,
183
Und sich der Strahl der Mittagssonne,
184
Im Schoß der vollen Rose kühlt.

185
Hier will ich mich im Bad erfrischen,
186
Von Ros' und Myrten dicht versteckt,
187
Von duftenden Zitronenbüschen
188
Und Goldorangen zugedeckt.

189
Du bist aus meinen Heiligtumen,
190
Du Gärtchen, dessen Inschrift spricht:
191
›o, stille Kerzen, Erdenblumen,
192
Entbrannt vom Himmels-Sternenlicht.‹

193
Was gleicht den Alabasterbronnen,
194
Aufwallend vom kristallnen Tau,
195
Als du, o Mond, voll Sehnsuchtswonnen
196
In wolkenloser Himmelsau.

197
Versteckt von kalter Marmorzinne
198
Bist du, o Gärtchen, nur mein Herz,
199
Drin blüht, und glüht und träumt die Minne,
200
Geheimnis decket Lust und Schmerz!

201
Mir ist, als ob an allen Ecken
202
Ich auf in tausend Blumen ging,
203
Mir ist, als ob an allen Hecken
204
Ich wie ein Flöckchen Wolle hing.

205
Ich bin der Vogel und das Nestchen,
206
Das Mütterchen und auch das Ei,
207
Ich brüte, zwitschre auf dem Ästchen,
208
Und trage Futter auch herbei.

209
Ich fühle mich gebaut, gemalet,
210
Geschnitzt, geblüht, in diesem Haus,
211
Und in dem Springquell ausgestrahlet,
212
Ich sag' es ja – bin jäh – bin kraus.

213
Wer hat mein Gürtelchen gelöset,
214
Wer streute meinen Blumenkranz,
215
Hier so von allem Schutz entblößet,
216
Bezaubernd aus im Sonnenglanz?

217
Horch! still! – ach! das sind Männerschritte!
218
Weh mir! – welch junges Heldenbild!
219
Nicht her! – nicht her! ach bitte, bitte!
220
– Er steht und deckt sich mit dem Schild!

221
Und spricht: ›Ich bin Gazul, vor Zeiten
222
Der süßen Lindachara Freund,
223
Ich muß in ihrem Gärtchen schreiten,
224
Bis hier ihr Ebenbild erscheint,

225
Das alle Sehnsucht meiner Träume
226
In seinem Kinderherzen stillt,
227
Und als den Zauber dieser Räume
228
Sich selbst erblickt in meinem Schild.

229
Da hörte ich dein keusch Verzagen,
230
Du Süße, in dich selbst versteckt,
231
Fühlst deinen Reiz vor deinen Tagen,
232
In der Alhambra aufgedeckt.

233
Dich bauten dieses Baues Meister!
234
Ach, lange eh' dein Herzchen schlug,
235
Begeisterte dein Geist die Geister,
236
Doch taten sie ihm nie genug!

237
Sie brachen deiner Sehnsucht Spiegel,
238
So daß du dich zerstreut beschaut –
239
Doch du wirst ihres Werkes Siegel,
240
Zerstreutes ward in dir erbaut.

241
Denn alles Sehnen, alle Schmerzen,
242
Die einst bewegt in Kampf und Lust,
243
Die längst in Staub zerstreuten Herzen,
244
Sind eins und ganz in deiner Brust.

245
Nur du bist dieses Werkes Seele,
246
Bist dieser Zauberschale Kern,
247
Bist Lichtes Blitz in dem Juwele,
248
Bist dieses öden Himmels Stern;

249
In dir ich die Alhambra sehe,
250
Wie du in der Alhambra dich,
251
Es löst sich meiner Sehnsucht Wehe,
252
Zu Lindachara kehre ich!

253
Mein Herz wird gleich den Lilien munter,
254
Wenn sie der Sterne Licht betaut,
255
Blick in mein Schild, du liebes Wunder,
256
Sei deiner eignen Wonne Braut!

257
Dein Gürtel ist nicht mehr gelöset,
258
Nicht mehr zerstreut dein Blumenkranz,
259
Und Gazul taucht, durch dich erlöset,
260
Nun auf in Lindacharas Glanz!‹

261
So sprach Gazul, und auf sein Flehen
262
Hab' ich, von eignem Reiz entzückt,
263
Mein Bild in seinem Schild gesehen,
264
Und hab' gar süß mir zugenickt.

265
Da ist mir alles rings verschwunden,
266
Da ward ich wieder zäh und kraus,
267
Und alle Blumen sind gebunden
268
In den versteckten Blumenstrauß.

269
In mich zurück zog die Alhambra,
270
Ich bin allein, allein, allein!
271
Ich Weihrauchwölkchen, süß von Ambra,
272
Denk': Wo mag nun der Gazul sein!«

273
Nun schwieg das Kind! – Sein webend Sehnen
274
Zog durch des armen Pilgers Brust,
275
Und nieder tauten seine Tränen
276
In ihrer Träume Blumenlust.

277
Er sprach: »O Kind! in alles Scheinen,
278
Das sich um deine Seele legt,
279
Muß immer still ich niederweinen,
280
Bis sich ein Regenbogen schlägt.

281
O schwebe durch, du Friedenstaube,
282
Und bring ein grünes Ölblatt her,
283
Daß neu ich hoffe, liebe, glaube,
284
Mir ist die Welt so wüst, so leer!«

285
Da spricht das Kind: »Jetzt zieh' ich weiter,« –
286
Und zuckt, der Pilger fragt: »Es stach
287
Vielleicht dich ein Insekt, denn leider,
288
Sie trachten hier dem Blute nach!« –

289
Das Kind sprach: »Greulich sind mir Spinnen,
290
Ich fliehe ihre tück'sche List.«
291
Der Pilger sprach: »Du willst entrinnen,
292
Weil du ein tanzend Mückchen bist.«

293
»ich kann,« sprach sie mit edler Miene,
294
»nie glauben, daß der Herr erschuf
295
Die garst'gen Tiere – nur die Biene,
296
Die hat noch göttlichen Beruf.

297
Ich könnte selbst noch Schlangen leiden
298
In meinem stillen Kämmerlein,
299
Doch seh' ich eine Spinne schreiten,
300
So muß ich fliehen, muß ich schrein.

301
Maikäfer, die gemeinen, dummen,
302
Ich dulde sie; wenn alles grün,
303
Hör' ich sie abends gerne summen,
304
Sie rennen an und fallen hin.

305
Die Flöhe hüpfen, kann sie fangen,
306
Hüpf' hintendrein, kleb' sie ans Licht,
307
Die Wanzen machen mich erbangen,
308
Von andern Tierchen spricht man nicht.

309
Ich war einmal bei armen Kindern,
310
Da kriegt' ich eine ganze Schar;
311
Gott steh mir bei, den reichen Sündern
312
Droht gleich den Armen die Gefahr.«

313
Der Pilger sprach: »Wie schaust du, Seele,
314
Aus der Alhambra Lustpalast,
315
In diese trübe, wüste Höhle,
316
In diesen Ekel und Morast?«

317
Sie sprach: »Ich möcht' ein Bild jetzt malen
318
Von dem verlornen Paradies,
319
Verwelkt sind alle Sonnenstrahlen,
320
Als Gott hinaus den Menschen stieß.

321
Ich armes Kind muß drauf verzichten,
322
Ich fühle, daß die Form mir fehlt,
323
Auch fehlt das Wort, sonst wollt' ich dichten,
324
Was tief mein Herz mit Lieb' beseelt.

325
Die Blumen und die Blätter weinen,
326
Die Vögel schmachten stumm und krank,
327
Kalt seufzt das Echo aus den Steinen,
328
Das Blut ergrimmt in Streit und Zank.

329
Der Himmel, bleiern, rufet Wehe,
330
Verhüllt sein Sternen-Antlitz sich,
331
Und liegend an der Erde sehe
332
Gefesselt einen Engel ich.« –

333
Der Pilger sprach nun zu ihr nieder:
334
»du bist der Engel, armes Kind!
335
Noch zuckt zum Lichte dein Gefieder,
336
Ist gleich dein Auge sonnenblind.

337
Dich feinen Strahl aus Gottes Schimmer,
338
In dem verlornen Paradies,
339
Dich heil'gen Ebenbildes Trümmer,
340
Ans Herz ich niederweinend schließ'.«

341
Da weinten stille alle beide,
342
Sie lehnte gern an seiner Brust,
343
Sie litt es, daß er selig leide,
344
Und beide haben nichts gewußt!

345
Aus beiden greift ein tiefes Sehnen
346
Hinaus bis nach der Ewigkeit,
347
Und wie sie so zusammen lehnen,
348
Da naht das Ewige der Zeit.

349
Der Pilger sprach: »Welch leises Schallen,
350
Sag, Kind! pocht denn dein Herzchen so?
351
Ich sehe Licht aufs Haupt dir fallen,
352
Mir wird's so innig, wird's so froh!« –

353
Das Mägdlein blickte in die Ferne,
354
Die Wange glüht, die Lippe blüht,
355
Ihr Schauen glich dem Blick der Sterne,
356
Wenn Liebe durch den Himmel zieht.

357
Dann sprach sie: »Horch! still, bitte, bitte,
358
Dies ist nicht meiner Locken Licht,
359
Und dieses Schallen, das sind Schritte,
360
So pocht mein heimlich Herzchen nicht!«

361
Und durch die Nacht von Licht erfüllet
362
Führt her ein Mann sein Eselein,
363
Und auf dem Tier sitzt weit verhüllet
364
Ein lilienreines Jungfräulein.

365
Als diese sah den Engel liegen
366
Gefesselt an der Erde dort,
367
Ist sie vom Lasttier abgestiegen
368
Und sprach zu ihm mit süßem Wort:

369
»in aller Lust wirst du nichts finden,
370
Als das verlorne Paradies,
371
Den Fesseln will dich jetzt entwinden
372
Der treue Gott, wie er verhieß.

373
Weil du ein armes Kind, ward Liebe
374
In mir nun auch ein armes Kind,
375
Daß dir auch gar kein Vorwand bliebe,
376
Komm mit, komm mit, süß Lieb', arm Lind!

377
Tu! wie du lang gepflegt zu tuen,
378
Halt an der Mutter Schürze dich,
379
Komm mit mir reisen, mit mir ruhen,
380
Denn deine Mutter bin auch ich!

381
Komm mit, sollst an der Krippe singen,
382
Ein Lied dem starken Brüderlein,
383
Der löst die Fesseln deiner Schwingen,
384
Trägt dich ins Paradies hinein.

385
Da bringt dir keine Spinne Grauen,
386
Berauschet kein Alhambra dich,
387
Da sollst du schönre Bilder schauen,
388
Als bei Großvater sicherlich!«

389
Das Kind sprach: »Mir ist Heil geschehen!
390
Dies ist die Wahrheit, ist kein Traum,
391
Sitz auf dein Eselein, wir gehen,
392
Ich fasse deiner Schürze Saum.«

393
Die Jungfrau sprach: »Willst nicht mitnehmen
394
Den armen Mann du, der dort lag.«
395
Das Kind sprach: »Ei, ich tu' mich schämen,
396
Er kömmt mir ohne dies schon nach!«

397
Da blickt es um – der Pilger hebet
398
Sein müdes Haupt, folgt ungetrennt,
399
Gen Betlehem der Zug hinschwebet,
400
Die erste Nacht war's im Advent.

401
Sankt Joseph und Maria heißen,
402
Die beiden mit dem Eselein,
403
Nach Betlehem sie jetzt hinreisen,
404
Sie kehren nachts bei Hirten ein.

405
Wer ist das Mägdlein dann gewesen,
406
Und dann der Pilger, stets dabei?
407
Das Mägdlein war der Sehnsucht Wesen,
408
Der Pilger war die Phantasei!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

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