[es war ein Hirt, mild wie die Gottesgabe]

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Franz Grillparzer: [es war ein Hirt, mild wie die Gottesgabe] (1848)

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Es war ein Hirt, mild wie die Gottesgabe,
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Ein netter Mann und elegant dabei;
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Ein blaues Band an seinem Schäferstabe,
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Vor allem blies er lieblich die Schalmei.

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Der folgt der Herde nach mit leisem Tritte
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Und statt zu führen ward er selbst geführt.
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Ein jedes Blöken schien ihm eine Bitte,
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Von jeder Bitte war er gleich gerührt.

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Vor allem, wenn mit flehender Gebärde
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Ein tüchtger Widder ihm die Hörner wies.
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Drum wollt er rechts, so ging nach links die Herde,
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Er nahm sein Wort zurück und sang und blies.

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Da brachen sie denn rings in alle Raine,
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Des Nachbars Saat den Tieren wohl behagt;
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Sie überkletterten die Schirmungszäune,
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Der jungen Bäumchen Rinde ward benagt.

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Er schien daraus nicht allzuviel zu machen,
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Dem Nachbar ohnehin war er nicht hold,
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Und stießen auch die Stärkern nach den Schwachen,
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Verzeihung um Verzeihn ist Liebessold.

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Da scheint der Schwarm mit eins Gefahr zu wittern –
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Der Wolf! der Wolf! der allgemeine Feind –
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Den guten Hirten überfällt ein Zittern,
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Er sinkt auf seine Knie und flennt und weint.

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Doch will ers mit der Tonkunst noch probieren,
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Mit blassem Munde bläst er die Schalmei;
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Den Wolf mag solches Mundwerk wenig rühren,
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Schon raschelts im Gebüsch, er kommt herbei.

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Da fällt ein Schuß, und wo der Waldweg offen,
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Erscheint ein zweiter Hirt voll ernstem Mut,
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In einer Hand die Büchse, die getroffen,
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Die andre schleppt den Wolf in seinem Blut.

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Er wirft das Tier zu des Erschrocknen Füßen,
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»hier ist der Feind«, ruft er, »den ich bestand,
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Mir hat er selbst ein teures Lamm zerrissen,
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Noch bebt mein Herz, allein nicht meine Hand.«

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»doch willst du künftig wieder Lämmer weiden,
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So schütze sie vor sich und vor Gefahr,
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Die Schwäche liebt in Sanftmut sich zu kleiden,
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Der Mut erst macht des Lenkers Worte wahr.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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