Fortschritt-Männer

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Franz Grillparzer: Fortschritt-Männer (1847)

1
Euch kann mein Lied, ich fühls, nicht mehr gefallen,
2
Es ist zu karg, zu dürftig und zu klein,
3
Die ihr so weit in jedem und in allen,
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Faßt euch nicht gern in enge Schranken ein.

5
Die Außenwelt verführte meine Blicke,
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In der sich alles rundet und ergänzt,
7
Kein Leeres irgend, nirgends eine Lücke,
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Und jede Bildung voll und scharf begrenzt.

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Das sucht ich nun im Geiste nachzuahmen,
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Und da die Kraft mir nicht so reichlich quillt,
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Wählt ich bescheidne, strenggeschloßne Rahmen
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Für mein dem Leben nachgeschaffnes Bild.

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Ihr aber habt der Wesen Grund ergründet,
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Die Gottheit selber liegt euch auf der Hand,
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Wenn ja ihr etwas unbegreiflich findet,
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Ists, daß so lang mans unbegreiflich fand.

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Das Schöne, das ein Rätsel uns, den Schwachen,
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Ihr habts gelöst durch Vordersatz und Schluß,
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Zwar könnt ihrs vorderhand nicht wirklich machen,
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Doch wißt ihr, wie mans machen soll und muß.

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So schreitet ihr denn vor mit Riesenschritte,
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Die Tat selbst, die sonst Denkern schwer gelingt,
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Habt ihr erfaßt, ob zwar nach Dichter-Sitte,
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Der Handlung nennt, auch Fabel, was er singt.

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Der Baum der Selbstmacht ward durch euch gerüttelt,
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Nur ist er knorrig und bewahrt die Frucht,
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Doch wenn sie je der Sturm vom Aste schüttelt,
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Ihr lest sie auf und habt dann, was gesucht.

29
Für euch nun, die dem Überfluß im Schoße,
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Die ihr versteht der Schöpfung Allmachtruf,
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Vor denen klar das Kleine und das Große,
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Ist freilich arm, was ich bescheiden schuf.

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Allein bedenkt doch! die Natur ist sparsam,
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Mit Gleichem, seit dem Anfang hält sie Haus,
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Was allzuviel, nimmt rück sie in Gewahrsam
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Und gleicht durch Kargheit die Verschwendung aus.

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Auf jede Zeit von Recken und Heroen
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Folgt eine andre, die wie andre klein,
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Und die Giganten, die dem Himmel drohen,
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Sie schrumpfen auf das Maß von Menschen ein.

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So folgt – die Form, die euch erzeugt, gebrochen –
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Ein Enkelvolk, das sich um euch bewegt,
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Wie um fossile, mächtge Mammutknochen
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Von Tieren, wie die Welt sie nicht mehr trägt.

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Das, von den Worten flüchtend zu den Sachen
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Und nur, was
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Sich etwa gar erfrecht euch auszulachen,
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Als ob ihr viel geschwatzt und nichts getan.

49
Das euern Fortschritt selber macht zum Spiele
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Und fragt: ob ihr auf Reisen nicht gelernt?
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Ein Fortschritt sei, was näher bringt dem Ziele,
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Zuviel sei, wie zu wenig, gleich entfernt?

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Da sich entschuldgen eurer Dichtung Jünger,
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»nur Übergang sei jetzge Zeit und Frist«,
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Euch gelten läßt als einer Zukunft Dünger,
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Doch nicht für Blumen hält, was annoch – Mist.

57
Die eure Lust am Weiten, Allgemeinen
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Für Mangel hält an eigen-kräftgen Geist,
59
Und eure »Sagen, die zum Lied sich einen«
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Ins Reich des Mörtels und des Kalks verweist.

61
Wenn dann die Sonne, deren Anschaun blendet,
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Den Kreis erhellt, in dem das Leben wohnt,
63
Wenn neu sie wieder Wärmestrahlen sendet,
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Sich spiegelt im Gefühl, als ihrem Mond,

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Dann kehrt die Zeit der Selbstbegrenzung wieder,
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Die Gräber, die ihr grubt, sie öffnen sich.
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Für eure Enkel sollen meine Lieder,
68
Die klein, wie eure Väter und wie ich.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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