Glücklich der Mensch, der fremde Größe fühlt

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Franz Grillparzer: Glücklich der Mensch, der fremde Größe fühlt Titel entspricht 1. Vers(1842)

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Glücklich der Mensch, der fremde Größe fühlt
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Und sie durch Liebe macht zu seiner eignen.
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Denn groß zu sein ist wenigen gegönnt,
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Und wer dem fremden Wert die Brust verschließt,
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Der lebt in einem öden Selbst allein,
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Ein Darbender, wohl etwa ein Gemeiner.
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Dem Land auch Heil, das sie gebar, gesäugt
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Und aufgezogen an den Mutterbrüsten!
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Denn die Natur gibt nur der Größe Geist,
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Den Körper bildet an ihr die Umgebung,
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In der sie allererst den Tag geschaut,
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Der Freunde Schar, der Mitgebornen Kreis,
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Die sie mit Blick und Laut zuerst begrüßt,
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Mit frommem Sinn bereitet ihre Stätte.
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Für Menschen – nur durch Menschen – wird der Mensch.
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Darob auch mancher, mit der Hoheit Siegel
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Bezeichnet von der Schöpferin Natur,
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Noch spät durch irgend eine böse Narbe,
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Durch einer Gliedmaß widrig wildes Zucken,
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Durch etwas, das nicht schön, ob stumm, verkündet,
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Wie karg der Boden war, in dem die Pflanze
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Des harten Daseins trübe Nahrung sog.
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Drum sind wir stolz, obgleich demütig auch:
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Denn hier ward er geboren, den wir feiern!
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In dieses schlichten Landes engen Grenzen
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Scholl ihm zuerst des Lebens Herold: Ton.
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Von diesen Türmen schwoll ein gläubig Läuten
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Und lehrt' ihn glauben an die Ahnungen,
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Die ohne andre Bürgen als sich selbst,
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Und nur bewiesen, weil sie sich gestaltet,
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Zur Wirklichkeit verherrlichen den Traum.
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Von diesen Bergen zog der Gottesatem,
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Gewürzt mit Kräutern und mit Blumenduft,
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In seine jugendlich gehobne Brust.
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Darum ist er geworden auch wie sie,
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Wie diese Berge, seiner Wiege Hüter.
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Wohl gibt es höhre, doch sie decket Eis,
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Gewaltgere, allein das scheue Leben,
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Es findet für den Fußtritt keine Spur
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Und flieht mit Schaudern die erhabne Wüste.
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Er aber klomm so hoch, als Leben reicht,
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Und stieg so tief, als Leben blüht und duftet,
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Und so ward ihm der ewig frische Kranz,
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Den die Natur ihm wand und mit ihm teilet.
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Nicht was der Mensch in seinem Dünkel denkt,
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Was Gott verkörpert in der Schöpfung dachte,
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War ihm der Leitstern seines edlen Tuns.
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Drum hing er fest an deinen ewgen Rätseln,
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Du Auge des Gemüts: allfühlend Ohr,
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Und was den Weg nicht fand durch diese Pforte,
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Schien Menschenwillkür ihm, nicht Gottes Wort,
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Und blieb entfernt aus seinem lichten Kreise.
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Mit Raffael, dem Maler der Madonnen,
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Steht er deshalb, ein gleichgescharter Cherub,
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Der Ausdruck und der Hüter wahrer Kunst,
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In der der Himmel sich vermählt der Erde.

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Wir aber, die wir dieses Fest begehn,
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In starrem Erz nachbildend jenen Mann,
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Der weich war, wie die Hände einer Mutter,
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Laßt uns in gleich verwechselndem Verwirren
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Nicht auch des Mannes Sinn und Geist entgehn.
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Nennt ihr ihn groß? er war es durch die Grenze.
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Was er getan und was er sich versagt,
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Wiegt gleich schwer in der Schale seines Ruhms.
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Weil nie er mehr gewollt, als Menschen sollen,
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Tönt auch ein Muß aus allem, was er schuf,
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Und lieber schien er kleiner, als er war,
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Als sich zu Ungetümen anzuschwellen.
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Das Reich der Kunst ist eine zweite Welt,
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Doch wesenhaft und wirklich wie die erste,
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Und alles Wirkliche gehorcht dem Maß.

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Des seid gedenk, und mahne dieser Tag
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Die Zeit, die Größres will und Kleinres nur vermag.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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