Stabat mater

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Franz Grillparzer: Stabat mater (1842)

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Nun wohl, es ward euch dargebracht,
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Ihr habt es nicht erkannt;
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In all der Tonkunst Zaubermacht,
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In des Gefühles Farbenpracht,
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Ihr wiest es von der Hand.
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Ihr jauchztet wenigstens nicht laut,
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Daß in der Zeiten Sand,
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Der dürre Kräuter spärlich trägt,
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Von Zweifelsdornen eingehegt,
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Die Rose euch entstand,
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Die dasteht mit gesenktem Haupt,
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Euch bittend: »Seht mich an und glaubt,
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Vergeßt für einen Augenblick
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Euch selbst in des Genusses Glück!«
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Ihr aber wieset es zurück.

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Was liegt daran! Das Werk besteht,
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Und euer später Enkelsohn
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Zahlt einst die Schuld des Vaters schon,
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Wie ihr für eure Väter steht,
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Die Mozarts »Don Juan« verschmäht.
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Den Meister aber kümmerts nicht.
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Er kennt die Welt. Mir däucht, er spricht:
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»wenn sie mit den Augen hört,
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Mit den Ohren sieht,
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Mit dem Kopfe fühlt,
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Und dem Gefühle denkt,
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Ist sie nicht wert, daß man sich kränkt.«

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Eins aber ging verloren, eins!
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Der Unschuld Glück, o Östreich, deins.
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In Deutschlands kalter Nebelnacht,
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Wo kaum ein Sonnenstrahl mehr lacht,
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Irrwische leuchten, fauler Dunst,
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Mit der Natur einschlief die Kunst,
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Lagst du oasenähnlich da,
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Für den, der beßre Zeiten sah.
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Ein lauer Hauch ging durch die Luft,
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Durchwürzt von kleiner Veilchen Duft,
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Die Bäume standen hoch und frisch,
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Von Licht und Schatten ein Gemisch;
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Und wenn dein Wissen minder reich,
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Was wahr, teilt Gott an alle gleich;
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Drum gabs in deinen Tälern Schall,
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Es klang das Lied der Nachtigall,
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Indes an deiner Grenze Saum
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Der heisre Sperling zwitschert kaum,
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Und Papageien sinnentfernt
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Nachplappern, was sie eingelernt.
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Allein die Gletscher schreiten fort,
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Es wächst das Eis von Ort zu Ort,
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Und der Pedant, ein rauher Nord,
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Er bläst dich an mit seinem Wort.

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Was liegt daran! Das Wort vergeht,
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Die Kunst, der Mensch, die Welt besteht.

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Doch wenn, nicht mehr wie sonst geneigt,
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Das Lied dir, gleich den Nachbarn, schweigt,
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Dann denke, still in dich gekehrt:
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Sind wir es noch zu hören wert?
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Nahm etwa der Erkenntnis Baum
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Nicht dem des Lebens Luft und Raum?
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Die Wahl schon einmal schwer sich wies,
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Sie kostete das Paradies.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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