Der kranke Feldherr

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Franz Grillparzer: Der kranke Feldherr (1839)

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Er ist verwundet, tragt ihn aus der Schlacht!
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Ein tapfrer Kämpe wars, ein kühner Führer,
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Der vorfocht in der Finsterlinge Schar.
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Nun aber traf ein Pfeil des Lichtgotts ihn
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Und fuhr mit Macht hindurch, bis dahin, wo,
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Tief unter Herz und Brust, sich Leber, Milz
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Und Magen, Galle, Nieren, tierscher Greul,
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Und doch der Sitz des Lebens solcher Herrn
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Mit schicksalsschwangern Windungen begegnen.

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Der Pfeil jedoch, der ihn ins Leben traf,
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Es war die Botschaft, daß der Legitimen einer,
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Der Kopfabschneider Mahmud, Tods verblichen,
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Und nun ein anderer der Legitimen,
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Der Polenwürger Nikolaus, gewillt,
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Kraft seines alt von Gott entsproßnen Rechts,
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Zu stehlen, was der Türk vor Jahren stahl.
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Das fuhr dem Mann, der, weil vom Wind geschwellt,
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Sich für das Segel hielt des Schiffes dieser Welt,
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Der seine Kraft, sein Schwert, durch Spitze, Schleifen
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Bis zu des Fadens Dünnheit abgenutzt
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Und machtlos stand der Macht nun gegenüber,
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Das fuhr ihm wie ein Blitzstrahl durchs Gehirn,
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Und warf ihn nieder, wo er annoch liegt.

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Laßt ihn betrachten uns: Ein feiner Mann!
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Die hohe Stirn, sie barg gewiß Verstand,
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Doch ist Verstand ein doppeldeutig Ding,
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Ein Diener, der nur gut durch seinen Herrn.
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Ist der nun, der gebeut, kein reiner Wille,
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Kein richtger Sinn, der Pfad und Wege weist,
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Dünkt ihm sein Ziel Erklügeln, statt Erkennen,
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Mögt ihr ihn Fluch und keine Gabe nennen.

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Und auch ein Herz, es spricht aus diesen Zügen.
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Der war nicht taub für seines Nächsten Leid!
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Wenn anders nicht der Stolz, die Eitelkeit,
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Gelagert in den hochgezognen Brauen,
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Verschlossen seines Fühlens weiches Ohr,
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Ihn bannten in des Hochmuts stumme Nacht.
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O, ewger Fluch bevorzugter Naturen,
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Bevorzugt als begabt, als hochgestellt,
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Statt auf betretnem Völkerweg voran,
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Auf launisch-ausgewählt, einsamer Bahn
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Zu suchen, was der Welt gemeinsam frommt.
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Beim Anfang tönen noch verwandte Stimmen,
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Mahnende Leiter aus der nächsten Nähe,
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Doch immer weiter abseits geht der Pfad
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Durch Dickicht und Gebüsch. Mit sich allein,
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Hat der Gedanke keinen Maßstab mehr
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Als den Gedanken, der nur er, er selbst –
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Der erste Fehlschluß zeugt den zweiten Irrtum,
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Und der trägt schwanger Tausende im Schoß,
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Die sich, begattend und erzeugend, leisen Fortschritts
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In immer steigend unlösbarer Kette
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Um Haupt und Brust, um Sinn und Wollen schlingen.
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Es fehlt der Prüfstein des verwandten Strebens,
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Die Billigung des ewgen Menschensinns.
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Und endlich spät zur lichten Welt gekehrt,
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Steht das Erdachte als ein Scheusal da,
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Sich selbst ein Greul, wenn gnädig ihm ein Gott
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Beim Anfang solcher Bahn das Schauder-Ende
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Gewiesen in prophetischem Gesicht.
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Und dennoch prangts und trotzt und droht und zwingt,
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Bis endlich, der das Heil von allen will,
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Den Frevler aufgreift von der frommen Erde
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Und hinwirft, flach, Nebukadnezar gleich,
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Daß mit dem Tier er fresse grünes Gras.

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Das war so einer, dünkt mich. Hebt ihn auf,
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Besorgt und pflegt, wenn nicht, begrabt ihn,
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Denn, ob nicht tot, er lebt doch auch nicht mehr.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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