Bretterwelt

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Franz Grillparzer: Bretterwelt (1835)

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Komm, Muse, her, du sollst mir vor das Volk,
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Mit diesen Stricken bind ich deine Arme.
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Die Glocke, einst der Kuh, die reichlich molk,
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Ruft zu Gericht. Ob dein sich Gott erbarme.
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Den Helm von Pappe setz ich dir aufs Haupt,
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Ein hölzern Schwert wankt, wo die Hüften schwellen,
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Und, daß dein Fuß sich nicht zuviel erlaubt,
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Nimm noch von Blech die engen Knöchel-Schellen.
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Auch in dem Umkreis hab mir sorglich acht,
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Der Baum hier wankt, kann nicht zur Stütze taugen,
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Dort die Versenkung führt in Abgrunds Nacht,
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Und doch vor Lichtglanz hüll ich deine Augen.
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Den Mund allein nur will ich frei dir geben,
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Den brauch, wie dus vermagst und dir bekannt,
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Was sonst noch rührt und überzeugt im Leben,
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Ist streng aus dieser zweiten Welt verbannt.
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Wie die Musik nicht Formen gibt, nur Töne,
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Der Maler Töne nicht, nur Formen malt,
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Lebt hier im dürren Wort allein das Schöne,
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Von Wohlklang nicht ergänzt, noch von Gestalt.
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Nun aber laß uns noch die Menge schauen,
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Die das Geschick zu Richtern uns gesetzt.
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Der Vorhang ward, zum Glück, von artgen Klauen
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Zu eigner Aussicht stellenweis zerfetzt.
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Du staunst, nicht wahr? und kannst es kaum erwarten,
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Ein Anblick bunt und reich, bergan, talab.
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Glaubst du dich nicht versetzt in jenen Garten,
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Dem man vom schönen Brunn den Namen gab?
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Hier das Parterr, voll Rosen, Tulpen, Nelken,
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– Zwar leeres Gras dazwischen auch genug –
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Die Hitze macht die Häupter sichtlich welken,
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Doch blühn sie auf, besprengt sie erst dein Krug.
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Und rings im Umkreis die geschloßnen Fallen,
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Des Gartens Schmuck, genannt Menagerie,
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Des Städters Lust vor jedem und vor allen,
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Besetzt mit edlem, schwerbezahltem Vieh.
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Ha, wie sie prangen, wie sie grinsen, schnauben,
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Mit Fleisch genährt zum Teil, zum Teil mit Aas,
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Zwar pflegen sie nicht mehr wie sonst zu rauben,
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Doch was sie längst geraubt, ist jetzt ihr Fraß.
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Der Löwe dort mit etwas kalten Mähnen,
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Dem, was uns groß, ein stolzer Zeitvertreib,
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Ein halbes Volk verschlingt sein kleinstes Gähnen,
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Ihm steht kein Mann, dir horcht er, weil ein Weib.
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Der Eisbär nebenan, vor dem kein Säumen,
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Wie dürr und alt, doch immer noch in Brunft,
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Zwei Wärter fraß er schon in diesen Räumen,
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Doch hat man ihm die Zähne nun gestumpft.
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Das Zebra schau! den Leib geschmückt mit Bändern,
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Man kennt den Stamm, trotz der gezierten Brust,
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Hier das Kamel aus wüsten Steppenländern,
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Das schleppt und trägt und dem die Dürre Lust.
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Dort die Hyäne, die mit leisem Winseln
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Im Dunkeln anzeigt, was sie still erlauscht;
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Hier Tiere, die das Mundhaar formt zu Pinseln,
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Und andre glatt, die Backen nur bebauscht.
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Die Löffelgans, vielmehr der Gänsrich selber,
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Der Schnabel nur zeigt an sein plattes Haupt,
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Er schlingt die Nahrung ganz. Hier Lämmer, Kälber
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Von seltner Art und teurer, als man glaubt.
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Zuletzt der Waschbär noch. Er, der von allen
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Den Fraß, als Küchenmeister, selbst sich kocht,
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Er wäscht und wäscht und läßt sichs erst gefallen,
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Wenn er den letzten Saft den Fasern ausgepocht.
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Nach weiter oben laß uns nicht mehr blicken,
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Ein Schwindel droht. Die höchsten Wipfel sinds,
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Die, leicht erregt, verneinen oder nicken,
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Je nach des Zufalls Laune und des Winds.
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Die alle nun sind unsers Werkes Richter,
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Bezeichnend es mit schwarz, mit rotem Strich;
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Das Urteil sprechen sie dem armen Dichter
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Und auch – sie ahnens ewig nimmer – sich.
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Sie sind – wie überall, seit Herzen schlugen,
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Und der Verstand Gedanken knüpft und trennt –
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In zwei geteilt: die Toren und die Klugen,
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Nur freilich ruht auf erstern der Akzent –
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Die
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Nur sonst beschränkt, fühlt jeder hier sich frei,
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Den armen Geist im Alten matt verloren,
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Strebt jeder hastgen Drangs nach dem, was neu.
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Den toten Sumpf im Innern ihrer Wesen
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Wünscht jeder durch die Dichtung aufgerührt.
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Sie fühlen nur, wenn sie vom Fühlen lesen,
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Das Leben lebend, das ein andrer führt.
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Wie sich der Hund an dich drängt, also jene,
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Du sollst ihm klopfen seines Rückens Grat,
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Klopfst du zu stark, so weist er dir die Zähne,
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Zu schwach, so weiß er kaum, wie man ihm tat.
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Die sollst du, nicht der Welt, nein, sich entreißen,
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Sich sucht und flieht ein jeder eifrig gleich,
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Und willst du ihm mit Fug ein Dichter heißen,
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Sei unerhört, ein Wunder jeder Streich.
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Indes die
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Von Schlechtigkeit bis zum Verstand gebeizt –
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Nach Wirklichem verlangt, gewürzt mit Gurken,
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Mit Senf und was noch sonst den Hunger reizt.
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Die wollen sich, sich selbst lebendgen Leibes,
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Heißt das: so wie sie einst sich selbst gedacht,
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Eh Neid und Haß, die Wut des Zeitvertreibes,
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Sie um den Adel ihres Seins gebracht.
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Die mußt du nun vor allen reizen können,
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Denn wisse nur, sie sind in was zerstreut,
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Sie wollen gern uns ihren Abend gönnen,
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Doch wiederkaun sie ein geschäftig Heut.
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Der eine zählt im Sack die Groschen, Gulden,
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Des schnöden Wuchers schändlichen Gewinst,
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Der Nachbar hörts und denkt mit Schreck der Schulden,
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Die morgen fällig, lange nicht verzinst;
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Der hat den Feind, und der den Freund verraten,
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Der Seele Schatz verkauft für blankes Geld;
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Der sieht im Geist die Gattin andrer Gatten,
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Die heut gestrauchelt und wohl morgen fällt.
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Dort einer äugelt auf der Freude Töchter;
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Nächstan ein Dichter ohne Preis und Dank,
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Der, selber schlecht, die andern wünschte schlechter,
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Ein Licht, das leuchtet, wenn die Sonne sank,
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Hier grinst der Spott, der Affe des Verstandes,
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Hier gähnt die Prosa, die sich selbst genug,
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Dort Neid und Haß, lammschürigen Gewandes,
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Der Groll, der seinen Wurf seit Monden trug.
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Vor diese sollen wir mit unsern Spielen.
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Was schauderst du zurück und schlägst die Brust?
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Und wäre Tod im Grauen, das wir fühlen,
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Es ist ein heilig Amt. Ich soll. Du mußt.
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Auch wisse nur: die Schlimmsten von den Schlimmen,
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Wie arg ihr Frost, wie fern sie der Natur,
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Im Tiefsten blieb ein leises Fünkchen glimmen,
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Mit Qualm bedeckt und kalter Asche nur.
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Erreichst du das mit deines Atems Wehen,
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Dann sprühts und knistert und ein Flämmchen blinkt,
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Zwar bläulich schwach, dem Auge kaum zu sehen,
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Doch wärmts den Pulsschlag, wie er steigt und sinkt.
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Am Arme seines Nachbarn im Gedränge
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Spürt jeder die gesteigert fremde Glut,
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Und über sie kommt das Gefühl der Menge,
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In dem der Mensch verzehnfacht, schlimm wie gut,
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Der weiß, er teilt im Blicke mit sein Wissen,
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Der Fühlende im Atem sein Gefühl;
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Der Einzelne ist seinem Selbst entrissen,
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Zählt nur als Woge, schwindend im Gewühl.
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Dann aber – fort von deinem Aug die Wolke,
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Dann sprechen wir zu dem und jenem nicht,
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Dann sprechen zur Gesamtheit wir, zum Volke,
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Und die sinds wert, daß man mit ihnen spricht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Franz Grillparzer
(17911872)

* 15.01.1791 in Wien, † 21.01.1872 in Wien

männlich, geb. Grillparzer

österreichischer Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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