[so gehstu schon so früh zu rüste]

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Johann Christian Günther: [so gehstu schon so früh zu rüste] (1709)

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So gehstu schon so früh zu rüste,
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Du angenehmes Sonnenkind?
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Ach daß ich doch nur jezt nicht wüste,
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Was Schönheit und was Tugend sind;
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Es kämen mich die Thränenlieder
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Gewislich nicht so sauer an.
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Es winselt alles: Komm doch wieder,
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Wo Gram und Warheit bitten kan.

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Der Himmel hat genug von Engeln,
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Verzeuch doch du nur in der Welt
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Und ziere sie mit Lilgenstengeln,
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Die Zucht und Unschuld kostbar hält.
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Las alt- und magre Disteln welcken
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Und Unkraut in das Feuer gehn!
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Der Ruhm von deinen Purpurnelcken
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Verdient auf ewig frisch zu stehn.

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Erbarme dich der treuen Herzen,
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Die deine Zärtligkeit erquickt
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Und die dein wohlgestaltes Scherzen
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Nicht sonder Ehrfurcht oft entzückt.
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Erbarme dich der armen Liebe;
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Sie weint und plagt sich unmuthsvoll,
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Nachdem die Keuschheit ihrer Triebe
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Dein edles Herz nicht crönen soll.

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Was werden hier vor Kostbarkeiten
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Auf einmahl in den Sand gelegt!
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Hier liegt die Rose junger Zeiten,
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Die andern Wehmuthsdörner trägt,
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Das Kleinod wohlgezogner Jugend,
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Die Augenlust der ganzen Stadt,
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Der Tempel demuthsvoller Tugend,
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Die jezo beßer wohnen hat.

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Wie wenn ein Dunst Aurorens Strahlen
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Durch unverhoften Nebel bricht –
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Die Felder hören auf zu prahlen,
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Die göldnen Hügel lachen nicht,
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Die Wiesen stehn voll naßer Thränen,
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Die müden Schaafe strecken sich,
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Die Nymphen stehn in Angst und Sehnen
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Und sehn zwar schön, doch jämmerlich –

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Von solcher Würckung ist dein Scheiden,
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Du kalt- und holdes Schmerzensbild.
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Jezt muß die Mutter härter leiden,
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Als da sie dich zuerst gestillt.
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Der treue Vater schweigt vor Kummer,
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Die ält- und jüngre Schwester schreyt;
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An dir entführt der lezte Schlummer
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Das Herz von ihrer Artigkeit.

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Dort lauft der hofnungsvolle Knabe
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Aus fromm- und treuer Einfalt zu
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Und meint, als ob dein Aug im Grabe
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Nur ihm zum Scherz und Poßen ruh;
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Er rüttelt die erstarrten Glieder
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Und spielt und drückt die Finger noch
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Und streicht die Wangen hin und wieder:
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Ach Schwesterchen, erwache doch!

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Wie mancher wird sich heimlich grämen,
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Daß so ein Plaz dein Ehbett ist,
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Und dürften sich nur viel nicht schämen,
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So würdestu noch todt geküst.
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O wie viel Wüntsche sind vergebens,
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O wie viel Flammen zeigen Fluth,
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Nachdem der Abbruch deines Lebens
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Verliebter Sehnsucht Schaden thut!

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Die Tochter Jephta kriegt viel Zähren,
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Du kriegst nicht minder größre Pflicht.
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Die Nymphen klagen dein Entbehren
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Mit Armen, Farb und Angesicht.
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Dein Umgang wird sie nicht mehr zieren;
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Drum rufen Hügel, Thal und Hayn:
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Ach Schwester, da wir dich verlieren,
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Wird unser May kein Frühling seyn.

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O schweigt, ihr zärtlichen Gemüther,
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Und schickt den Rest mit Troste fort!
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Ihr Geist erhält die höchsten Güter
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Und sucht den rechten Schönheitsort:
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Der Himmel buhlt mit ihrem Kuße,
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Der nicht nach Fleisch und Sodom schmeckt;
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Sie wird vom Schlafe bis zum Fuße
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Mit ungemeiner Pracht bedeckt.

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Was soll sie hier in Kedar wohnen?
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Kein Bräutgam scheinet ihrer werth;
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Sie wird mit überirdschen Cronen
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Viel mehr gezieret als beschwert:
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Sie kriegt des Lammes Gnadensiegel;
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So wird kein Hochzeitschmuck geschäzt,
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So weit der Morgenröthe Flügel
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Den feuchten Schatten Gränze sezt.

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Ich opfre dir, du reine Seele,
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Ein Brautlied in der Sterbligkeit
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Und fülle deines Leichnahms Höhle
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Mit trauriger Ergebenheit.
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An Dauer trozt dies Blat die Steine,
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Indem es diese Warheit trägt:
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Mein Pilger, neze die Gebeine,
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Die Wiz und Schönheit abgelegt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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