Es ist die Mode so: Man schiert und wird geschoren

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Johann Christian Günther: Es ist die Mode so: Man schiert und wird geschoren Titel entspricht 1. Vers(1709)

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Es ist die Mode so: Man schiert und wird geschoren;
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Seitdem des Noä Schif ein neues Volck gebohren,
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Seitdem hat auch die Welt durch Geilheit, List und Macht
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Den Nechsten oftermahls um Ehr und Gut gebracht
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Und um das Licht geführt. Es heist: Wir fehlen alle –
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Wie jene junge Magd, die kam bereits zu Falle
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Und meinte gleichwohl noch, sie wüste nicht warum.
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Ja, wenn kein Bursche wär! O macht mich nur nicht tumm!
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Ich bin noch klug gewiegt und weis wohl auszuführen,
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Daß alle Laster nicht von Übereilung rühren;
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Denn ist der Mensch ein Thier, das noch Verstand und Rath
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Nach Adams Sündenfall in etwas übrig hat,
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So wunderts mich, warum so viele Duzend rennen
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Und sich, wer weis was sonst? die Schnauzen oft verbrennen.
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Gescherzt ist nicht geschimpft. Herr Bruder, nimm in Acht,
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Wie weit ich diesesmahl die treue Pflicht gebracht.
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Die Misgunst wird gewis bey meinen Zeilen dencken,
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Als sucht ich dir hiemit ein Kleckschen anzuhencken.
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Allein du siehst wohl ein, wie viel ich allzeit thu
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Und was vor Redligkeit in meiner Feder ruh;
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Denn daß ich dann und wann die Welt zu striegeln scheine,
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Das macht es, daß ich stets die nackte Warheit meine,
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Zumahl zu unsrer Zeit, in der der Hundsstern billt
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Und Adams Blöße fast beym Frauenzimmer gilt,
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Weil die Bequemligkeit nicht eben haben wollte,
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Daß manch galantes Kind im Schweiß ersaufen sollte.
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Die Lieb und auch die Flöh sind oft von einer Art;
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Wer hier den Grif vergißt und kühne Finger spart,
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Den trift oft der Beweis: Es hat sich nichts gefangen;
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Daher wir oft ein Holz vor einen Hecht erlangen.
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Und dies erfuhr nechst Mops, der zu der Fräule kam,
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Den großen – – an statt des Hofnungsanckers nahm,
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Um, wenn es möglich wär, im Trüben viel zu fischen;
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Allein er muste sich die magre Gusche wischen.
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Denn die, nach der er schos, verlor sich ohngefehr;
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Und weil er öfters schwur, wie günstig sie ihm wär,
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So must er nach der Zeit das schnelle Schimpfwort hören:
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Der Herr bekommt sie wohl, jedoch sein Wort in Ehren,
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Koth löscht auch öfters Glut. Du weist wohl, daß ich oft,
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Mehr als ein junger Mann auf einen Sohn, gehoft,
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Dir auf den Ehrentag ein nettes Lied zu dichten;
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Jezt muß ich meinen Reim in tausend Falten richten,
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Da theils Verwunderung, theils Wärme, theils Verdruß
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Den höchstverwirrten Geist in Zügeln führen muß.
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Doch hab ich noch so viel in wichtigem Vermögen,
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Daß, wenn auch die und die mich durch ein Irrlicht zögen,
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Mir gleichwohl jezt der Werth von deiner lieben Braut
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Zeug, Zunder, Wißenschaft und alles anvertraut,
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Was sonst die Poesie zum Pferdeleihen brauchet.
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Der wäre doch wohl toll, der, wenn die Jugend rauchet
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Und Blut und Ader springt, sich nicht der Zeit bedient.
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Allein wie schweif ich aus! Indem dein Brautkranz grünt,
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So blüht auch mein Parnaß; das heist: Indem du liebest
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Und als ein andrer Mars der Venus dich ergiebest,
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Erhalt ich Kraft und Lust, von weitem einzusehn,
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Wie manches Wunderwerck auch unter uns geschehn
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Und daß Geschwindigkeit, die tausend Helden üben,
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Den Cäsar nicht allein auf Ehr und Ruhm getrieben.
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Er kam und sah und schlug; du kommst, du siehst und freyst.
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Da deine Großmuth so ein Heldenwerck beweist,
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So ist der Vorzug da. Der Erste thats auf Erden,
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Dir aber muß sogar das Waßer dienstbahr werden;
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Denn unser Pleißenfluß hat, wie man mir erzehlt,
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Dich durch den schönen Blick mit Angst und Streit gequält
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Und auch zugleich vergnügt, nachdem dein artig Wesen
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Auf das geschwinde Ja der Braut bequem gewesen.
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Es lüge nun der Neid, so viel er immer will,
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Es hält ihm die Gedult wie dir dein Schäzchen still.
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Und daß dein Vaterland dir nicht ein Kind geschencket,
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Das macht, daß hier mein Kiel auch an das Sprichwort dencket,
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Daß da, wo jeder Mensch nur Wein und Brodt geneust,
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Das nechste Canaan von Milch und Honig fleust
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Und, wo wir in der Welt was Angenehmes finden,
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Uns Lieb und Redligkeit ein andres Eden gründen.
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Ich rede fast zu viel; denn wenn ein Postillant,
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Er sey auch noch so tumm, den Seiger umgewand,
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So fängt er erstlich an und will den Leuten fluchen,
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Die in des Höchsten Wort den geilen Misbrauch suchen.
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Gedult hilft allen durch. Dies wuste jenes Weib;
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Die Bursche kamen ihr zu küzlich auf den Leib,
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Sie hielt als wie ein Lamm und lies die Leute wißen:
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Wer vor den Jungen lauft, der wird mit Koth geschmißen.
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Doch wieder an das Ziel! Die Freyheit ist nun weg,
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Und dein vor diesesmahl erhaltner Liebeszweck
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Erweist dir allbereit den Stand geflickter Hosen;
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Sie aber weis die Kunst, nachdrücklich liebzukosen.
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Und da dir sonst dein Amt den wahren Sturm befiehlt,
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So wiße, daß dein Fleiß hier nicht vergebens zielt.
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Nur dies ist etwas schwer: Sie wird sich kaum bequemen
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(was thut das Alter nicht!), die Paucken anzunehmen.
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Ein Klöppel klingt nur hohl; doch wiltu Sieger seyn,
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So schraube wie Eugen Petard- und Flocken ein.
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Es kostet wenig Müh, das weite Thor zu sprengen;
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Nur nimm dich auch in Acht, daß nicht Fr – – drängen.
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Denn wie Erfahrung lehrt, so hat der Feind die List,
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Daß, wenn er allbereit der Flancken mächtig ist,
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Er dennoch seine Macht mit starckem Feur zu zwingen
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Und deßen Anlauf oft zum Abmarch pflegt zu bringen.
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Ich wüntsche dir dabey ein fettes Siegesfeld,
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Worauf dein Lanzenst[oß] die Oberhand behält,
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Und wüntschte, könt es seyn und hätt ich noch das Leben,
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Bey solcher Tapferkeit den Zeugen abzugeben.
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Nein, nein, das war gefehlt, der Teufel hält das Licht,
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So spricht man insgemein; doch da die Feder bricht
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Und meine Muse schweigt, so wüntsch ich dir das Glücke,
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Daß deine Stärcke nur die Feindin glücklich drücke
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Und daß ihr Gegenstand dir diesen Trost verleih,
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Daß Beute, Lust und Kind auf einer Wahlstatt sey.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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