[das Leben gleichet einer Schule]

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Johann Christian Günther: [das Leben gleichet einer Schule] (1709)

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Das Leben gleichet einer Schule,
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Wo die Gefahr ihr Amt beschüzt
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Und täglich auf dem Lehrerstuhle
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Zur Unterweisung mühsam sizt.
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Man fühlet die Verfolgungsruthen
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Und wird durch eignen Schaden klug;
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Ja, wenn schon Aug und Herzen bluten,
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Spricht doch das Unglück nicht: Genug!

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Man läst sich durch die Classen führen,
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Man lernt das Elends-A. B. C.
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Die Wiege lehrt uns buchstabiren,
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Hier aber sezt es lauter W.
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Denn lesen wir die Klagelieder,
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Eh noch die Zunge lesen kan,
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Und deuten durch die schwachen Glieder
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Gewißer Fälle Zukunft an.

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Die andre Classe bringt die Jugend,
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Hier schreibet uns der Ehrgeiz vor,
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Die Wollust zieht uns von der Tugend
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Gar oft in ihr Syrenenchor.
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Man lernt des alten Adams Sprache
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Aus angebohrner Fähigkeit,
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Zumahl wenn man sich im Gelache
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Der unerkandten Sünden freut.

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Drauf rückt man auf der Creuzbanck höher,
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Wenn sich die Lust des Ehstands zeigt;
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Da wird man ein Pythagoraeer,
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Der die geheime Noth verschweigt.
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Der Kummer weckt uns alle Morgen;
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Dann giebt uns die Erfahrung ein,
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Daß Bücher den vermehlten Sorgen
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Voll lauter schwarzer Creuze seyn.

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Zulezt kommt uns im Kranckenbette
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Die Kunst zu sterben schwerer für,
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Als man es je gemeinet hätte:
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Da liegen, flehn und ächzen wir,
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Da faßen wir am Lebensrande
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Den Predger von der Eitelkeit,
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Bis uns in dem bedrängten Stande
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Das Buch der Gnade Trost verleiht.

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Hierinnen weist sich dein Gemüthe,
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Wohlseeligster, mehr als geübt,
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Da dein erkaltendes Geblüte
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Der Seelen willig Abschied giebt.
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Du sprichst das schwere Wort: Ich sterbe,
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Mit ungezwungner Großmuth aus,
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Du läst der Welt ihr armes Erbe
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Und ziehst ins rechte Weißheitshaus.

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Der Schulstaub machte deinem Rücken
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Nicht selten eine schwere Last,
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Die du mit unverwandten Blicken
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Bey Fleiß und Müh getragen hast.
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Jezt kanstu sie in Sarg verschließen
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Und nach gethaner Arbeit ruhn,
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Da, wo dich Glück und Wollust küßen
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Und stets nach deinem Willen thun.

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Die Bäume, welche du gezogen
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Und in der Schule wohl gepflegt,
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Sind treuer Lehrer Ehrenbogen,
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Worein sich dein Gedächtnüß prägt.
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Hieraus verkrazt der Zeiten Finger
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Von deinem Nahmen keinen Strich;
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Denn Meister leben durch die Jünger
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Auf allen Zungen ewiglich.

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Betrübte Wittwe, dein Vergnügen
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Wird mit der Baare fortgeschickt;
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Du siehst dein Herz im Grabe liegen,
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Das dir den halben Geist entrückt.
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Allein es sind die festen Schlüße,
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Die niemand hintertreiben kan;
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Drum stille deine Thränengüße:
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Der Herr hat alles wohl gethan.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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