[ein Mensch, der mit Begier nach freyen Künsten strebt]

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Johann Christian Günther: [ein Mensch, der mit Begier nach freyen Künsten strebt] (1709)

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Ein Mensch, der mit Begier nach freyen Künsten strebt,
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Trägt wohl, so lang er noch auf hohen Schulen lebt,
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Vor seinen Wechselbrief die allergrösten Sorgen;
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Der Kummer, den er hat, ist seiner Eltern Geld,
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Zumahl wenn ihm der Muth aus leeren Beutheln fällt
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Und Koch und Schneider ihm die lezte Nothdurft borgen.

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Hat er nunmehr verthan, was ihm der Mutter Hand,
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Als sie den lieben Sohn mit Thränen fortgesand,
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Verstohlen auf der Flucht in alle Ficken steckte,
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So geht die Noth an Mann, so stüzt er Kopf und Arm,
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Verriegelt Thür und Schloß, macht Stuhl und Seßel warm
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Und sizt so finster da, als wenn er Grillen heckte.

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Er lauft den Kutschen zu, die er beladen spürt,
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Rennt täglich auf die Post und list und buchstabirt
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Fast vierundzwanzigmahl die Nahmen aller Charten.
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Zwey Fest im Jahre sind, die ihn gewis erfreun:
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Er weis, daß Michael und Ostern Tröster seyn;
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Nur dieses thut ihm weh: Er soll so lange warthen.

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Hingegen schickt es sich, daß der verlangte Gast,
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Den er so wie ein Bär den Bienenzucker hast,
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Von Hause wieder kommt und wilde Männer bringet,
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Da wacht und lebt der Pursch, da zieht der Kummer aus,
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Und es erfährt es oft des sechsten Nachbars Haus,
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Wie seine Fröhligkeit durch alle Fenster singet.

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Wir wißen, Seeligster, daß jezt die Tadelsucht
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Dies ungereimte Blat, wie sie es nennt, verflucht,
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Weil es bey deiner Gruft, um die es weinen sollte,
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Mit halbem Scherz erscheint. Doch wißen wir auch dies:
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Du selber billigst es und straftest den gewis,
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Der deinen Vortheil nun mit Thränen stören wollte.

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Denn jezt, nachdem dein Fuß, der hurtig Abschied nahm
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Und ohn Verhofen nechst geschwächt zurücke kam,
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Den Weg nach Halle nimmt, den Wechsel dort zu heben,
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So zahlt des Himmels Gunst dir durch des Todes Hand
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Noch einen reichern aus, als deine Reise fand,
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Die dir Gelegenheit zur lezten Fahrt gegeben.

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Dies ist der Gnadenlohn der Zeiten ohne Zeit,
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Der Reichthum jener Welt, allwo die Eitelkeit
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Nicht böse Wahren führt, noch falsche Münze präget.
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Die Lage, so du giebst, ist warlich klein und schlecht,
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Ein Leib voll Fäul und Stanck; und also heists mit Recht,
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Daß oft ein kleiner Zins den grösten Wucher träget.

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Wie nun ein wahrer Freund des andern Glück und Lust
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Mit heitren Augen sieht, so darf aus unsrer Brust,
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Der Neid thu was er will, kein Trauerlied erschallen.
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Es ist bereits gemein, daß sich die Heucheley
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Bey alle Baaren sezt; drum bleibt es wohl dabey:
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Die meisten trauren nur der Mode zu Gefallen.

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Zwar, was der Traurigkeit hier einen Schein erwirbt,
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Ist, daß der Jugend Lenz dir jezt im Herbste stirbt
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Und daß dein Alter nicht auf hohe Stufen kommen;
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Jedoch der Spruch bleibt wahr: Wer viel gewinnen kan,
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Säumt keinen Augenblick. Dies hast auch du gethan
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Und lieber früh als spät den Wechsel angenommen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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