[zwey Schlüßel öfnen uns das Thor der Ewigkeit]

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Johann Christian Günther: [zwey Schlüßel öfnen uns das Thor der Ewigkeit] (1709)

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Zwey Schlüßel öfnen uns das Thor der Ewigkeit,
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Zwey Wege theilen sich, den Berg zu überwinden,
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Auf welchem Ehr und Ruhm, die Sclaven keiner Zeit,
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Der Großmuth und der Kunst den Marmortempel gründen:
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Hier schwizt die Tapferkeit, dort eilt die Weißheit fort,
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Und beide dringen sich an den gestirnten Ort,
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Wo Pallas und ihr Kiel, wo Mavors und sein Degen
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Die Bilder ihrer Zunft auf göldne Münzen prägen.

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Vor diesen theuren Lohn zahlt mancher Haut und Blut,
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Vor diese Kostbarkeit wagt Cäsar Leib und Leben.
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Heist nicht, was Cloelia und ihr Geschlechte thut,
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Durch Waßer und Gefahr dem Kranz entgegen streben?
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Bläst nicht die Fama noch der Nachwelt in das Ohr,
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Warum Pharsalien Pompejens Kopf verlor?
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Hat die Vergängligkeit den kühnen Arm gefreßen,
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Der bey Porsennens Herd die rechte Hand vergeßen?

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Auf dieser Straße geht ein unerschrockner Held,
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Der ihm die Losung nimmt: Wir sterben oder siegen.
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Die Wahlstatt scheinet ihm ein Thron, der ewig hält;
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So viel er Leichen macht, so viel betritt er Stiegen.
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Spricht man zulezt von ihm: Er focht, er stand, er fiel,
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So kommt er allerdings an sein erwüntschtes Ziel
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Und läst den schweren Zeug nach einem halben Blicke,
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Als spräch er Gute Nacht, der Eitelkeit zurücke.

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Noch sichrer führt die Bahn, so uns Minerva bricht;
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So flüchtig steigt kein Pfeil, den Meroe gefiedert,
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Als sich ein Geist erhebt, der mit den Musen spricht
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Und seiner Glieder Fall durch den Verstand erwiedert.
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Er spottet selbst dem Neid, der ihm nicht folgen kan,
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Sieht aus der stolzen Höh der Misgunst Ohnmacht an,
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Sucht alles in sich selbst, was ihn zufrieden stelle,
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Und macht die Finsternüß in seiner Gruft noch helle.

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Das Volck, so gerne log, erhob sein Vaterland,
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Weil es dem Juppiter die Wiege zugeschnidten;
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Auch Pella wird der Welt durch die Geburth bekand,
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Die einen Jüngling gab, der um die Welt gestritten.
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Doch Memphis und Athen verschlungen beider Ruhm:
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Dort wird die Weißheit jung, hier stund ihr Heiligthum;
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Dort ward der Wißenschaft das erste Brodt gebrochen,
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Hier der Gelehrsamkeit der Hauptsiz zugesprochen.

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Die Ehrsucht und ihr Wind blies hier den Zunder auf,
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Den Vorsicht und Natur dem Plato eingegraben;
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Der Tod betrog ihn zwar um seinen Lebenslauf,
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Doch kan er keinen Theil an seinem Nahmen haben.
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Ist gleich dem Stagirit ein naßes Grab bestimmt,
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Gnug, daß sein Ehrenpreis noch täglich oben schwimmt
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Und in dem Garthen grünt, wo Epicurus lachet,
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Wenn dort der schwarze Nil aus Zwiebeln Götter machet.

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Das Bad des Seneca geußt noch viel Lehren aus,
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Die Schulen hören noch den Greiß von Samos schweigen,
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Der kluge Hund bewohnt ein unverbrennlich Haus,
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Um sein Gedächtnüßmahl der Nachwelt anzuzeigen.
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Stellt uns auch Larrey nicht die weltberühmte Schaar
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Der Weisen Griechenlands in sieben Geistern dar,
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So wird ein weiser Knecht von der Laterne sagen,
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Um die die Käufer sich nach seinem Tode schlagen.

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Ja, wendet mancher ein, den Ruhm gebiehrt der Tod,
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Hingegen was vor Lust springt aus der bittern Quelle?
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Was hilft der lezte Ruf, wenn ich bey Angst und Noth
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Durch meine Wißenschaft die Lebenszeit vergälle?
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Ich lobe den Verstand, der Gold zusammenhält;
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Denn wem des Midas Wuntsch in seinen Beuthel fällt,
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Der hat der Leute Gunst und kan an Tafeln speisen,
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Die Aristippens Maul zum Kohlgerichte weisen.

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O unerfahrner Wiz, der gar zu thöricht schleust!
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Sind Glück und Weißheit denn so scharfe Stiefgeschwister?
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Wem unser Tagebuch nicht gnug Exempel weist,
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Der wandre durch den Staub verlegner Zeitregister.
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August macht seinen Staat mit den Gelehrten groß,
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Ein kluger Thrasilus besizt des Kaysers Schoos,
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Den Dio läst Trajan mit seiner Gunst bedienen,
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Und Epictet verehrt die beiden Antoninen.

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Dir, klug- und weises Haupt, zeigt jezt dein Elb-Athen,
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Wie es der Künste Fleiß wohl zu belohnen wiße,
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Und daß, wie Blüth und Frucht aus einer Knospe gehn,
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Das Kleinod und der Kampf einander folgen müße.
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Dein würdiges Verdienst begehrte diesen Stab,
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Den Pallas deiner Hand, ihr Volck zu lencken, gab.
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Drum gilt nunmehr der Spruch, den man in Zweifel stellte,
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Daß ein Prophete noch im Vaterlande gelte.

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So wenig dir der Neid dergleichen Vorzug gönnt,
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So viel lacht Wittenberg, weil es ein Kind erzogen,
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Das, da Minervens Schaar es seinen Vater nennt,
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Mit unverdroßner Müh der Weißheit nachgeflogen.
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In Zittau bricht von dir des Glückes Wiederschein
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Durch das bekandte Haus der Pierinnen ein,
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Und Mirus, deßen Schweiß an dir den Baum begoßen,
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Sieht mit Verwundrung an, wie er so hoch geschoßen.

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Das ehmahls freye Rom pries deßen Herrligkeit,
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Dem man nun siebenmahl sechs Beile vorgetragen;
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Verlängerte mein Wuntsch das Ziel der kurzen Zeit,
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So sollten siebzig Jahr nach deiner Würde fragen.
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Jedennoch, da kein Mensch die Schickung ändern mag,
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So wüntsch ich nur so viel, daß dich dein lezter Tag
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Gesund, vergnügt, berühmt und eher nicht ergreife,
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Bis es um deinen Schlaf wie Schnee und Silber reife.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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