[was teuscht mich vor ein süßer Traum?]

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Johann Christian Günther: [was teuscht mich vor ein süßer Traum?] (1709)

1
Was teuscht mich vor ein süßer Traum?
2
Wie, oder hör ich würcklich singen?
3
So rein und zärtlich kan wohl kaum
4
Des Hohenpriesters Leibrock klingen.
5
Wer sagt mir, welch gelinder West
6
Den Hauch in meine Flöthen läst,
7
Die doch noch ganz in Thränen schwimmen?
8
Ists Warheit? Ja, nun merck ich schon,
9
Die Tugend giebt mir selbst den Thon
10
Und will, ich soll von neuem stimmen.

11
Bellona, weich mit Bomb und Knall
12
Und dämpfe Trommeln und Trompeten!
13
Kein grausam- starcker Pauckenschall
14
Beweg anjezo die Sudeten!
15
Ihr Nymphen, hört mit Ehrfurcht zu,
16
Der Elbstrom lege sich zur Ruh,
17
Wo nicht, so schleich er nur im Stillen.
18
Ihr Vögel, stellt das Schwazen ein!
19
Ihr Blätter, schweigt! Sporck soll allein
20
Feld, Ufer, Thal und Luft erfüllen.

21
Ein Geist, dem Vorsicht und Natur
22
Vor andern Stärck und Feuer geben,
23
Sucht allzeit auf der rechten Spur
24
Dem wahren Lobe nachzustreben;
25
Nur muß dies wahre Lob kein Schein
26
Des blind- und eitlen Hochmuths seyn,
27
Den blos Gewalt und Schmeicheln stüzen.
28
Es rührt, wie Flüße von dem Meer,
29
Allein vom guten Willen her,
30
Der Welt mit Rath und That zu nüzen.

31
Ein solcher Geist brennt vor Begier,
32
Der Unterthanen Last zu mindern.
33
Egypten sah ihn in Osir
34
Und Peru dort in Sonnenkindern.
35
Er herrscht mit Langmuth und Gedult
36
Und grämt sich, wenn ihm fremde Schuld
37
Das Strafschwerd in die Hände zwinget.
38
Sein Herz, sein Antliz, ja sein Fuß
39
Sind wie der siebenfache Fluß,
40
Der Frucht und Seegen mit sich bringet.

41
Und dies, erlauchter Graf, bist du,
42
Du, deßen Geist der Sonne gleichet,
43
Die sonder Eigennuz und Ruh
44
Den Menschen Licht und Wärme reichet,
45
Du, deßen Neigung und Verstand
46
Mit voll- und ausgestreckter Hand
47
Der Welt ein gut Exempel geben,
48
Es sey kein schön- und höher Ruhm,
49
Als durch ein thätig Christenthum
50
Sich und sein Haus emporzuheben.

51
Ein Dichter, deßen Wißenschaft
52
Auf Beßrung und Ergözung zielet
53
Und von Geburth an eine Kraft
54
Gelehrter Ehrbegierde fühlet
55
Und jezt, so schlecht sein Pfund auch ist,
56
Aus Faulheit oder Scham vergißt,
57
Dein Lob der Welt nach uns zu zeigen,
58
Der ist der deutschen Luft nicht werth
59
Und kan, weil Warheit Licht begehrt,
60
Von dir kaum ohne Sünde schweigen.

61
Was sehnstu dich, bethörte Zeit,
62
Nach jenen güldnen Weißheitsjahren,
63
Die mit der Römer Herrligkeit
64
Und im Octav dahingefahren?
65
O beßre deiner Wüntsche Lauf
66
Und thu doch jezt die Augen auf,
67
Dein neues Glücke zu erkennen!
68
Carl ist August, in Wien blüht Rom;
69
Nun mag der stolze Tiberstrom
70
Der Donau Kranz und Vorzug gönnen.

71
Sind aber keine Schwäne da?
72
Erscheint noch kein Homer zum Singen?
73
Hat Schlesien kein Mantua,
74
Noch einen Maro vorzubringen?
75
Was hilft das Feuer in der Brust?
76
Was hilft uns, sprecht ihr, ein August,
77
Wofern sich kein Mäcenas reget?
78
O blinde Zeit, o eitles Flehn!
79
Wie, hastu denn noch nie gesehn,
80
Was unser Sporck vor Kränze träget?

81
Er giebt den Künsten Schuz und Brodt,
82
Läst Gnade, Lieb und Wohlthat regnen,
83
Er sucht der allgemeinen Noth
84
Mit Rath und Vorschub zu begegnen,
85
Er kennt der Wißenschaften Preis,
86
Belohnt Geschickligkeit und Fleiß,
87
Erweitert Gottes Reich und Ehre,
88
Schreibt jeden Tag verloren an,
89
An dem er keinem wohlgethan,
90
Und heiligt auch der Musen Chöre.

91
O Nahme, deßen Klang und Werth
92
Von jezt in alle Zeiten dringet
93
Und, wo er Ost und West durchfährt,
94
Glanz und Verwundrung mit sich bringet!
95
Die Fama trägt sein Conterfey
96
Zum Zeugnüß, daß es würdig sey,
97
Den Saal der Helden mit zu schmücken,
98
Um, weil es keine Nacht bedeckt,
99
So weit sich nur Europa streckt,
100
Die fromme Nachwelt zu entzücken.

101
Der Held, der andre Capistran,
102
Aus deßen Lenden du entsproßen,
103
Hat vor des Adlers Siegesfahn
104
Sein Blut mit Fruchtbarkeit vergoßen.
105
Die Vorsicht schickt es immer so:
106
Dem David folgt ein Salomo.
107
Des Vaters reich erworbne Beute
108
Theilt deine Weißheit liebreich aus
109
Und baut davon dem Herrn ein Haus
110
In so viel Herzen armer Leute.

111
Rom hies noch nicht der Erden Haupt,
112
Sein Wachsthum lag erst in der Wiege,
113
Und was sein siegreich Volck geraubt,
114
War nichts als Weiber, Feld und Pflüge,
115
Als Numa, den die Weißheit trieb,
116
Gesez und Opferregeln schrieb
117
Und Zeit und Volck in Ordnung brachte,
118
Wobey er klug, doch falsch, gestund,
119
Als ob ihm einer Göttin Mund
120
Den Grundriß und die Vorschrift machte.

121
Du darfst mit der Aegeria
122
Kein weises Nachtgespräch erdichten:
123
Dein Geist ist Gott, sein Wort liegt da
124
Und muß Gesez und Wandel richten.
125
Aus dieser unerschöpften Bach
126
Führt jezt dein Eifer nach und nach
127
So viele rein- und süße Quellen
128
Von Lehr, Erbauung, Trost und Kraft,
129
Um in des Lebens Pilgrimschaft
130
Die Reise glücklich fortzustellen.

131
Kunst, Nachdruck, Warheit, Recht und Licht
132
Verklärt der deutschen Einfalt Sinnen
133
Und läst sie bey gezeigter Pflicht
134
Zum Guten Trieb und Lust gewinnen.
135
Dein Fleiß, der auch vor Seelen wacht
136
Und alle Tugend fruchtbahr macht,
137
Lehrt Angst und Andacht würdig bethen
138
Und zeigt durch Schriften voller Geist,
139
Was derer Amt und Sorgfalt heist,
140
Die Gottes Vaterstatt vertreten.

141
So manches Buch, so mancher Schaz,
142
So manche Stufe nach dem Himmel:
143
Hier läst dir einst die Misgunst Plaz,
144
Hier sammlestu vor keinen Schimmel.
145
Herr, glaube, daß ein jedes Blat,
146
Das hier ein göttlich Feuer hat,
147
Auf jeden deiner Feinde blize,
148
Und weil es Sünd und Laster schröckt
149
Und weil es Lieb und Andacht weckt,
150
Dir hier und dort zum Leben nüze.

151
Ihr, die des Höchsten Rath bestimmt,
152
Der Welt mit Stahl und Bley zu dienen,
153
Gebraucht, was euch in Adern glimmt,
154
Und macht aus Leichen Ehrenbühnen,
155
Sezt Gut und Blut vor Carlen auf,
156
Helft seinen Siegen Zahl und Lauf
157
Und unsern Gränzen Friede geben!
158
Schön stirbt sichs vor das Vaterland;
159
Noch schöner ists, mit kluger Hand
160
Wie unser Sporck davor zu leben.

161
Herr, lebtestu vor langer Zeit
162
Und in dem alten Fabelreiche,
163
So schwör ich mit Bedachtsamkeit
164
Bey deiner Tochter heilgen Leiche:
165
Dein Bildnüß müst in Erz und Stein
166
Den Tempeln neue Pracht verleihn
167
Und als ein Halbgott Opfer tragen;
168
Die Sternkunst würd es dort erhöhn,
169
Wo Castor oder Cepheus gehn
170
Und beide Bär einander jagen.

171
Allein die Tugend sehnt sich nicht
172
Nach Phaëtons Gefahr und Pferden,
173
Und deiner Demuth nuzbar Licht
174
Verlangt kein Gözenstern zu werden.
175
Du weist und giebst, was Gott gehört,
176
Und was dich mehr als menschlich ehrt,
177
Das ist ein Fluch in deinen Ohren.
178
Gnug, daß der Allmacht fester Schluß
179
Dich vor so manchen Lazarus
180
Zum Arzt und Vater auserkohren.

181
Die Sonne macht das Erdreich grün,
182
Bekleidet Feld und Blumenstücke,
183
Und wenn sie Wärme gnug verliehn,
184
Bekommt sie Dunst und Gift zurücke.
185
Dies ist auch deiner Wohlthat Frucht;
186
Wie manche böse Natterzucht
187
Belohnt die Gnadenbrust mit Stichen
188
Und beißt anjezt mit List und Truz
189
Die Hände, derer Huld und Schuz
190
Sie vormahls in der Schoos gestrichen.

191
Welch Unglück hat dich, theurer Graf,
192
Bisher wohl unversucht gelaßen?
193
Die Boßheit stört dir Amt und Schlaf
194
Und meint, dich überall zu faßen.
195
Haß, Zancksucht, Meineid und Betrug
196
Sind stets auf deinen Schaden klug
197
Und machen der Gedult zu schafen.
198
Der Undanck nimmt dein Gnadenbrodt
199
Und sinnt davor auf Fall und Tod
200
Und droht dir selbst mit deinen Wafen.

201
Dies greift empfindlich an das Herz,
202
Dies schmerzt das edelste Gemüthe.
203
Doch überwiegt auch dieser Schmerz
204
Noch lange nicht der Großmuth Güte;
205
Denn wie ihr milder Heldenmuth
206
Nichts auf Vergeltung giebt und thut,
207
So macht sie auch kein Undanck müde.
208
Und du, o Herr, bleibst einerley,
209
Wenn auch der Rest von Lieb und Treu
210
Auf einmahl von der Erden schiede.

211
Verfolgung hebt die Tapferkeit;
212
Je größre Last, je größre Palmen.
213
Was Tadelsucht und Misgunst schreyt,
214
Das sind vor dich noch Ehrenpsalmen.
215
Wenn Graß und Neßeln ruhig sind,
216
So müßen Wetter, Schnee und Wind
217
Der Cedern Stamm und Wurzeln stärcken.
218
Kein niederträchtig Herz ist werth,
219
An Proben, die dein Geist erfährt,
220
Des Himmels seltne Gunst zu mercken.

221
Denn diese pfleget, wen sie liebt,
222
Durch Sturm und Feinde groß zu machen:
223
Die Tapferkeit taugt ungeübt
224
So wenig als zerlechste Nachen.
225
Was dich an Glück und Ansehn kränckt
226
Und hier und dort zu werfen denckt,
227
Das ringt mit Macht nach eignem Falle,
228
Mit dem die Rache darum hält,
229
Damit er bey der späten Welt
230
Zu deinem Ruhme weiter schalle.

231
Dein Vater schlug bey Schweiß und Müh
232
Der Feinde Zorn mit Schwerd und Armen;
233
Du schlägst und überwindest sie
234
Mit Huld, Vergebung und Erbarmen.
235
O schöner Sieg! O frommer Streit!
236
O Rache voller Seeligkeit,
237
Den Neid mit Wohlthun zu beschämen!
238
Wen diese Großmuth schüzt und hält,
239
Der kan, wenn alles bricht und fällt,
240
Die Zuflucht zu sich selber nehmen.

241
Dies ist dein Ruhm, dies ist dein Rang,
242
Die über alle Palmen steigen,
243
Vor welchen sich aus Furcht und Zwang
244
Die Völcker bis zum Ganges neigen,
245
Dies ist, du Joseph unsrer Zeit,
246
Der nechste Weg zur Ewigkeit,
247
Worauf dich Recht und Warheit führen,
248
Die als ein unzertrennlich Paar
249
Bey so viel Kummer und Gefahr
250
Dein Leben wie den Wahlspruch zieren.

251
Das Trauren kan zu rechter Zeit
252
Auch hohe Seelen nicht beschämen;
253
Denn Wehmuth ist nicht Weichligkeit
254
Und treuer Schmerz kein schimpflich Grämen.
255
Aeneas weint und bleibt ein Held,
256
Wenn ihm ein Bild, wie Troja fällt,
257
Von neuem zu Gemüthe führet;
258
Und Cäsar, der sonst in Gefahr
259
Und auf dem Meere Cäsar war,
260
Wird durch ein blutig Haupt gerühret.

261
Mit beßrem Wohlstand, Ernst und Recht
262
Bewies das Mitleid naßer Wangen,
263
Wie tief der Riß in dein Geschlecht
264
Der Großmuth durch das Herz gegangen.
265
Hier gab dein starck Gemüthe nach,
266
An welchem Neid und Ungemach
267
So manchen Sturm und Sieg verloren,
268
Als Carlens Haupt den Cronen Glanz,
269
Eugen dem Adler Sieg und Kranz
270
Und Sporck den Armen Trost gebohren.

271
Hier, sag ich, überwand einmahl
272
Der Mensch den Held in deinem Herzen,
273
Und Fleisch und Blut empfand den Strahl
274
Von Leonorens Todtenkerzen.
275
O Tag voll Angst und Finsternüß,
276
Der diesen Schaz der Erd entriß
277
Und um den schönsten Engel brachte,
278
Der unter menschlicher Gestalt
279
Des heilgen Feuers Aufenthalt
280
Mit Fasten und Gebeth bewachte.

281
O was vor Wunden hat der Fall,
282
Der unverhofte Fall geschlagen!
283
Man hört sich noch den Wiederschall
284
Im Tempel mit den Seufzern tragen,
285
Die dies dein Kind vor Stadt und Land
286
Und aller Heil zu dem gesand,
287
Der jezt ihr Herz mit Wollust träncket
288
Und der ihr vor die in der Zeit
289
Ihm stets getreue Wachsamkeit
290
Der Unschuld reinen Brautrock schencket.

291
So einer Tochter schnelle Flucht
292
Verdient nun freylich Heldenthränen;
293
Wer ihres gleichen weiter sucht,
294
Den treibt nur ein vergeblich Sehnen.
295
Sie raubt dem Kloster Haupt und Zier,
296
Und jede Tugend schickt mit ihr
297
Ein wohlgerathnes Kind zu Grabe
298
Und schreibt auf ihren Leichenstein,
299
Daß nunmehr Franckreich nicht allein
300
Der Genovefa Leichnahm habe.

301
Ich weis, o Herr, dein Auge fliest
302
Bey diesem herben Angedencken
303
Und wird sich, da es dieses list,
304
Betrübt nach ihrer Ruhstatt lencken.
305
Wie siedend Oel bey starcker Glut,
306
So wallt das väterliche Blut
307
Aus Sehnsucht nach dem liebsten Kinde.
308
Herr, traure, doch beweis dabey,
309
Daß Sporck auch hier sich ähnlich sey
310
Und in den Schluß des Höchsten finde.

311
Wer weis, wie mancher Kopf und Kiel
312
Schon im gelehrten Schatten sizen
313
Und mit des Phoebus Lautenspiel
314
Bey dein- und ihrer Lobschrift schwizen!
315
Da solstu, wenn (Gott gebe spät!)
316
Dein Geist die Eitelkeit verschmäht,
317
Im Munde der Gerechten leben
318
Und als ein Bild voll Seltenheit
319
Zur Tugend und Gerechtigkeit
320
Den Enckeln Lust und Zunder geben.

321
Ach, müste meine Muse nicht
322
Bey Breßlers früher Leiche klagen
323
Und, weil ihr Ancker mit ihm bricht,
324
An statt der Laute Creuze tragen,
325
So würde sie, o Herr, vielleicht,
326
So weit als ihr Vermögen reicht,
327
Vor dich auf etwas Hohes sinnen,
328
Theils durch den Vorspruch seiner Gunst,
329
Theils durch ein Werck von meiner Kunst
330
Dein gnädig Auge zu gewinnen.

331
Doch so entfällt mir Muth und Lust
332
Bey diesem klugen Mäcenaten,
333
Der mir mit väterlicher Brust
334
Dein Lob, o Herr, so oft gerathen.
335
Mit was vor Eifer, Angst und Müh
336
Erzehlt er meiner Poesie
337
Die Menge deiner Vorzugsgaben.
338
Der Herr, so brach er oftmahls aus,
339
Verdient allhier ein ewig Haus
340
Und sollte den Apelles haben.

341
Dadurch gerieth so gleich mein Blut
342
Wie Cederholz durch Bliz in Flammen;
343
Ich nahm die ganze Dichterglut
344
Und alle Kraft und Kunst zusammen.
345
Sporck, fing ich hoch und hizig an,
346
Beschämt die Wafen und den Mann
347
Und ist der Schuzgott meiner Lieder.
348
Kaum hört es die Vergängligkeit,
349
So schlug mir ihr besorgter Neid
350
Mit Breßlern Hand und Feder nieder.

351
Dein Geist wird dennoch, großer Graf,
352
Ein schlechtes Opfer nicht verachten;
353
Vermag die Dürftigkeit kein Schaaf,
354
So darf sie auch nur Tauben schlachten.
355
Ja obgleich dies mein welckes Blat
356
Vor dich kein würdig Ansehn hat,
357
Doch hat es Ehrfurcht und Verlangen,
358
Durch deinen Gnadenstrahl zu blühn
359
Und durch sein redliches Bemühn
360
Das Lob der Warheit zu empfangen.

361
Du bist durch dich genug erhöht,
362
Du wilst und brauchst kein prächtig Schmeicheln,
363
Womit ein Redner und Poet
364
Der Hoffart oftmahls fälschlich heucheln.
365
Indeßen, da die Tugend meint,
366
Sie sey den Musen auch nicht feind
367
Und prange gern in ihren Bildern,
368
So sündigt wohl mein Vorsaz nicht,
369
An dir einmahl ihr Angesicht
370
Mit beßren Farben abzuschildern.

371
Ihr, die ihr Götter heist und seyd,
372
Ihr Groß- und Starcken dieser Erden,
373
Auch ihr gehört zur Eitelkeit
374
Und müst wie wir zu Asche werden.
375
Wist, Unruh, Hohn und Fluch und Schmach
376
Folgt endlich den Tyrannen nach
377
Und bleibt an Sarg und Tittel kleben.
378
Herrscht, wie ihr wollt, wir folgen gern;
379
In so weit macht euch Gott zu Herrn,
380
Als wir durch euch im Friede leben.

381
Verfahrt nach Recht, nicht nach Gewalt,
382
Und trozt nicht blos auf Gold und Stärcke!
383
Die Schickung hebt und wirft auch bald
384
Und prüft hauptsächlich eure Wercke.
385
Nehmt von dem Titus und Trajan
386
So Freundligkeit als Sanftmuth an
387
Und macht euch zu der Völcker Freude
388
Und seht, durch welchen Lorbeerstrauß
389
Sich Habspurgs frommes Heldenhaus
390
Von seines gleichen unterscheide.

391
Was hilft euch aller Staat und Pracht,
392
Wenn Flecken im Gewißen bleiben?
393
Vermag wohl eure Schweizerwacht
394
Der Sorgen Einbruch abzutreiben?
395
Ihr liegt auf Purpur, aber wie?
396
Ihr nennt es Schlaf, es ist nur Müh,
397
Weil Puls und Herz vor Unruh klopfen.
398
Ihr traut der Höh; bedenckt den Fall!
399
Ihr trinckt aus Silber und Chrystall,
400
Gott weis, wie bald, den lezten Tropfen!

401
Die Unschuld ist das schönste Kleid,
402
Der Völcker Heil die reichste Crone,
403
Die klügste Staatskunst Billigkeit,
404
Die Gottesfurcht der Grund vom Throne.
405
Nicht der allein, der vom Codan
406
Bis an den Nil befehlen kan,
407
Ist blos ein großer Fürst auf Erden;
408
Wer Warheit liebt, den Menschen nüzt,
409
Sich selbst beherrscht, die Tugend schüzt,
410
Der ist schon werth, gecrönt zu werden.

411
Auf, Musen, die ihr alles könt
412
Und Zeit und Tod gefangen führet,
413
Brecht Blumen, die kein Reif verbrennt,
414
Holt Äste, die kein Donner rühret!
415
Durchflechtet sie von Hand zu Hand
416
Mit Ähren, Epheu, Amaranth
417
Um unsers Grafens Haar und Scheitel
418
Und überführt den Neid damit,
419
Den sein Verdienst zu Boden tritt,
420
Nicht alles sey auf Erden eitel!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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