[wie wird es dir nunmehr, gelehrter Freund, ergehn?]

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Johann Christian Günther: [wie wird es dir nunmehr, gelehrter Freund, ergehn?] (1709)

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Wie wird es dir nunmehr, gelehrter Freund, ergehn?
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Wie mancher Urtheiltisch wird voll und fertig stehn,
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Dein jezt in fremder Luft geendigtes Studiren
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Theils rühmlich, theils aus Haß durch Ohr und Mund zu führen?
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Es ist, als hört ichs schon, es murmeln Dorf und Stadt,
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Worinnen dich Geburth und Schul erzogen hat:
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Ihr Leut, ist dies nicht der, der ehmahls weit gezogen
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Und den ein falsch Geschrey erbermlich todt gelogen?
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Hör alles mit Gedult und las es leicht geschehn,
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Daß Neid und Unverstand mit scheelen Augen sehn.
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Die Warheit schwärzt kein Schimpf, den Mond erschröckt kein Bellen;
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Es kan dir dein Verdienst den Geist zufrieden stellen
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Und Schuz und Trost verleihn. Dies ist der stärckste Schild,
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Wenn Pfeil und Zunge rast und grobe Misgunst brüllt.
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Mein Beyspiel lehrt dich längst, was Neid und Thorheit können,
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Wenn Strahlen fremdes Ruhms ihr faules Leder brennen.
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Ein Weichling, deßen Amt viel grobe Laster deckt
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Und deßen Wiz und Geld in theuren Bänden steckt,
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Collin, der Waysen drückt und Wittwengut verschlinget
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Und mit Gewalt und List viel Gärthen an sich bringet,
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Wie auch Canidia, die Alt und Jung verführt,
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Verbothne Nestel knüpft, mit Satans Grif curirt,
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Mit Bley und Sadelbaum manch Jungfernkind verhütet,
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So Kind als Vieh beschreyt und um Walpurgis wütet,
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Und denn der blinde Thrax, der von der Mutter Geld
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Die Buhler seiner Frau mit Bethen unterhält
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Und der im Pleiß-Athen nichts gründlicher studiret,
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Als wie man Todos macht und Queue und Masse führet,
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Die alle dürfen noch so gar verwegen seyn
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Und wieder mich so oft ein höhnisch Zeter schreyn,
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Wenn etwan mein Versehn, jedoch ohn andrer Schaden,
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Der Jugend, die leicht fehlt, ein Unglück aufgeladen.
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Das Best ist, daß mein Herz sich endlich fest gesezt
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Und bey der Wißenschaft dergleichen Vieh nicht schäzt,
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In Hofnung, durch den Fleiß nach Übung kurzer Plagen
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Das Lob der klugen Welt dennoch davonzutragen.
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Deswegen folge mir, du längst geprüfter Freund,
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Und klage nimmermehr, der Pöbel sey dein Feind.
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Sein Loben ehrt dich nicht, nein, sondern dein Gewißen;
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Der Zeuge wird dich jezt und allzeit schüzen müßen.
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Denn was dir die Natur von Zunder zugedacht,
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Das hat dein eigner Fleiß in volle Glut gebracht,
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In voll- und reine Glut, womit die Weißheit strahlet
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Und selbst Eusebie ihr güldnes Brustschild mahlet.
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Dein Wachsthum muß bereits den unverdroßnen Hein
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Sowie den klugen Stieff mit Ruhm und Trost erfreun,
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Wenn anders Lehrer sich wie Gärtner recht ergözen,
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Wenn Pflanzen ihrer Hand so reiche Blüthe sezen.
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Die Vorsicht, welche stets die Redlichsten bewahrt,
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Hat warlich deiner Brust was Großes vorgespart,
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Denn obgleich Joabs Stahl dir fast den Rest gegeben,
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Erhielt dich doch ihr Arm so wunderlich beym Leben.
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Komm, zeuch mit Ehren heim, der Schulstaub ist vorbey,
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Komm, zeige, daß dein Werth der Reime würdig sey,
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Und las der Eltern Herz, die Gott und Tugend ehren,
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Den Auferziehungslohn an dir so sehn als hören.
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Dein oft geübter Mund, der rein und gründlich spricht,
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Zeigt unserm Zion schon ein neues Kirchenlicht,
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Um welches Mott und Neid sich selbst zum Schaden fliegen
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Und deßen Strahlen einst des Grabes Nacht besiegen.
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Ich schäze deine Treu und seh auf ihr Bemühn
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Schon um ein großes Theil mein Glücke stärcker blühn
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Und weis kein Wiedergelt, als daß ich mit dem Triebe
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Ergebner Redligkeit die kluge Freundschaft liebe.
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Gedenck einmahl der Zeit, in der die Lindenstadt
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Bey Unruh und Verdruß uns oft vergnüget hat,
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Und glaube, wärst auch du zum Misgunstsziel erkohren,
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Mit edler Großmuth noch: Betriegt euch nur, ihr Thoren!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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