[kaum hatte der galante Träumer am Briegschen Pindus Lerm gemacht]

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Johann Christian Günther: [kaum hatte der galante Träumer am Briegschen Pindus Lerm gemacht] (1709)

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Kaum hatte der galante Träumer am Briegschen Pindus Lerm gemacht
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Und überhaupt viel derbe Pillen dem Frauenzimmer beygebracht,
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Als dieses voller Scham und Zorn Zwirn, Rähme, Flachs und Puz verfluchte
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Und nun auch einmahl öfentlich sein Recht mit Ernst und Demuth suchte.
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Die Billigkeit saß auf dem Throne, den Gold und Cederlaub umwand,
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Und gab der Keuschheit und der Liebe auf beiden Seiten Plaz und Hand,
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Die Unschuld führte zur Verhör, zu welcher Frau- und Jungfern kamen,
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Die Warheit drang sich hizig vor und sprach darauf in aller Nahmen:
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Der Frevel unverschämter Federn, der dies gedrückte Volck betrübt
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Und allzeit seine Lästerpfeile nur blos am schwachen Werckzeug übt,
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Schwächt endlich Langmuth und Gedult und zwingt mich bey gerechten Klagen,
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Der Männer Schuld und Eigensinn dir, große Göttin, vorzutragen.
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Sie meinen, jeder so wie alle, vom Paradiese bis hieher,
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Als ob das weibliche Geschlechte zur Sclaverey erschafen wär,
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Und schüzen Evens Schwachheit vor, wodurch wir, wie sie thöricht wollen,
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So wohl an Großmuth als Verstand geringre Kräfte zeigen sollen.
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Aus diesem unbewiesnen Saze hat alle Zeit und jedes Land
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Wiz, Vorrecht, Herrschaft, Ruhm und Freyheit allein dem Hute zuerkand
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Und, wenn sich dann und wann ein Weib zu Stahl und Kiel geschickt bewiesen,
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Es vor ein schönes Ungeheur und Blendwerck der Natur gepriesen.
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Daß jener Narr aus blinder Boßheit ein Weib und Vieh vor eins erklärt,
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Das ist vielmehr der schärfsten Peitschen als vieler Wiederlegung werth;
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Und daß Poeten insgemein der Mägdgen Keuschheit durchgezogen,
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Beweist nichts, weil sie auch wohl eh den Göttern Laster angelogen.
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Ich steh zwar jezt nicht hier zu loben, doch wär es mir so süß als leicht,
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Noch manch Verdienst herauszubringen, vor dem das Mannsvolck Seegel streicht.
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Gesezt, ich hätte weiter nichts, so dürft ich nur die Schönheit mahlen,
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Die netten Züge saubrer Haut, die volle Brust, die scharfen Strahlen,
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Der Mienen stumme List und Stärcke, Gang, Wendung, Glieder und Person,
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Den Geist und Nachdruck süßer Worte; mit diesem allen könt ich schon
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Euch und die falsche Prahlerey, ihr blinden Spötter, leicht beschämen.
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Ihr lehret selbst: Wer andre zwingt, der kan mit Recht den Scepter nehmen.
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Nun sagt mir, wer den grösten Helden das Mordheft in der Faust erschröckt,
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Den Weisesten der Welt verführte und Cyrum in den Sack gesteckt!
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Sinds nicht die Engel schöner Art, um die sich viele Krieg entspinnen
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Und die wie Phrynens bloße Brust mehr als die Redekunst gewinnen?
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Auch kommt ihr Vorzug nicht auf Farben und so ein flüchtig Scheingut an;
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Ihr habt auch nicht allein den Grüze, der scharf und zierlich dencken kan
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Und das, was in der lincken Brust von Blut und Ehrbegierde schläget,
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Hat auch durch ihren Arm vorlängst viel tapfre Schulen abgeleget.
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Bevor ich alles deutlich machte, verlöre sich gewis der Tag;
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Daher ein jeder, der es fordert, die Zeitregister fragen mag.
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Ich wett, es ist kein Volck so arm und keine Landschaft so geringe,
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Das nicht noch manche Schurmannin so gut als Amazonen bringe.
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Nur eins aus allen anzuführen: Man darf nur jezt zur Oder gehn
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Und hören, was vor nette Lieder der deutschen Muse Ruhm erhöhn,
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Die, glaub ich, drückte sie nur nicht viel Trauren wie die Kranckheitsbürde,
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Der Schweden kluge Brennerin in kurzen überholen würde.
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Ja, sprecht ihr, dies sind weiße Raben, und gegen eine, die was nüzt,
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Stehn allzeit tausend solche Klözer, woraus man keine Tugend schnizt.
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Das danck euch Männern sonst jemand, euch, die ihr nach verdammter Mode
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Der Mägdgen Geist mit Fleiß erstickt. Sie wachsen stets in eignem Sode
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Und werden unter Rauch und Küche zur Niederträchtigkeit gewöhnt;
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Und wenn sich auch ein frey Gemüthe bald von Geburth an höher sehnt,
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So lehrt man solches doch wohl nichts als etwan Hand und Röcke falten
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Und läst den angebohrnen Trieb bey Wäsche, Flachs und Herd erkalten.
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So listig schüzt sich eure Tücke. Denn lernten sie zuviel verstehn,
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So habt ihr Furcht, sie möchten endlich mit Schluß und Dencken weiter gehn,
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Das Erbrecht der Natur durchsehn, die allgemeine Freyheit finden
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Und dies von euch gestohlne Gut euch wieder aus den Händen winden.
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Man läst euch gern der Ordnung wegen das Schuzamt und das Regiment,
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Damit ihr uns und unsre Wohlfahrt in Fried und Ruh erhalten könt.
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Dies Vorrecht habt ihr durch Vertrag, nicht aber von Geburth bekommen,
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Durch die ihr ja so gut als wir an Adams Schwachheit Theil genommen.
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Ich weis, dein Beyfall, große Göttin, versiegelt, was ich hier gesagt.
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Nun aber höre, welcher Vorwurf das arme Volck am meisten plagt,
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Und du, o Liebe, mercke drauf, wie viel es deinetwegen leide.
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Die Welt ist voller Unbestand und wechselt plözlich Angst und Freude
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In groß-, in klein- und mittlern Ständen, vornehmlich aber in der Eh,
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Von der der Wahlspruch also lautet: Bald Sturm, bald Stille, wie zur See.
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Der Anfang will zwar allemahl den Rest der güldnen Jahre zeigen,
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Die Brautnacht ist ein Theil davon, da hängt der Himmel voller Geigen;
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Doch tritt man aus der Flitterwoche, so kommt das Hauscreuz nach und nach
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Und kreucht mitsamt dem neuen Paare in Kleider, Bett und Schlafgemach.
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Der Himmel schickt den Seegensthau, vermehrt den Tisch und füllt die Windel.
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Die gute Caja sorgt und weint, der Mann bekommt den Kummerschwindel,
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Viel andrer Unruh zu geschweigen, die theils das Unglück mitgebracht,
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Theils aber auch, und zwar zum öftern, das liebe Paar sich selber macht,
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Voraus, wo Streit und Eigensinn zween harte Steine mahlen laßen
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Und Zancksucht, Blindheit und Verdacht ein jedes Wort in Bolzen faßen.
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Ich rede nicht vor alle Dirnen, es gibt auch Trespen unter Korn,
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Und unter einem Armvoll Garne sind wenig Fäden leicht verworrn;
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Wer aber wird wohl eines Baums und einer schlechten Garbe wegen
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Den ganzen Garthen niederhaun und Feuer in die Scheuren legen?
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Ein jeder schämt sich dieser Thorheit, doch schämt sich die Verleumdung nicht,
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Der ganzen Heerde Schuld zu geben, was ein verirrtes Schaaf verbricht.
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Das heist: kein Fehler und kein Fall ist so betrübt und groß im Lieben,
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Er wird stets einzig und allein den Frauen auf den Kerb geschrieben
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Und kommt der Schmähsucht auf die Zunge, die von der Männer Lastern schweigt
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Und an den grösten Schönheitssonnen geringe Flecken höhnisch zeigt.
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So ist die Welt Schlarafenland, in dem sich Straf und Recht verkehren,
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Den Tauben Kopf und Hals verdrehn, den Raben freyen Flug gewähren.
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Kein Weib ist jezt so gut und artig, kein schönes Kind so fromm und jung,
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Ein Meistersänger macht sich drüber und führt es durch die Musterung.
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Da werden Gang, Gestalt und Tracht vom Bande, das den Aufsaz schmücket,
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Bis auf den Unterrock von Filz so wie der Wandel durchgerücket;
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Womit sich mancher Mann noch rühmet und oft wohl gar sein Glücke macht,
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Das nimmt der Neid an ihren Bildern mit Abscheu oder Hohn in Acht.
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Ein unschuldsvoller Freundschaftskuß, und dies zwar ofentlich im Spielen,
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Soll gleich den lieben Kranz verdrehn und bald auf etwas anders zielen.
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Da heist die frey- und muntre Doris ein unverschämt- und frecher Sinn,
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Nerine singt und lebt im Stillen und wird dadurch zur Quäckerin;
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Bescheiden nennt man affectirt, galante Briefe Satanspoßen,
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Vernünftig schwazen superklug und freundlich scherzen halb geschoßen.
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So schimpft, so schilt man auch die Beste; ja, wo nur drey Pedanten stehn,
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Da muß sogar im Kirchenstande die Pfarrfrau durch die Hechel gehn.
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Die Jugend schminckt ein liebreich Kind, die Rosen wollen täglich brechen,
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Da schwermen Hummeln um den Strauch, ein frisches Honig auszustechen.
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Trift mancher Grobian nicht Kegel und fällt nicht gleich ein holdes Ja,
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So ist das Feuer in dem Dache und dieses Rachwort flüchtig da:
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Auf was verspizt sich wohl der Alp? Nach welchem Doctor steht die Nase?
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Ergiebt sich anderntheils ihr Herz, nachdem ihr ein verliebter Hase,
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Der auch die Mutter schon gefeßelt, mit viel Betheurung zugesezt,
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So heists: Was thäte der den Küzel mit Dorn und Neßeln abgewezt!
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Kurz, wollt ich nach der Ordnung gehn, so würd ich Sprach und Kraft verlieren
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Und dennoch, Göttin, alle Qual dir nicht genug zu Herzen führen.
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Ach, zeig doch endlich deinen Eifer und ändre den verkehrten Lauf
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Und deck auch einmahl uns zum Troste die Schande solcher Spötter auf.
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Von dieser stehn hier, wie du siehst, zwey Haufen wohlerfahrner Zeugen,
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Vergönne Zutritt, Ohr und Rath und las mich jezt mit Hofnung schweigen.
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Die Warheit schwieg, die Göttin winckte, da trat zuerst der Jungfern Chor
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Und unter diesen Amarillis so wie der Mond den Sternen vor.
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Das Antliz war voll Majestät, der Mund bewies des Geistes Feuer
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Und sprach: Mein Alter ist nicht hoch, doch hab ich schon so manchen Freyer,
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Ohn Absicht einem zu gefallen, genau und sinnreich ausstudirt
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Und so viel Sparren angetrofen, als hier mein Auspuz Nadeln führt.
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Der eine war schon weit gereist und doch auf nichts als Grif und Lecken,
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Die Ficken musten voller Band, das Maul voll Zimmt und Zucker stecken;
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Drey Stunden rieb er vor dem Spiegel an Krause, Weste, Knopf und Haar,
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Er roch nach ganzen Apothecken, und wo er in Gesellschaft war,
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Da musten Dose, Stock und Uhr den Fingern stets zu spielen machen,
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Um nur der Dinge Prahlerey zu schäzen oder zu belachen.
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Vom Schröpfen trug er meinen Nahmen in Blut und Stichen auf der Haut;
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Talander gab ihm Kunst und Reden, so oft er mich als seine Braut
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Wie Molierens Harlequin halb tanzend durch die Gaßen führte;
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Und wenn mein Eckel sein Gesicht mit etwas spröden Mienen rührte,
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So bombardirt er mich mit Fragen, strich Schlaf und Puls mit Balsam ein
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Und sprach:
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Wie hälts,
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Erzwäng ich, wenn sie jezo stürben! Ach, laßen sie mich doch verstehn,
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Was jezt vor traurige
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Ihr Diener ist ja wohl nicht schuld, wofern sie heut
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Sie sagen, bin ichs in der That, so soll mich gleich der Dolch bestrafen.
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O, dacht ich damahls, nur hinunter, es hat noch Hasen auf der Welt.
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Und daß ich hierbey nicht vergeße, was mir bis jezt noch wohlgefällt,
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So küst er meinen kleinen Mops, den schon das Alter abgefreßen,
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Zum Zeichen der
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Ich lies den Stockfisch in das Waßer, das ist, ich zwang ihm Thränen ab,
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So bald ich ihm recht
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Der andre war ein Geldgalan von ziemlich starckem Schrot und Korne
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Und mochte noch so heilig thun, so sah der Sparren doch von vorne;
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Wer hier nur Kleid und Hut erblickte, den nahm der Durst bald hizig ein,
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Und daß ich viel in wenig schließe: Er war ein philosophisch Schwein,
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Dazu schon längst gegraduirt, mit Züchten, sag ich, ein Magister,
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Er wollt in Gottes Schaafstall ziehn, und weil man jezt die tümmsten Priester
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Nur durch den Beuthel ordiniret, er aber ehmahls von Athen
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Durch Kind und Schuld gezwungen worden, bey Nacht und Nebel durchzugehn,
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So warb er viel, die sich bey mir um Vorschuß, Gunst und Herz bemühten,
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Um in der heilgen Auction den Würdigsten zu überbiethen;
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Allein ich wies ihm bald die Thüre und hätt es doch noch nicht gethan,
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So aber stund mir, deutsch zu sagen, sein ganzes Wesen gar nicht an.
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Warum? Er war der klare Kern von jenen alten Junggesellen,
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Die in der ersten Classe schon die Mägdgen um viel Weißzeug schnellen,
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Ihr Herz mit Blut und Fluch verschreiben (wie hier noch M[enlings] Handschrift zeigt,
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Der unter einer Leinwandschürze durch Meineid auf die Canzel steigt)
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Und nachmahls, wenn sie Glück und Stern dem Fürsten an die Seite sezen,
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Das Kind, so ihnen treu gedient, wohl kaum des Ansehns würdig schäzen.
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Ich hörte nechst mein blaues Wunder, wie schön es dieses Völckchen macht,
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Das draußen auf den hohen Schulen noch mehr bey Glas als Büchern wacht;
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Gott weis, wer ihre Muhmen sind, wovon sie uns so viel erzehlen;
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Der Schweiß der Eltern wird verkocht, die sich daheim mit Sorgen quälen;
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Der Hausrath wandert zu Gevattern, der Pursche lermt, fährt aus und haust
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Mit Wirthen, Pferd und jungen Mägdgen, und wenn er bis an Morgen schmaust,
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So reißt hernach das starcke Bier Tisch, Bäncke, Krug und Ofen nieder
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Und schreyt: Auf, Bruder, auf! Ein Weib, ein reiches Weib bringt alles wieder.
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Verspizt euch nur, ihr guten Schlucker! Wir sind nicht eben alle tumm.
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Hier fiel die Klugheit in die Rede und wandte gleich den Seiger um
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Und lies, als Amarillis schwieg, die Frauen auch den Vortritt nehmen.
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Armide nahm den ersten Rang. Die Röthe wies ein ehrlich Schämen;
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Die Wehmuth sah ihr aus den Augen, doch blieb die Bildung hold und nett.
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Ach, Göttin, fing sie an zu klagen, ach, könt ich doch im Cabinet
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Und in der stillen Einsamkeit mein Elend scharf genug beweinen!
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Mein schönstes Alter stirbt in Gram, und niemand kan noch darf es meinen,
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Und niemand darf noch soll es wißen; du, Himmel, weist es, deßen Zug
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Mir, als ich mich zur Heirat schickte, so Aug als Herz mit Blindheit schlug.
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Ich war, doch sonder eigen Lob, so klug als ehrlich auferzogen,
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Die Brust war zärtlich und getreu, das Glücke schien mir auch gewogen
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Und gab mir von der Eltern Seegen ein ohne Sünd erlangtes Gut;
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Die Buhler kamen schön und häufig, doch keiner steckte Fleisch und Blut
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Mit gleichgesinnter Neigung an; Misander kam und stahl mein Herze
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(gedenck ich jezt an jene Zeit, so berstet fast die Brust von Schmerze).
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Misander war mein erster Liebster und sollt es bis zum Grabe seyn,
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Sein höflich und verstelltes Wesen nahm Augen, Ohr und Sehnsucht ein;
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Da war kein schön, kein zärtlich Wort, kein hoher Schwur, kein feurig Küßen,
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Wodurch er mir nicht stets die Lust von unsrer Ehe vorgerißen;
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Ich schloß ihn brünstig in die Armen. Ein Jahr floß leider kaum vorbey,
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So ofenbahrten sich die Klauen der hinterhaltnen Tyranney.
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Ich war so ehrlich, so vertraut und gab ihm alles zu verwalten
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Und dachte, wer mein Herz besizt, der kan auch wohl mein Gut behalten.
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Jezt straft die Nachreu meine Thorheit, jezt, da mein vorig Engelsbild
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Mich stets mit Satanslarven schröcket. Kein Bär, kein Tieger ist so wild,
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Als jezt Misander brummt und schäumt, so oft mir eine Klag entfähret;
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Nun muß ich statt der Danckbarkeit, daß er mein Erbtheil ausgezehret,
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Die Grillen und den Groll entgelten, womit ihn Noth und Armuth preßt.
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Vor diesem prahlt er mit Proceßen; jezt, da ihn seine Kunst verläst,
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Sind alle Sporteln durch das Jahr nicht mehr als zweyundfunfzig Wochen,
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Wovon wir keinen Festtag sehn und wenig fette Suppen kochen.
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Wenn andern ihr gelehrtes Schwizen die Acten mit Ducaten füllt,
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So steht er an der Thüre pfeifen und fragt, was Holz und Haber gilt.
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Bald jagt er mich mit Hund und Magd durch alle Zimmer bis zum Herde;
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Bald spizt und lacht er höhnisch drein, wodurch ich mehr gemartert werde,
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Als quetschte mir ein peinlich Fragen Fleisch, Adern, Bein und Marck entzwey,
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Und kommt er langsam von dem Truncke, so sucht er seine Raserey,
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Nachdem die Magd nicht recht gewollt, an meiner Unschuld auszugießen;
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Verlier ich nur ein einzig Wort, so will er grausam haun und schießen;
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Ich denck, ich thu ihm nach dem Wincken, so gut und schön ich immer kan,
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Und wär es noch so wohl gerathen, ists dennoch keinmahl recht gethan.
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Hier schloß ein tief geholtes Ach Armidens wehmuthsvolle Lippen.
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Calliste nahm hierauf das Wort und sprach: Ein Postpferd hat noch Krippen,
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Woran es unter Stroh und Futter den schlimmsten Weg in Ruh verschmerzt;
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Ich Ärmste bin ein Ball der Schickung, die gar zu scharf und grausam scherzt.
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Mein Graukopf, welchem mich der Zwang bethörter Eltern angehangen
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Und dem ich gleichwohl auf ihr Wort mit Lieb und Hülfe zugegangen,
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Der Graukopf quält mich in der Seele durch Boßheit, Geiz und Eifersucht,
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So oft sein niederträchtig Herze aus Misgunst auf den Nechsten flucht.
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Im Caniz las ich erst jüngsthin, was Harpax vor ein Thier gewesen;
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Ach, hätte Caniz den gekand, so würden wir was Ärgers lesen.
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Er gönnt sich selbst kaum einen Bißen und überzehlt nur stets sein Geld
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Mit Fluchen, daß ihm Gott und Glücke die zehnte Kiste ledig hält;
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Mir wirft er oft die Armuth vor und hütet mich durch böse Leute,
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Damit nur Hunger, Blöß und Noth nicht etwan Fleisch und Blut verleite;
232
Er traut mich kaum allein zum Beichtstuhl, und wenn mein Bruder mit mir spricht,
233
So mißt er mich nach seiner Elle und traut sogar dem Bruder nicht;
234
Vergeß ich mich von ohngefehr und lache mit vergnügtem Blicke,
235
So schmeist er plözlich mit der Hand und aus dem Bette mit der Krücke;
236
Da muß ich vor den kalten Gözen dem Himmel um Gesundheit flehn
237
Und nachmahls, wenn die Gicht vergangen, ohn Einspruch und Empfindung sehn,
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Wie schön die gröbste Bauermagd auf der vor mir verschloßnen Tänne
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Aus Hofnung seines Testaments den alten Sperling streicheln könne.
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O Himmel, wie vergnügt, wie ruhig, wie reich, wie seelig wollt ich seyn,
241
Gelänge mir nur noch mein Wüntschen, auch in ein Hirtenhaus zu freyn
242
Und da bey Waßer, Salz und Brodt im dunckeln Thal und wüsten Heiden
243
Mit einem, der so liebt wie ich, die Lämmer wie mein Herz zu weiden.
244
Ach, Frau Gevatter, fiel Clarinde Callisten plözlich in das Wort,
245
Ists Ernst, so will ich sie begleiten. Verdruß und Unmuth jagt mich fort;
246
Der Mann giebt Frauen Glanz und Ruhm, mein Mops gebiehrt mir nichts als Schande,
247
Und außer ihm lebt wohl vorwahr kein ärgrer Nabal in dem Lande;
248
Schlaf, Eßen und im Bette thalen ist alles, was er thut und weis;
249
Die Leute scheut er als ein Wilder, und wenn mein Anschlag und mein Fleiß
250
Aus Vorsicht ihn zu Rathe zieht, wie dies und jenes anzufangen,
251
So mag ich noch so freundlich thun, ich werde keinen Zweck erlangen;
252
Kommts hoch, so ist ein Achselzücken und mürrisch Mags doch! sein Bescheid;
253
Die Knechte läst er sich vexiren; besäh nur ich nicht Wäsch und Kleid,
254
So lies er, glaub ich, beides gar aus Fäulnüß von dem Leibe fallen;
255
Ja manchmahl thät es gar wohl noth, ihm Schuh und Hosen loszuschnallen.
256
Es rührt ihn weder Lust noch Kummer, doch schielt er allzeit wie ein Bock
257
Und steht bey seiner Brandtweinbulle noch steifer als mein Haubenstock,
258
So daß ich, wenn ihn Freund und Fest bisweilen in Gesellschaft zwingen,
259
Vor Scham und Ärgernüß kaum weis, den Mops mit Ehren fortzubringen.
260
Da hörstu selber, große Göttin, so brach die Warheit endlich aus,
261
Wie weit der Männer Unschuld reiche, damit sie uns den Palmenstrauß
262
Von Tugend, Weißheit und Vernunft aus Hand und Hofnung reißen wollen,
263
Da doch die meisten ihrer Zunft auf tausend Arten gröber rollen.
264
Sie hencken freylich aneinander wie Froschleich und wie junges Moos,
265
Entführen uns dazu die Wafen und brechen allzusammen los,
266
Nachdem sich etwan hier und dar ein Frauenzimmer irrt und wehret,
267
Wenn allzustrenge Grausamkeit Gehorsam in Verbittrung kehret.
268
Ach steure doch dem langen Übel, das alle Rechte niederschlägt,
269
Und drohe beiderley Geschlechten, bis eins des andern Schwachheit trägt;
270
Sonst dürfte wohl der beste Kerl kein treu- und frommes Weib mehr kriegen
271
Und alle Freundschaft aus der Welt, wie ich und du vorlängst, entfliegen.
272
Hier fielen nun die Klägerinnen zusamt der Warheit auf das Knie,
273
In Demuth also zu erwarthen, wie viel der Vortrag Wucher zieh.
274
Die Billigkeit verlies den Thron, vor welchem auch der frechste Sünder
275
Muth, Heucheley und Herz verliert, und hob die angenehmen Kinder
276
So schnell, so liebreich, so gelaßen, als Carlens Majestät erscheint,
277
So oft sein hold und liebreich Auge den einmahl überwundnen Feind
278
Durch Gnade zur Erkäntnüß bringt, und weil er hier vor Gott regieret,
279
Die Völcker, so er erst gestraft, hernach mit Fried und Seegen zieret;
280
So freundlich, sag ich, war die Göttin und sprach: Ihr Töchter, seyd getrost,
281
Denn eures Ruhmes Lorbeeräste, worüber sich der Neid erbost,
282
Verwelcken von dem Geifer nicht, den viel verwegne Mäuler werfen;
283
Ein deutscher Maro wird noch gar den Kiel zu eurem Lobe schärfen.
284
Ihr bleibet herrliche Geschöpfe, der Menschen Lust, der Erde Schmuck,
285
Und wer euch nicht davor erkennet, ist durch sich selbst gestraft genug.
286
Darum befriedigt künftighin Herz, Sinnen, Eifer und Gemüthe;
287
Kein Vorzug steht den Männern zu, als welchen ihr aus Lieb und Güte
288
Der allgemeinen Ruh zum Besten mit willigem Gehorsam gebt,
289
Wovor ihr über ihre Herzen den Lohn vergnügter Herrschaft hebt.
290
Die Thoren, so euch wiederstehn und die sich nicht so gleich bekehren,
291
Verdamm ich unter euer Joch zur Arbeit und zu weibschen Zähren,
292
Und welcher mit vergiften Schriften euch sonder Wahl und Unterscheid,
293
Es sey auch, wegen was es wolle, so frey und liederlich beschreyt,
294
Der soll an statt des Macherlohns ein böses Rumpelscheit bekommen,
295
Die sieben Männern schon den Hals, wie ihr die Zeit den Zahn, genommen.
296
Die Strafe gab ein groß Gelächter, die Klugheit aber stillt es gleich
297
Und predigte noch diese Lehren: Die Welt hat auch ein Himmelreich,
298
Dies ist der Stand vergnügter Eh; begehrt ihr Jungfern dies zu schmecken,
299
So last euch stets mein Winckelmaas das Ziel in Heiratssachen stecken.
300
Vergaft euch nicht an Stand und Golde, sorgt aber auch vor Glück und Lob,
301
Erforscht hauptsächlich Trieb und Herze, bezeigt euch weder frech noch grob,
302
Vermeidet auch sogar den Schein und wehlt nicht etwan in die Länge;
303
Der Raum ist zwischen Wieg und Sarg, ihr wist wohl, ziemlich kurz und enge,
304
Und wenn der Spiegel einmahl reißet, so nimmt er wenig Augen ein;
305
Doch last euch auch nicht bey der Docke und schon im Flügelkleide freyn;
306
Sezt jeden, der den Umgang sucht, doch ohne Vorwiz, auf die Proben
307
Und glaubt nicht aller Schmeicheley, womit euch Vers und Briefe loben.
308
Verzögert Glücke, Trost und Hülfe, so traut dem Himmel und der Zeit,
309
Und steht ihr heimlich schon im Bunde, so opfert der Beständigkeit;
310
Es mögen Freunde, Feind und Haß euch noch so heftig wiedersprechen,
311
Ein Paar, das treu und redlich liebt, muß troz den Wettern Rosen brechen.
312
Dies möchte Phillis nur bedencken und jezo nicht verdrießlich thun;
313
Ihr Herz, das jezt die Neider quälen, soll einmahl nach dem Stürmen ruhn
314
Und glauben, daß sich Philimen aus Noth und nicht aus Falschheit trenne,
315
Damit er ihr nur seine Treu in beßerm Glücke zeigen könne.
316
Vor allem theilet nicht das Herze an mehr als einen rechten Ort,
317
Der Schifman sieht auf ein Gestirne und seegelt damit sicher fort;
318
Die Liebe paart nur zwey und zwey und leidet nimmermehr den dritten;
319
Dem, der zu vielen naschen geht, wird endlich aller Paß verschnidten.
320
Dies merckt euch, Frauen, auch besonders, und seyd ihr glücklich angebracht,
321
So ehrt den Schöpfer, der die Ehen noch eher als die Welt gemacht;
322
Hat aber ein verborgner Schluß euch Ring und Mann zur Qual gegeben,
323
So sucht, so viel nur an euch ist, gleichwohl nach Fried und Ruh zu streben;
324
Erinnert heimlich und bescheiden, was irgend Fluch und Schaden bringt,
325
Und wehlt dazu bequeme Stunden, weil nichts zur Unzeit gut gelingt;
326
Bekommt ihr kein vertraulich Wort, so wist, Gedult thut mehr als Stärcke;
327
Durch Sanftmuth, Scherz und Freundligkeit und mehr dergleichen gute Wercke
328
Beschämt ihr warlich alle Feinde und dadurch zeigt ihr erst der Welt,
329
Daß ihr die Herrschaft würcklich habet, wovon der Mann den Schatten hält.
330
Vertraut auch eurer besten Schwester des Hauses Heimligkeiten nicht
331
Und lehnt auch dem nicht Herz und Ohren, was sie von ihrem Manne spricht.
332
Das Ehbett ist ein Heiligthum und trägt wie ehmahls Salems Tempel
333
Den Vorhang der Verschwiegenheit. Begehrt ihr ja ein neu Exempel,
334
So seht auf Racondinens Tugend, die als ein Phoenix unsrer Zeit
335
Bey so viel Haus- und Wirthschaftssorgen dem Kummer stets die Spize beuth;
336
Sie hat wohl auch ihr heimlich Creuz und muß sich in viel Köpfe richten,
337
Sie pflegt, sie liebt den blöden Mann, den viele schwere Fälle sichten,
338
Sie rächt sich an dem groben Neide mit Wohlthun höflich und galant,
339
Weis Groß- und Kleinen zu begegnen und beuth den Armen Hülf und Hand
340
Und sucht dabey kein ander Lob, als Feind und Herzen zu gewinnen,
341
Und daher stört ihr auch kein Gram die allzeit aufgeräumten Sinnen.
342
So sprach die Klugheit zum Beschluße. Die Liebe sazte dies noch bey:
343
Folgt, Töchter, diesen güldnen Sprüchen und seht hernach, wie wohl euch sey,
344
Die Frucht der Tugend und den Kranz aus meinem Schooße zu empfangen.
345
Zwo Seelen haben einen Wuntsch, ein Herz, ein Dencken, ein Verlangen;
346
Sie sind zwo Saythen einer Laute, die Lust und Neigung gleich gestimmt;
347
Ihr Feuer zärtlicher Gemüther, das ohne Rauch und Ende glimmt,
348
Verblendet stets den scheelen Neid und wirft den Schatten auf die Mängel,
349
Die eins am andern bald gewohnt. Er ist ihr Schuz, sie heist sein Engel;
350
Streit, Argwohn, Eigennuz und Klagen streut keinen Mehlthau auf die Frucht,
351
Die jedes auf des andern Lippen mit brünstiger Umarmung sucht.
352
Sie dienen Gott mit solcher Furcht, als Kinder vor dem Vater haben,
353
Und nehmen stets mit ihm vorlieb, er zeige Ruthen oder Gaben;
354
Ihr Theilen macht die Bürde leichter, und bricht das Alter gleich herein,
355
So thun sie doch so schön und zärtlich, als sollt anjezt erst Hochzeit seyn,
356
Mit Wuntsch, der Welt von ihrer Treu, Kraft welcher sie zugleich erblaßen
357
Wie Baucis und Philemon
358
Ein solch verliebt und schön Verhängnüß fängt jezt auch Asmanns Leben an,
359
Der, wie mir Themis selbst beschworen, der Welt schon manchen Dienst gethan
360
Und den so wohl ein redlich Herz als Kunst, Verstand und Fleiß und Wachen
361
Zum Priester der Gerechtigkeit auch mit des Neides Beyfall machen.
362
Er hat sein zeitlich Wohl und Glücke durch Klugheit jederzeit gebaut
363
Und mir auch als der wahren Liebe bey dieser Wahl allein getraut;
364
Drum schwör ich jezt bey meiner Macht, die nichts als Gott vermag zu binden,
365
Er soll bey seiner Asmannin ein vorbeschriebnes Eden finden,
366
Und dies so wahr, als mein Erbarmen, das aller Länder Seufzen schäzt,
367
Mit ehsten nach so vielen Siegen den Rest zu Carlens Wüntschen sezt,
368
Daß nehmlich so ein Prinz als er aus Rudolphs Blut und Lenden steige
369
Und wie August die güldne Zeit den Musen auch in Deutschland zeige.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christian Günther
(16951723)

* 08.04.1695 in Striegau, † 15.03.1723 in Jena

männlich, geb. Günther

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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